Ita­li­ens Re­gie­rungs­bä­cker

Ana­ly­se Ita­li­ens Cin­que Stel­le su­chen nach ei­nem Part­ner für die Macht. Doch sie ge­ben sich wäh­le­risch und wei­gern sich, mit zwei Drit­teln des Rechts­la­gers über­haupt zu re­den. Oli­ver Mei­ler, Rom

Der Bund - - AUSLAND -

In Ita­li­en geht ge­ra­de der ers­te Ofen aus. So, for­no, nen­nen die Ita­lie­ner den Ver­such, et­was ge­ba­cken zu be­kom­men zwi­schen zwei po­li­ti­schen La­gern, die ei­gent­lich nicht zu­sam­men­pas­sen und den­noch ge­mein­sam re­gie­ren könn­ten. Für das hö­he­re Wohl der Re­pu­blik zum Bei­spiel. Manch­mal ge­lingts. Manch­mal aber ist al­les nur ein tak­ti­sches Ma­nö­ver, und der Ofen geht gar nie an.

Wie das bei den Cin­que Stel­le und dem Rechts­bünd­nis ge­nau war, den bei­den Sie­gern der Par­la­ments­wah­len vom 4. März, von de­nen kei­ner al­lei­ne re­gie­ren kann, wird man vi­el­leicht nie er­fah­ren. Der Ver­such ist ge­schei­tert. Wie ein Souf­flé ist er in sich zu­sam­men­ge­fal­len, um beim Bild zu blei­ben. Das ist nicht ver­wun­der­lich. Lu­i­gi Di Maio, der «po­li­ti­sche Chef» der Pro­test­be­we­gung Cin­que Stel­le, Ita­li­ens stim­men­stärks­ter Ein­zel­par­tei, hat­te Be­din­gun­gen ge­stellt an den mög­li­chen Part­ner mit den meis­ten Sit­zen im Par­la­ment, die die­ser schlech­ter­dings ein­fach nicht hin­neh­men konn­te.

Ber­lus­co­ni ist nicht ge­fragt

Di Maio wei­ger­te sich näm­lich, mit zwei Drit­teln des Rechts­la­gers über­haupt zu re­den: Un­lieb­sam wa­ren ihm so­wohl Silvio Ber­lus­co­ni, der Pa­tron von For­za Ita­lia, als auch die Post­fa­schis­ten von Gior­gia Me­lo­nis Fra­tel­li d’ Ita­lia. Nur Mat­teo Sal­vi­ni von der rechts­na­tio­na­len Le­ga pass­te ihm. Der ste­he für «Wan­del». Sal­vi­ni wie­der­um ver­bat sich die Pi­cke­rei, die ihn nur vor­der­grün­dig zum be­vor­zug­ten Part­ner mach­te: Im Grun­de ging es Di Maio ja auch dar­um, die Rech­te zu spal­ten. Oh­ne Ber­lus­co­ni und Me­lo­ni wiegt Sal­vi­ni nur noch 17 Pro­zent, halb so viel wie die Cin­que Stel­le. In ei­ner Ko­ali­ti­on der bei­den wä­re er Di Mai­os Se­kun­dant, und das kann man sich beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len. Bei­de Her­ren möch­ten Pre­mier wer­den. Und so fragt sich, ob der Ofen der Po­pu­lis­ten je­mals an war.

Es gä­be ei­nen zwei­ten for­no, theo­re­tisch we­nigs­tens. Die pos­tideo­lo­gi­schen und pro­gram­ma­tisch zu­wei­len arg irr­lich­tern­den Cin­que Stel­le könn­ten auch mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten des Par­ti­to De­mo­cra­ti­co ver­han­deln. Links, rechts? Das ist ih­nen egal. Dass Di Maio es zu­erst mit der Le­ga ver­sucht hat, muss kein Hin­der­nis sein: Die Ita­lie­ner ha­ben ein lo­cke­res Ver­hält­nis zur Wan­del­bar­keit ih­rer Po­li­ti­ker. Per­sön­li­ che Ani­mo­si­tä­ten hal­ten sel­ten ewig an. Ita­li­en je­den­falls wä­re es zu wün­schen, dass der Par­ti­to De­mo­cra­ti­co den Neu­en hel­fen wür­de, das Land zu re­gie­ren – ei­ne Art Coa­ching.

Aber eben, das Di­lem­ma ist gross. Es be­steht die Ge­fahr, dass die So­zi­al­de­mo­kra­ten noch mehr Wäh­ler an die Cin­que Stel­le ver­lie­ren und sich ge­wis­ser­mas­sen sel­ber über­flüs­sig ma­chen. Über zwei Mil­lio­nen lin­ke Wäh­ler ha­ben al­lein bei der jüngs­ten Wahl zu den Ster­nen ge­wech­selt. Der Par­ti­to De­mo­cra­ti­co steht nun bei 19 Pro­zent und fürch­tet, ins Bo­den­lo­se zu fal­len, wie das den Ge­nos­sen in Frank­reich, dem Par­ti So­cia­lis­te, pas­siert ist. Der grös­se­re Teil der Par­tei ist des­halb über­zeugt, dass nur ein Bad in der Op­po­si­ti­on Hei­lung ver­spricht.

Es gä­be al­ler­dings ei­ne Al­ter­na­ti­ve, ei­nen Mit­tel­weg: Die So­zi­al­de­mo­kra­ten könn­ten ei­ne Re­gie­rung der Fünf Ster­ne von aussen stüt­zen, oh­ne Mi­nis­ter in de­ren Ka­bi­nett. Im Ge­gen­zug könn­ten sie For­de­run­gen stel­len: ein kla­res Be­kennt­nis zur EU, zum Eu­ro, zu den De­fi­zit­vor­ga­ben aus Brüs­sel, zur Na­to, zu den Re­for­men. Im Se­nat, der klei­nen Par­la­ments­kam­mer, wä­re ei­ne sol­che Ko­ali­ti­on denk­bar knapp: 161 Sit­ze sind dort min­des­tens nö­tig für ei­ne Mehr­heit, und die bei­den Par­tei­en ver­fü­gen über ge­nau 161 Sit­ze.

Er­kal­tet auch die­ser Ofen, wenn er denn je ein­ge­heizt wird, sind wohl nur noch Lö­sun­gen von oben mög­lich. Staats­chef Ser­gio Mat­ta­rel­la kann ein Go­ver­no del Pre­si­den­te be­ru­fen, ei­ne über­par­tei­li­che Re­gie­rung mit Mi­nis­tern oh­ne po­li­ti­sche Cou­leur, die das Land mit den Stim­men al­ler für kur­ze Zeit führt und ei­ni­ge Ge­schäf­te er­le­digt. Un­ter an­de­rem müss­te sie ein neu­es Wahl­ge­setz er­ar­bei­ten, mit dem dann bald frisch ge­wählt wür­de. Idea­ler­wei­se wä­re die­ses dann so ge­ar­tet, dass es dem Land kla­re Mehr­heits­ver­hält­nis­se be­sche­ren wür­de. Und gan­ze Sie­ger, kei­ne Bä­cker.

Fo­to: An­ge­lo Car­co­ni (EPA)

Lu­i­gi Di Maio ver­lässt gut­ge­launt die er­folg­lo­sen Ge­sprä­che mit Se­na­to­rin Eli­sa­bet­ta Ca­sel­la­ti.

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