Sersch Sar­kis­jan ka­pi­tu­liert

Ar­me­ni­ens Pre­mier hat nach ta­ge­lan­gen Mas­sen­pro­tes­ten sei­nen Rück­tritt er­klärt.

Der Bund - - AUSLAND - Ju­li­an Hans Je­re­wan

«Die Stras­se will nicht, dass ich die­ses Amt in­ne­ha­be. Ich er­fül­le ih­re For­de­rung», schrieb Sersch Sar­kis­jan ges­tern in sei­ner Rück­tritts­er­klä­rung. «Ni­kol Pa­schin­jan hat­te recht. Ich hat­te un­recht.» Der am Sonn­tag ver­haf­te­te Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker Pa­schin­jan war kurz zu­vor frei­ge­las­sen wor­den. Er hat­te die Pro­test­be­we­gung an­ge­führt, die in elf Ta­gen das gan­ze Land er­fass­te und schliess­lich zu Sar­kis­jans Rück­tritt führ­te. Für die Si­tua­ti­on ge­be es Lö­sun­gen, aber er wer­de kei­ne da­von wäh­len, «das ist nichts für mich», hiess es wei­ter – of­fen­bar ei­ne An­spie­lung auf ei­ne mög­li­che ge­walt­sa­me Nie­der­schla­gung der Pro­tes­te.

Mit dem Rück­tritt des 63­jäh­ri­gen Sar­kis­jan geht ei­ne Ära zu En­de. Seit dem Krieg mit dem Nach­bar­land Aser­bei­dschan in den 90er­jah­ren hat­te er die Po­li­tik des Lan­des be­stimmt. Nach zwei Amts­zei­ten als Prä­si­dent wä­re sei­ne Herr­schaft ge­mäss der Ver­fas­sung in die­sem Jahr zu En­de ge­gan­gen. Aber Sar­kis­jan liess die Ver­fas­sung än­dern, al­le Macht auf den Pre­mier über­tra­gen und sich ent­ge­gen frü­he­ren Ver­spre­chen am ver­gan­ge­nen Di­ens­tag zum Re­gie­rungs­chef wäh­len.

Das war der Ent­scheid, der die Ar­me­ni­er auf die Stras­sen trieb. Sie lei­den un­ter der Vet­tern­wirt­schaft, die ei­ne klei­ne Grup­pe von Ver­wand­ten und Weg­ge­fähr­ten Sar­kis­jans reich ge­macht hat, wäh­rend die Mehr­heit der drei Mil­lio­nen Bür­ger in Ar­mut lebt. Nach­dem über Ta­ge vor al­lem Stu­den­ten und jun­ge Men­schen Stras­sen blo­ckiert und das öf­fent­li­che Le­ben zeit­wei­se lahm­ge­legt hat­ten, tra­ten am Mon­tag auch Leh­rer, Uni­ver­si­täts­do­zen­ten und Ärz­te in den Streik; Hun­der­te Sol­da­ten lie­fen zu den Pro­tes­tie­ren­den über.

Sanf­ter Über­gang

Als die Nach­richt von Sar­kis­jans Rück­tritt be­kannt wur­de, brach in der Haupt­stadt Ju­bel aus. Bis in die Nacht tanz­ten die Men­schen auf den Stras­sen. In ei­ner Re­de vor mehr als 100 000 Men­schen auf dem Platz der Re­pu­blik ver­sprach Ni­kol Pa­schin­jan ei­nen sanf­ten Über­gang und for­der­te De­mons­tran­ten und Si­cher­heits­kräf­te zu ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt auf. Den An­ge­hö­ri­gen der al­ten Eli­ten ver­sprach er, es wer­de kei­ne Ra­che ge­ben: «Wir bau­en ein Land der Gleich­heit und der na­tio­na­len Ein­heit», sag­te er.

Wer im­mer auf Sersch Sar­kis­jan folgt, steht vor der schwe­ren Auf­ga­be, die kor­rup­ten Struk­tu­ren zu zer­schla­gen, die Wirtschaft zu be­le­ben und die gros­sen Hoff­nun­gen nicht zu ent­täu­schen, wel­che die Ar­me­ni­er in den Wan­del ge­setzt ha­ben.

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