Schlap­pe für das ga­ran­tier­te Grund­ein­kom­men

Finn­land war Pa­ra­de­bei­spiel des von vie­len ge­prie­se­nen So­zi­al­sys­tems. Doch jetzt folgt ei­ne schar­fe Kehrt­wen­de.

Der Bund - - WIRTSCHAFT - Mar­kus Diem Mei­er

Das Ex­pe­ri­ment ei­nes be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens in Finn­land wird auf En­de Jahr ab­ge­bro­chen. Das ist ein har­ter Schlag für al­le An­hän­ger ähn­li­cher Plä­ne welt­weit. Denn Finn­land hat den bis­her gröss­ten Ver­such mit ei­nem sol­chen Sys­tem ge­star­tet. Am 5. Ju­ni 2016 ha­ben 67,6 Pro­zent der Ab­stim­men­den in der Schweiz ei­ne Initia­ti­ve für ein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men ab­ge­lehnt, in kei­nem ein­zi­gen Kan­ton stimm­te ei­ne Mehr­heit da­für.

Die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung in Finn­land ent­spricht al­ler­dings nicht dem Ide­al­ty­pus ei­nes Ein­kom­mens, das al­le oh­ne Ge­gen­leis­tung er­hal­ten. In den Ge­nuss von 560 Eu­ro pro Mo­nat kom­men nur 2000 ar­beits­lo­se Fin­nen, die zwi­schen 25 und 58 Jah­re alt sind und die durch ein Zu­falls­prin­zip von der fin­ni­schen So­zi­al­be­hör­de Ke­la aus­ge­wählt wer­den. Er­hal­ten sie ei­ne Stel­le, ent­fällt der Bei­trag nicht.

Von Be­ginn weg war ge­plant, dass ei­ne ers­te Pha­se des Ex­pe­ri­ments En­de die­ses Jah­res aus­läuft. Be­gon­nen hat es auf An­fang 2017. Ur­sprüng­lich war al­ler­dings be­ab­sich­tigt, das Grund­ein­kom­men schon im lau­fen­den Jahr auch auf Per­so­nen mit ei­ner Be­schäf­ti­gung aus­zu­wei­ten. Mit dem Ab­bruch des ge­sam­ten Ex­pe­ri­ments auf En­de Jahr wird es da­zu nicht kom­men. Die Fin­nen voll­zie­hen auch sonst ei­ne schar­fe Kehrt­wen­de: Wer künf­tig in­ner­halb der ers­ten drei Mo­na­te nach ei­nem Job­ver­lust nicht min­des­tens 18 St­un­den ar­bei­tet oder sich an ei­nem Wei­ter­bil­dungs­pro­gramm be­tei­ligt, er­hält we­ni­ger Ar­beit­lo­sen­un­ter­stüt­zung.

Kom­pli­ziert und fal­sche An­rei­ze

Es sind die im­mer glei­chen Grün­de, die für ein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men ins Feld ge­führt wer­den und die auch die Fin­nen zu ih­rem Ex­pe­ri­ment be­wo­gen ha­ben: Das vor­herr­schen­de Sys­tem von so­zia­len Aus­gleichs­mass­nah­men ist zu kom­pli­ziert und ver­ur­sacht für die Be­trof­fe­nen viel Stress. Aus­ser­dem kann es ge­sche­hen, dass ei­ner ar­beits­lo­sen Person bei der Auf­nah­me ei­ner Be­schäf­ti­gung in der Sum­me mehr So­zi­al­leis­tun­gen ge­stri­chen wer­den, als sie neu an Lohn ver­dient hat. Das kommt ei­ner Be­steue­rung von mehr als 100 Pro­zent der Ein­künf­te gleich. So wird fak­tisch die An­nah­me ei­nes Jobs be­straft.

Die Kom­ple­xi­tät des fin­ni­schen So­zi­al­sys­tems kri­ti­sier­te auch die Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) in ih­rem im Fe­bru­ar pu­bli­zier­ten Län­der­be­richt zu Finn­land. Die Au­to­ren hiel­ten zwar fest, dass ein ga­ran­tier­tes Grund­ein­kom­men auf den ers­ten Blick ei­ne Ant­wort für die­ses Pro­blem sein könn­te. Den­noch spra­chen sie sich ent­schie­den da­ge­gen aus – vor al­lem ge­gen ei­ne Er­wei­te­rung des Grund­ein­kom­mens auf die gan­ze Be­völ­ke­rung. Ih­re Ar­gu­men­te: Die Fi­nan­zie­rung ei­ner sol­chen Lö­sung wür­de zu deut­lich hö­he­ren Steu­er­sät­zen füh­ren, und der An­reiz, Stel­len an­zu­neh­men, wür­de sin­ken. Ei­ne stei­gen­de Ar­mut wä­re die Fol­ge. Die OECD be­vor­zugt ei­nen mil­de­ren Um­bau des So­zi­al­sys­tems, der vor al­lem auf ei­ner Zen­tra­li­sie­rung und Har­mo­ni­sie­rung al­ler So­zi­al­ und Un­ter­stüt­zungs­leis­tun­gen be­ruht, um Bü­ro­kra­tie an­zu­bau­en und die An­rei­ze für Ar­beits­lo­se nicht zu min­dern, ei­nen Job an­zu­neh­men.

Hin­ter­grund der Aus­ein­an­der­set­zung zu ei­nem ga­ran­tier­ten Grund­ein­kom­men ist nicht nur die Kom­ple­xi­tät des So­zi­al­sys­tems, son­dern auch die Sor­ge, ob an­ge­sichts der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung künf­tig ei­ne Voll­be­schäf­ti­gung si­cher­ge­stellt wer­den kann – und dies zu Löh­nen, die ein wür­de­vol­les Le­ben er­mög­li­chen. Vor al­lem des­halb un­ter­stüt­zen vie­le Chefs aus der Tech­no­lo­gie­bran­che die Idee, so et­wa Elon Musk von Tes­la oder Mark Zu­cker­berg von Face­book.

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