Wie So­zi­al­hil­fe­be­zü­ger S. zum Geld­esel wur­de

Wenn aus­län­di­sche Ha­cker ein Kon­to kna­cken, ist erst die hal­be Ar­beit ge­tan. Mit­hil­fe von mehr oder we­ni­ger ah­nungs­lo­sen Hel­fern ver­wi­schen sie die Spur des Gel­des, wie ein ak­tu­el­les Bei­spiel aus Bern zeigt.

Der Bund - - WIRTSCHAFT - Adri­an Sulc

S. hat­te nie viel Geld, aber er ar­bei­te­te im­mer hart, als Ka­min­fe­ger, in der Gas­tro­no­mie. Vor ei­ni­gen Jah­ren ver­lor er je­doch sei­ne Stel­le, ei­ne neue Ge­schäfts­idee schei­ter­te, und so lan­de­te der Mann aus der Re­gi­on Bern schluss­end­lich auf dem So­zi­al­amt.

Auf ei­nem gros­sen Schwei­zer Job­por­tal im In­ter­net stiess er En­de 2016 auf ei­ne in­ter­es­san­te Stel­len­an­zei­ge. Ei­ne Zürcher Im­mo­bi­li­en­fir­ma such­te ei­nen Re­gio­nal­ver­tre­ter. S. be­warb sich – und zu sei­ner Freu­de er­hielt er den Job. Im Ar­beits­ver­trag stand, sei­ne Auf­ga­ben sei­en das Ent­ge­gen­neh­men von Un­ter­la­gen und von Zah­lun­gen von Kun­den. Die­se müs­se er dann pos­ta­lisch an das Un­ter­neh­men wei­ter­lei­ten. S. schenk­te dem nicht wei­ter Be­ach­tung – er freu­te sich, end­lich nicht mehr vom So­zi­al­amt ab­hän­gig zu sein. Den Ar­beits­ver­trag schick­te er an ei­ne Adres­se in Zü­rich.

Die Mit­ar­bei­te­rin­nen der Im­mo­bi­li­en­fir­ma, Frau Mül­ler und Frau Rieth­mann, kon­tak­tier­ten S. bald dar­auf te­le­fo­nisch. Dem­nächst wer­de die ers­te Zah­lung auf sei­nem Kon­to ein­ge­hen. Er sol­le sich be­reit­hal­ten, denn al­les müs­se sehr schnell ge­hen. Und er sol­le sich bei sei­ner Bank er­kun­di­gen, wie hoch die täg­li­che Li­mi­te für Bar­geld­be­zü­ge am Schal­ter sei.

An­wei­sun­gen für den Bank­be­such

Am Vor­abend des 9. No­vem­ber 2016 mel­de­te sich die Im­mo­bi­li­en­fir­ma wie­der bei S.: Am nächs­ten Tag wür­den 125 910 Fran­ken auf sei­nem Kon­to ein­ge­hen. Und die Mit­ar­bei­te­rin der Fir­ma wies ihn an, das Geld um­ge­hend ab­zu­he­ben und in ei­nem Pa­ket an ei­ne Adres­se in Russ­land zu ver­sen­den. Wenn er beim Ab­he­ben des Gel­des nach des­sen Her­kunft ge­fragt wer­de, sol­le er auf kei­nen Fall er­wäh­nen, dass es sich um et­was Ge­schäft­li­ches hand­le. Er sol­le an­ge­ben, das sei pri­vat – und nö­ti­gen­falls sa­gen, dass er das Geld für ei­ne Kur brau­che.

Am nächs­ten Tag ging das Geld tat­säch­lich bei S. auf dem Kon­to ein. Es wur­de ihm un­wohl. Noch nie im Le­ben hat­te er so viel Geld auf dem Kon­to ge­habt. Bei sei­ner lo­ka­len Raiff­ei­sen­bank er­kun­dig­te er sich, ob er den Be­trag bar be­zie­hen kön­ne. Dort ant­wor­te­te man ihm aber, das sei nicht mög­lich – so viel Geld ha­be man nicht in der Fi­lia­le.

S. hat­te nur noch ei­nen Ge­dan­ken: Das Geld muss­te weg von sei­nem Kon­to. Wenn die So­zi­al­be­hör­de da­von Wind be­kä­me, ge­rie­te er in Schwie­rig­kei­ten. Er ver­such­te, sei­ne Ar­beit­ge­be­rin an­zu­ru­fen, doch die Mit­ar­bei­te­rin­nen gin­gen nicht ans Te­le­fon. Per E-mail bat er dann um ei­ne Kon­to­num­mer, auf die er das Geld über­wei­sen kön­ne. Schliess­lich teil­ten sie ihm zwei Schwei­zer Bank­kon­ten mit, auf die er je die Hälf­te des Gel­des über­wei­sen soll­te. S. be­folg­te die An­wei­sung und war froh, dass das Geld von sei­nem Kon­to ver­schwun­den war.

