Neun sit­zen im Ge­fäng­nis, sechs le­ben im Exil

Die Schweiz ist ei­nes der be­vor­zug­ten Zie­le für po­li­ti­sche Flücht­lin­ge aus Ka­ta­lo­ni­en.

Der Bund - - THEMA - Res Streh­le

Seit En­de März steht fest, dass die nach dem Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum ab­ge­setz­te ka­ta­la­ni­sche Re­gie­rung in Spa­ni­en an­ge­klagt wird. Das Glei­che gilt für ei­ni­ge füh­ren­de ka­ta­la­ni­sche Par­la­men­ta­ri­er, den ehe­ma­li­gen Chef der Re­gio­nal­po­li­zei und zwei Prä­si­den­ten kul­tu­rel­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen. Neun die­ser An­ge­klag­ten, de­nen Re­bel­li­on vor­ge­wor­fen wird, sit­zen in ei­nem Ma­dri­der Ge­fäng­nis in Haft. Dar­un­ter sind sechs Mit­glie­der der ehe­ma­li­gen Re­gie­rung.

Die üb­ri­gen Mit­glie­der der Re­gie­rung so­wie füh­ren­de Par­la­men­ta­ri­er sind ent­we­der auf Kau­ti­on pro­vi­so­risch auf frei­em Fuss oder ha­ben sich ins Aus­land ab­ge­setzt. Sie wol­len sich dort wei­ter für die ka­ta­la­ni­sche Sa­che ein­set­zen. Bei der Wahl der Exil­or­te schei­nen Staa­ten be­vor­zugt wor­den zu sein, die ent­we­der ei­ge­ne Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen ken­nen oder in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit ei­nen di­rekt­de­mo­kra­ti­schen li­be­ra­len Um­gang mit ei­ner Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung be­wie­sen ha­ben – wie die Schweiz ge­gen­über dem Ju­ra.

Fol­gen­de Po­li­ti­ker sind vor der spa­ni­schen Jus­tiz ins Aus­land ge­flo­hen: ○ Carles Pu­ig­de­mont, ehe­ma­li­ger ka­ta­la­ni­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent: Er war­tet ge­gen­wär­tig in Berlin auf den Ent­scheid des Ober­lan­des­ge­richts von Schles­wi­ghol­stein zum Aus­lie­fe­rungs­ge­such aus Spa­ni­en. Das Ge­richt hat von der spa­ni­schen Staats­an­walt­schaft zu­sätz­li­che Un­ter­la­gen zum vor­ge­wor­fe­nen De­likt der Ver­un­treu­ung öf­fent­li­cher Gel­der an­ge­for­dert. Der Staats­an­walt wirft der ka­ta­la­ni­schen Re­gie­rung im Zu­sam­men­hang mit dem il­le­ga­len Re­fe­ren­dum vor, 1,6 Mil­lio­nen Eu­ro aus­ge­ge­ben zu ha­ben. Die Ka­ta­la­nis­ten be­zif­fern die Kos­ten für das Re­fe­ren­dum mit 200 000 Eu­ro. Sie wol­len das Geld mit­tels Schwarm­fi­nan­zie­rung aus pri­va­ten Spen­den er­hal­ten ha­ben und von­sei­ten der Re­gie­rung ein­zig die Rei­se in­ter­na­tio­na­ler Wahl­be­ob­ach­ter fi­nan­ziert ha­ben. Ei­ne Aus­lie­fe­rung we­gen des deut­lich schwe­re­ren An­kla­ge­punkts Re­bel­li­on wer­den deut­sche Ge­rich­te vor­aus­sicht­lich nicht be­wil­li­gen. Da­zu fehlt nach über­ein­stim­men­der Auf­fas­sung der Ein­satz von Ge­walt auf ka­ta­la­ni­scher Sei­te. Bis zu ei­nem rechts­kräf­ti­gen Ge­richts­ur­teil darf Pu­ig­de­mont Deutsch­land nicht ver­las­sen. Wenn er nicht aus­ge­lie­fert wird, wird er sich vor­aus­sicht­lich wie­der nach Brüssel be­ge­ben, wo er in ei­nem Vo­r­ort ein Haus ge­mie­tet hat. ○ An­to­ni Co­min, ehe­ma­li­ger ka­ta­la­ni­scher Ge­sund­heits­mi­nis­ter, und Llu­is Pu­ig, ehe­ma­li­ger Kul­tur­mi­nis­ter, wei­len eben­falls im Brüs­se­ler Exil. Bei­des sind en­ge Ver­trau­te von Pu­ig­de­mont. ○ Cla­ra Pon­sa­ti, ehe­ma­li­ge Bil­dungs­mi­nis­te­rin, weilt in Schott­land. Die Ju­ris­tin hat ei­nen Lehr­auf­trag an der St. And­rew’s Uni­ver­si­ty und sich ent­schie­den, dort zu blei­ben. Sie soll die ka­ta­la­ni­schen An­lie­gen im bri­ti­schen Raum ver­tre­ten, wo das Ver­ständ­nis für die Ka­ta­la­nen auf­grund der Ver­bun­den­heit vie­ler Bri­ten zu die­ser Re­gi­on ver­gleichs­wei­se hoch ist. So be­rich­tet der «Guar­di­an» von den in­ter­na­tio­na­len Me­di­en am aus­führ­lichs­ten über den Kon­flikt. ○ An­na Ga­b­ri­el und Mar­ta Ro­vi­ra be­fin­den sich seit Mit­te Fe­bru­ar be­zie­hungs­wei­se En­de März in der Schweiz. Bei­de ha­ben die Re­gi­on Genf ge­wählt, um ih­re An­lie­gen nach Mög­lich­keit auch vor den Uno-gre­mi­en ver­tre­ten zu kön­nen. Ge­gen An­na Ga­b­ri­el, ehe­ma­li­ge Spre­che­rin der klei­nen lin­ken Frak­ti­on CUP im ka­ta­la­ni­schen Par­la­ment be­steht kein in­ter­na­tio­na­ler Haft­be­fehl. Ihr wird ein­zig Un­ge­hor­sam ge­gen ei­ne staat­li­che An­ord­nung vor­ge­wor­fen, weil sie ei­ner Vor­la­dung der Staats­an­walt­schaft nicht Fol­ge leis­te­te. Mar­ta Ro­vi­ra wird mit in­ter­na­tio­na­lem Haft­be­fehl ge­sucht. Die Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der links­na­tio­na­len ERC ist we­gen Re­bel­li­on an­ge­klagt, nicht aber we­gen Ver­un­treu­ung (da sie nicht in der ka­ta­la­ni­schen Re­gie­rung sass). Ro­vi­ra ist in die zwei­to­bers­te Grup­pe der be­schul­dig­ten Ka­ta­la­nen auf­ge­rückt, als sie vor den Neu­wah­len im De­zem­ber an­geb­li­che Plä­nen der spa­ni­schen Zen­tral­re­gie­rung öf­fent­lich mach­te, bei ei­ner Zu­spit­zung des Kon­flikts Trup­pen nach Ka­ta­lo­ni­en zu ver­la­gern. Spa­ni­ens Re­gie­rung be­strei­tet das.

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