Mit Wi­der­sprü­chen klug re­den und le­ben

Der Bund - - MEINUNGEN - Da­ni­el Gold­stein

Da kommt in Deutsch­land ei­ne Kun­din in den La­den und ver­langt deut­sche Kar­tof­feln. Der Händ­ler bie­tet ihr an, was er hat: hol­län­di­sche. Wie die Kun­din auf deut­schen be­steht, gibt er zu­rück: «Wol­len Sie die Kar­tof­feln nun es­sen oder sich mit ih­nen un­ter­hal­ten?» Die­se An­ek­do­te er­zählt der (deut­sche) Lin­gu­ist Winfried Ul­rich im ak­tu­el­len «Sprach­spie­gel» – nicht nur als Müs­ter­chen für Schlag­fer­tig­keit, son­dern in ei­nem wei­te­ren Zu­sam­men­hang: Er un­ter­sucht, wie Ge­gen­sät­ze zu­gleich un­ser Den­ken und un­se­re Spra­che prä­gen.

Ul­rich geht vom Sprach­er­werb von Klein­kin­dern aus und schreibt über Ge­gen­satz­paa­re, «die wir im Wort­schatz, in un­se­rem in­ne­ren, ‹men­ta­len Le­xi­kon› ge­spei­chert ha­ben und die wir täg­lich ver­wen­den, z. B.: schnell – lang­sam, gross – klein, bil­lig – teu­er, be­ruf­lich – pri­vat, Krieg – Frie­den, kom­men – ge­hen, vor­her – nach­her. Die Be­deu­tung sol­cher und an­de­rer Ge­gen­wör­ter für un­ser be­griff­li­ches Den­ken und für un­se­re sprach­li­che Ver­stän­di­gung wird zu­meist un­ter­schätzt.» So drängt sich der Ver­dacht auf, dass uns Schwarz-weiss-den­ken von frü­hes­ter Ju­gend an ein­ge­trich­tert wird – nicht mit der Mut­ter­milch, aber mit der Mut­ter­spra­che.

Mär­chen­haft und iro­nisch

Auch im Mär­chen sind Gut und Bö­se meis­tens klar er­kenn­bar ge­schie­den. Zwar ler­nen Kin­der mit der Zeit eben­falls, dass es zwi­schen kalt und heiss auch noch warm gibt, und so­gar, dass sich man­che Ge­gen­sät­ze nicht un­be­dingt aus­schlies­sen: Ei­le mit Wei­le! Aber auch noch bei Er­wach­se­nen ist die Nei­gung zum Ent­we­der-oder weit ver­brei­tet – bis in die zeit­ge­nös­si­sche Po­li­tik mit ih­ren po­pu­lis­ti­schen Ver­su­chun­gen: wir ge­gen die an­dern.

Um Zwi­schen­tö­ne hör- und sicht­bar zu ma­chen, kann ein ge­naue­rer Blick auf die Spra­che wie­der­um hel­fen, ge­ra­de auch in hu­mo­ris­ti­scher Form wie beim schlag­fer­ti­gen Ge­mü­se­händ­ler. Der zeigt uns ne­ben­bei ei­ne der bes­ten Waf­fen, um der kämp­fe­ri­schen Über­trei­bung von Ge­gen­sät­zen die Spit­ze zu bre­chen: die Iro­nie. Mit die­sem rhe­to­ri­schen Stil­mit­tel läuft man frei­lich im­mer Ge­fahr, falsch ver­stan­den zu wer­den, hier al­so wörtlich: «Dumm­kopf, wer will schon mit Kar­tof­feln re­den», mag sich die Kun­din ge­dacht ha­ben. Ernst mein­te es der Händ­ler vi­el­leicht schon, aber nicht so, son­dern eher so: «Al­so bis zu den Kar­tof­feln muss die Frem­den­feind­lich­keit nun ja wirk­lich nicht ge­hen.»

Frei­heit und Scha­blo­ne

Es kommt nicht nur beim Zu­hö­ren vor, dass sich der wah­re Sinn erst mit Nach­den­ken er­schlies­sen lässt, wenn über­haupt: Auch die Wirk­lich­keit ist von Wi­der­sprü­chen ge­prägt, und der Um­gang da­mit prägt un­ser Le­ben. Et­wa: Ge­hen wir gern mit dem Kopf durch die Wand oder den­ken wir dar­an, dass der di­rek­te Weg nicht im­mer der kür­zes­te ist, und ei­len des­halb mit Wei­le? Und wie hal­ten wir es mit sprach­li­chen Ge­gen­sät­zen, die ja oft auch Aus­druck un­ter­schied­li­cher Blick­win­kel sind? Wie nen­nen wir als Jour­na­lis­ten Leu­te, die für ih­re Geg­ner «Ter­ro­ris­ten» sind, für ih­re Ver­eh­rer aber «Frei­heits­kämp­fer»? Die Ant­wort kann wohl nur lau­ten: Es kommt drauf an; es bleibt uns nicht er­spart, die je­wei­li­gen Um­stän­de zu be­rück­sich­ti­gen, statt Scha­blo­nen an­zu­wen­den. Erst recht gilt das, wenn es nicht «nur» um Wor­te geht, son­dern um ei­ge­ne Ta­ten, um den Le­bens­wan­del.

Zu­rück zu Winfried Ul­rich: Mit Ge­gen­sät­zen le­ben zu kön­nen, nennt er ge­stützt auf dem Phi­lo­so­phen Wer­ner Busch «an­ti­no­me Le­bens­füh­rung»: «Ei­ner­seits das Wis­sen um die ei­ge­ne Ge­fähr­dung, die je­der­zeit in ei­ne Ka­ta­stro­phe über­ge­hen und in Ver­zweif­lung en­den kann, an­de­rer­seits der Le­bens­mut und die Zu­ver­sicht, die ein fröh­li­ches Le­ben den­noch mög­lich ma­chen: Bei­des ge­hört bei al­ler Ge­gen­sätz­lich­keit zu­sam­men.» Er wür­de ein Ap­fel­bäum­chen pflan­zen, wüss­te er, dass mor­gen die Welt un­ter­gin­ge – das ha­be Lu­ther vi­el­leicht nicht ge­sagt, ge­wiss aber dies, über die «Frei­heit ei­nes Chris­ten­men­schen»: Der «ist ein frei­er Herr über al­le Din­ge und nie­mand un­ter­tan (und) ist ein dienst­ba­rer Knecht al­ler Din­ge und je­der­mann un­ter­tan». Mö­ge er wis­sen, wann was gilt.

Da­ni­el Gold­stein ist Re­dak­tor der Zeit­schrift «Sprach­spie­gel». Aus­ga­be zum The­ma gra­tis: pro­be­[email protected]­ver­ein.ch

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