Ein «Cy­ber­board» ge­gen In­ter­net­ver­bre­cher

Die Schweiz hat den Kampf ge­gen Kri­mi­nel­le im Netz ver­schla­fen. Ei­ne Cy­be­r­al­li­anz will nun In­ter­ne­ter­mitt­ler von Bund und Kan­to­nen an ei­nen Tisch brin­gen. «Man muss im Cy­ber­be­reich den Fö­de­ra­lis­mus neu er­fin­den», sagt Bun­des­an­walt Micha­el Lau­ber.

Der Bund - - SCHWEIZ - Ma­rio Stäu­b­le

Die Schwei­zer Jus­tiz­be­hör­den sind heu­te mit der Jagd nach Kre­dit­kar­ten­da­ten­die­ben, Spam­mern, Scam­mern und an­de­ren On­li­ne­kri­mi­nel­len über­for­dert. Der obers­te Straf­ver­fol­ger, Bun­des­an­walt Micha­el Lau­ber, sagt: «Man könn­te et­was sa­lopp sa­gen, wir be­kämp­fen die Kri­mi­na­li­tät des 21. Jahr­hun­derts mit ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on des 19. Jahr­hun­derts.» Die Fahn­dung nach Cy­ber­kri­mi­nel­len sei in der Schweiz zer­split­tert, es feh­le an Fach­wis­sen und Ko­or­di­na­ti­on un­ter den vie­len in­vol­vier­ten Be­hör­den.

Die Bun­des­an­walt­schaft (BA), das Bun­des­amt für Po­li­zei (Fed­pol) und kan­to­na­le Part­ner star­ten nun ei­ne neue In­itia­ti­ve. Im Mai soll ein Schwei­zer «Cy­ber­board» die Ar­beit auf­neh­men, wie Lau­ber ges­tern an­läss­lich der Prä­sen­ta­ti­on des Tä­tig­keits­be­richts 2017 der BA vor den Me­di­en be­kannt gab.

Das Gre­mi­um soll Cy­ber­er­mitt­ler von Bund und Kan­to­nen an ei­nen Tisch brin­gen, um ak­tu­el­le Fäl­le an­zu­pa­cken und schnell Ent­schei­de zu fäl­len, zum Bei­spiel, um Be­wei­se zu si­chern. Eben­so soll ein Cy­ber­la­ge­bild für die Schweiz ent­ste­hen – mit an­de­ren Wor­ten: Die Er­mitt­ler wol­len ge­nau­er wis­sen, wel­che Art von Straf­ta­ten In­ter­net­kri­mi­nel­le über­haupt be­ge­hen. An Bord sind die BA, Fed­pol, «hof­fent­lich die Zürcher Cy­ be­rer­mitt­ler, hof­fent­lich die Ber­ner – und wir hof­fen, dass auch an­de­re Kan­to­ne mit­ma­chen», sagt Lau­ber.

Zu we­nig Spe­zia­lis­ten

In der Schweiz lau­fen seit ei­ni­ger Zeit Dis­kus­sio­nen zum Auf­bau von re­gio­na­len Zen­tren zur Be­kämp­fung von Cy­ber­cri­me. Die­ses Ziel ha­ben sich die Schwei­ze­ri­sche Staats­an­wäl­te­kon­fe­renz, der Po­li­zei­kom­man­dan­ten­ver­band, Fed­pol und die BA ge­setzt, wie aus ei­nem Stra­te­gie­pa­pier her­vor­geht. Vor­rei­ter ist heu­te Zü­rich. Der Kan­ton be­treibt seit 2013 ein Cy­ber­cri­me­zen­trum.

Aus Sicht des Bun­des­an­walts ist noch viel Über­zeu­gungs­ar­beit nö­tig: «Staats­an­wäl­te und Po­li­zis­ten sind na­tur­ge­mäss nicht im­mer die­je­ni­gen, die als Trend­set­ter agie­ren», sagt Lau­ber. Da­bei sei Ko­ope­ra­ti­on drin­gend nö­tig, es ge­be oh­ne­hin viel zu we­nig Spe­zia­lis­ten in der Schweiz.