Ein klei­ner Fisch

Ein­ein­halb Jah­re spä­ter: S. sitzt im Ge­richts­saal 014 im Ber­ner Amt­haus. Vor ihm die Rich­te­rin Mi­chè­le Du­pu­is und der Ge­richts­schrei­ber. Hin­ter ihm sein Pflicht­ver­tei­di­ger. Der Staats­an­walt hat sich vom Ter­min vor dem Wirt­schafts­straf­ge­richt dis­pen­sie­ren las­sen, Zu­hö­rer sind aus­ser dem Jour­na­lis­ten kei­ne ge­kom­men. S. ist ein klei­ner Fisch. Ei­gent­lich hat­te ihn die Staats­an­walt­schaft mit­tels Straf­be­fehl zu ei­ner be­ding­ten Geld­stra­fe von 3600 Fran­ken, zu ei­ner Bus­se von 600 Fran­ken und Ge­büh­ren von 500 Fran­ken ver­ur­teilt. Doch S. emp­fand das als un­ge­recht und er­hob Ein­spra­che da­ge­gen.

«Wes­halb sind Sie nicht zur Po­li­zei ge­gan­gen?», fragt ihn die Rich­te­rin. «Auf die­sen Ge­dan­ken bin ich da­mals gar nicht ge­kom­men. Ich dach­te nur, dass ich ein Pro­blem mit dem So­zi­al­amt be­ kom­me.» Er sei we­gen der gan­zen Sa­che ge­sund­heit­lich an­ge­schla­gen. «Ich ha­be ei­nen Job ge­sucht, nicht ein Ver­bre­chen», sagt S. zur Rich­te­rin.

An­ge­klagt ist S. we­gen Ge­hil­fen­schaft zu be­trü­ge­ri­schem Miss­brauch ei­ner Da­ten­ver­ar­bei­tungs­an­la­ge – weil er das Geld auf sei­nem Kon­to ent­ge­gen­nahm – und we­gen Geld­wä­sche­rei – weil er es wei­ter über­wies. Die 125910 Fran­ken stamm­ten vom Va­li­ant­fir­men­kon­to ei­nes lu­zer­ni­schen KMU. Ein Ha­cker hat­te sich – wohl mit­tels ei­nes Tro­ja­ners – Zu­griff dar­auf ver­schafft. Ins Aus­land über­wei­sen konn­te der Ha­cker das Geld nicht, denn Ban­ken prü­fen ver­däch­ti­ge Trans­ak­tio­nen ins Aus­land.

Hier kom­men nun die so­ge­nann­ten Mo­ney Mu­les, al­so Geld­esel, ins Spiel. Ei­ne Schein­fir­ma heu­ert die­se im Land des Kon­to­in­ha­bers an. Meist wer­den sie mit ver­lo­cken­den Jo­b­an­ge­bo­ten wie «Ar­bei­ten von zu Hau­se aus» oder «Ver­die­ne 10 000 Fran­ken pro Wo­che» ge­kö­dert. Im Fall von S. ha­ben die Ha­cker den Na­men ei­ner in Zü­rich exis­tie­ren­ den Im­mo­bi­li­en­fir­ma ver­wen­det. Doch Frau Mül­ler und Frau Rieth­mann ar­bei­ten gar nicht dort, auch den Ar­beits­ver­trag hat S. mit ei­nem fik­ti­ven Klon der Fir­ma ab­ge­schlos­sen.

Die Geld­esel sind für die Ha­cker Ver­brauchs­ma­te­ri­al. Denn sie wer­den prak­tisch im­mer ge­fasst – und dies ziem­lich rasch. Das be­stoh­le­ne lu­zer­ni­sche KMU sah auf sei­nem Va­li­ant­kon­to schliess­lich, an wen das Geld über­wie­sen wur­de. Das Pro­blem ist: Weil das Geld auf An­wei­sung der Ha­cker rasch wei­ter­ver­scho­ben wird, kann es meis­tens trotz­dem nicht mehr ge­stoppt wer­den.