Kommt da­zu, dass bis heu­te nicht klar ge­re­gelt ist, wer im Cy­ber­be­reich was be­kämp­fen soll. Die BA ist für Phis­hing zu­stän­dig, al­so für das Auf­spü­ren und An­kla­gen von Kri­mi­nel­len, die zum Bei­spiel ver­su­chen, mit ge­fälsch­ten E-mails Pass­wör­ter von Bank­kon­to­in­ha­bern zu er­beu­ten. Aber das ist die Aus­nah­me: Die meis­ten For­men von Cy­ber­cri­me fal­len in den Auf­ga­ben­be­reich der Kan­to­ne – «das ist mög­li­cher­wei­se ei­ne zu ri­gi­de Re­ge­lung», so Lau­ber. Vor al­lem in klei­nen Kan­to­nen feh­le Spe­zi­al­wis­sen.

Ein Knack­punkt ist, dass die kan­to­na­len Po­li­zei­kom­man­dan­ten an Ein­fluss ein­büs­sen könn­ten, wenn ein Cy­ber­board zen­tral zu ent­schei­den be­ginnt, wer wel­che Fäl­le in An­griff nimmt und wie vie­le Po­li­zis­ten dar­an mit­ar­bei­ten. Das­sel­be pas­siert, wenn re­gio­na­le Zen­tren den Be­trieb auf­neh­men: Dann könn­ten Res­sour­cen in Er­mitt­lun­gen flies­sen, die nicht di­rekt den Kan­ton des je­wei­li­gen Kom­man­dan­ten be­tref­fen.

Lau­ber wehrt sich ge­gen den Vor­wurf, er wol­le sei­nen ei­ge­nen Ein­fluss aus­wei­ten. Er se­he sich eher als «ei­nen der Ge­burts­hel­fer» der na­tio­na­len Cy­ber­cri­me­stra­te­gie. «Ich sa­ge: Ja nicht al­les zum Bund! Wir wol­len nicht die Kom­pe­tenz­ord­nung der Schweiz um­dre­hen.»

Nie­der­la­ge in ei­nem Pi­lot­fall

Der Bun­des­an­walt sagt, er wis­se, wie kom­pli­ziert Er­mitt­lun­gen im Cy­ber­space sei­en, wo die Tä­ter meist im Aus­land ope­rier­ten. In ei­nem Pi­lot­fall, der sich um Kre­dit­kar­ten­die­be in Thai­land dreh­te, er­litt die BA ei­ne Nie­der­la­ge: Trotz ei­nes De­als mit den ge­stän­di­gen Be­schul­dig­ten lehn­te das Bun­des­straf­ge­richt in Bel­lin­zo­na ei­ne Ver­ur­tei­lung ab, weil der An­knüp­fungs­punkt des Falls in die Schweiz – ei­ne Bank – zu schwach war. Es sei im Er­geb­nis un­ver­hält­nis­mäs­sig ge­we­sen, so viel Geld und Leu­te in den Fall zu in­ves­tie­ren, sagt Lau­ber: «Ei­ne sol­che Ak­ti­on wür­de ich nicht mehr ge­neh­mi­gen.»

Das Cy­ber­board soll vor­erst kei­ne Zu­satz­kos­ten ver­ur­sa­chen. Spä­tes­tens aber, wenn re­gio­na­le Cy­ber­cri­me­zen­tren den Be­trieb auf­neh­men, stellt sich die Fra­ge: Wer be­zahlt die Rech­nung? «Wir müs­sen auch hier Kl­ar­text re­den: Mit­tel­fris­tig wird das Geld kos­ten», so Lau­ber. Er for­dert ein Um­den­ken von der Po­li­tik: «Man muss den Fö­de­ra­lis­mus in die­sem Be­reich neu er­fin­den, da­mit er Be­stand ha­ben kann.»

«Wir be­kämp­fen die Kri­mi­na­li­tät des 21. Jahr­hun­derts mit ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on des 19. Jahr­hun­derts.» Micha­el Lau­ber

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