Pa­ke­te vol­ler Geld

So auch im Fall von S.: Rund 66 000 Fran­ken hat­te er an ei­ne Frau im Kan­ton So­lo­thurn über­wie­sen. Die­se war eben­falls als Geld­esel an­ge­heu­ert wor­den. Die Ha­cker be­auf­trag­ten sie, das Geld von ih­rem Post­fi­nan­ce­kon­to ab­zu­he­ben und um­ge­hend in ei­nem Pa­ket nach Russ­land zu ver­sen­den – was sie auch tat. In­dem das ge­stoh­le­ne Geld bar ab­ge­ho­ben und ins Aus­land ver­schickt wird, ist des­sen Spur de­fi­ni­tiv ver­wischt. Die Frau wur­de in­zwi­schen ver­ur­teilt.

Die rest­li­chen 60 000 Fran­ken über­wies S. an ei­nen wei­te­ren Geld­esel, ei­nen jun­gen Mann im Kan­ton Zü­rich. Die­ser wur­de von den Ha­ckern be­auf­tragt, das Geld von sei­nem Raiff­ei­sen­Kon­to aus noch­mals zu split­ten – und so lan­de­ten je 30 000 Fran­ken auf den Schwei­zer Kon­ten zwei­er wei­te­rer Geld­esel. Ein Emp­fän­ger brach­te das Pa­ket zwar zur Post, be­kam aber Zwei­fel und stopp­te den Ver­sand im letz­ten Mo­ment. Die an­de­re Emp­fän­ge­rin ver­schick­te das Geld hin­ge­gen wie an­ge­wie­sen. Al­le drei sind den Staats­an­walt­schaf­ten in ih­ren Kan­to­nen zwar be­kannt, er­hiel­ten aber kei­ne Stra­fen – mit­un­ter weil sie oh­ne Aus­bil­dung wa­ren und sie in den Au­gen der Jus­tiz im Un­wis­sen han­del­ten.

Im Fall des Ber­ners S. sieht es die Rich­te­rin an­ders: Nur weil er Ar­beit ge­sucht ha­be, sei dies kein Grund, «al­le Alarm­glo­cken zu igno­rie­ren». Be­reits die For­mu­lie­rung im Ar­beits­ver­trag, dass man Geld per Post ver­schi­cken müs­se, hät­te S. laut der Rich­te­rin stut­zig ma­chen müs­sen. Und spä­tes­tens als er auf­ge­for­dert wor­den sei, in der Bank we­gen der Her­kunft des Gel­des zu lü­gen, hät­te er zur Po­li­zei ge­hen müs­sen. «Der An­ge­klag­te hat in Kauf ge­nom­men, dass er an ei­ner Straf­tat mit­wirkt», meint die Rich­te­rin. Sie er­höht die von der Staats­an­walt­schaft aus­ge­spro­che­ne be­ding­te Stra­fe auf 8400 Fran­ken.

Zu­dem heisst sie die Zi­vil­kla­ge der Va­li­ant teil­wei­se gut und ver­ur­teilt S. zur Zah­lung des ver­schwun­de­nen Gel­des: über 90 000 Fran­ken plus Zins. Die Bank hat dem lu­zer­ni­schen KMU den ge­sam­ten Be­trag er­stat­tet und ver­sucht nun, von den Be­tei­lig­ten das ge­stoh­le­ne Geld zu­rück­zu­er­hal­ten.

«Er wur­de rein­ge­legt»

Der Ver­tei­di­ger von S. mel­det noch im Ge­richts­saal Be­ru­fung an. Er hat­te ei­nen Frei­spruch ver­langt und fest­ge­hal­ten, S. ha­be sich auf ein un­ver­däch­ti­ges In­se­rat ei­ner re­al exis­tie­ren­den Im­mo­bi­li­en­fir­ma ge­mel­det. «Er wur­de als Geld­esel miss­braucht. Er wur­de rein­ge­legt.» Der Ver­tei­di­ger ver­wies in sei­nem Plä­doy­er auch auf die in an­de­ren Kan­to­nen frei­ge­spro­che­nen Geld­esel. Nun wird das ber­ni­sche Ober­ge­richt über den Fall be­fin­den müs­sen.

Die – mut­mass­lich rus­si­schen – Ha­cker und Emp­fän­ger der Geld­pa­ke­te müs­sen sich der­weil kei­ne gros­sen Sor­gen ma­chen. Sie agie­ren gut ver­steckt. Und soll­ten sie ein­mal auf­flie­gen, kön­nen sie kaum zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den: In ih­rem ak­tu­el­len Jah­res­be­richt be­kla­gen die ber­ni­schen Staats­an­wäl­te ex­pli­zit «Rechts­hil­fe­pro­ble­me mit Russ­land».

Fo­to: Co­lour­box

Wer sich in der Schweiz als Geld­esel be­tä­tigt, wird fast im­mer ge­schnappt.

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