«Sie wer­den dau­ernd ma­ni­pu­liert»

Der Bund - - BERN -

Frau Tho­mi, muss ich als ge­wöhn­li­cher Nut­zer von so­zia­len Me­di­en wie Face­book da­mit rech­nen, auch po­li­tisch ma­ni­pu­liert zu wer­den?

Das pas­siert ver­mut­lich dau­ernd und zwar oh­ne dass Sie es be­mer­ken. Auch in der Schweiz. Auch in Bern.

Dann ha­be ich an­ders ab­ge­stimmt oder ge­wählt, als ich das ei­gent­lich als frei­er Bür­ger zu tun glaub­te?

Die Ma­ni­pu­la­ti­on der po­li­ti­schen Mei­nungs­bil­dung läuft in Bern nicht an­ders als in den USA. Neh­men wir als Bei­spiel die kan­to­na­len Wah­len. Wenn sich ei­ne Kan­di­da­tin oder ein Kan­di­dat der Tech­no­lo­gi­en be­dient, wie sie von Enig­ma ein­ge­setzt wer­den und ur­sprüng­lich von Cam­bridge Ana­ly­ti­ca ent­wi­ckelt wur­den, wird die­se Per­son die bes­se­ren Re­sul­ta­te er­zie­len. Das ist ei­ne Ver­fäl­schung der Ab­stim­mungs­re­sul­ta­te und aus de­mo­kra­ti­scher Sicht sehr be­denk­lich.

Ich weiss doch, auf wel­cher po­li­ti­schen Sei­te ich ste­he, und wäh­le nicht plötz­lich die Ge­gen­sei­te.

Ih­re Mei­nung än­dert sich bei ei­nem po­li­ti­schen The­ma, und Sie den­ken, das sei, weil Sie äl­ter ge­wor­den sei­en oder Ih­ren Er­fah­rungs­schatz er­wei­tert hät­ten – in Tat und Wahr­heit aber war es un­ter­be­wuss­te po­li­ti­sche Ma­ni­pu­la­ti­on. Dar­um geht es. Und be­son­ders im Vi­sier ha­ben die Ma­ni­pu­la­to­ren die gros­se Mas­se der Un­ent­schlos­se­nen, wel­che leich­ter be­ein­fluss­bar sind.

Ma­chen wir ei­nen Schritt zu­rück: Ha­ben Fir­men wie Enig­ma tat­säch­lich ei­nen solch um­fas­sen­den Ein­fluss auf Wah­len und Ab­stim­mun­gen, wie die­se vor­ge­ben? Wir se­hen ja das Re­sul­tat. Es wer­den Wah­len und Ab­stim­mun­gen mit die­sen Me­tho­den ge­won­nen. Das ist un­be­streit­bar. Die Fra­ge ist, wie be­kom­men wir dies in den Griff ?

Wie? Der Ge­setz­ge­ber muss kla­re­re Vor­ga­ben ma­chen und das auf Eis ge­leg­te Da­ten­schutz­ge­setz an die Hand neh­men.

Beim zu­stän­di­gen eid­ge­nös­si­schen Da­ten­schüt­zer heisst es, dass die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben ge­nüg­ten, aber zu we­nig um­ge­setzt wür­den.

Stif­tung für Kon­su­men­ten­schutz

Das se­hen wir an­ders. Dass von Ih­nen un­be­merkt Da­ten ge­sam­melt wer­den, wäh­rend Sie durchs In­ter­net sur­fen, muss grund­sätz­lich ver­bo­ten wer­den und darf nur er­laubt sein, wenn ei­ne Per­son die ex­pli­zi­te Zu­stim­mung gibt. Die­ses Da­ta-tracking ist mit dem ak­tu­el­len Da­ten­schutz­ge­setz schwer zu un­ter­bin­den. Zu­sätz­lich for­dern wir ein Kop­pe­lungs-ver­bot: Wenn ich ei­ne Gra­tis-app in­stal­lie­re und da­für mit mei­nen per­sön­li­chen Da­ten zah­le, sol­len die An­bie­ter ver­pflich­tet wer­den, ein kos­ten­pflich­ti­ges Al­ter­na­tiv­an­ge­bot an­zu­bie­ten.

Das Pro­blem ist nur: Kaum ei­ne der gros­sen Tech-fir­men hat ih­ren Haupt­sitz in der Schweiz. Wie wol­len Sie sol­che Un­ter­neh­men zu Ih­ren Ide­en ver­pflich­ten? Die An­bie­ter ha­ben sich an die Rechts­ord­nung des je­wei­li­gen Mark­tes zu hal­ten, auf wel­chem sie tä­tig sind. Schwei­zer Un­ter­neh­men, die in die EU lie­fern, müs­sen auch die neue Eu-da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung be­rück­sich­ti­gen. Es ist ei­ne Fra­ge der Rechts­durch­set­zung. Der Da­ten­schutz un­ter­schei­det sich hier nicht von an­de­ren Rechts­be­rei­chen.

Wie kann ich mich heu­te als In­ter­net-nut­zer ma­ni­pu­la­ti­ven Po­lit­agen­tu­ren ent­zie­hen?

Sie kön­nen bei Ih­rem Brow­ser oder auf den Platt­for­men, wel­che Sie nut­zen, die Da­ten­schutz­be­stim­mun­gen so re­strik­tiv wie mög­lich ein­stel­len. Aus dem Grund üb­ri­gens for­dern wir die so­ge­nann­te Pri­va­cy by de­fault. Dass die Di­enst­leis­ter al­so au­to­ma­tisch und von Be­ginn weg die strengs­ten Da­ten­schutz­ein­stel­lun­gen vor­neh­men.

Fo­to: Franziska Ro­then­büh­ler

Enig­ma-mit­in­ha­ber Mar­tin Kün­zi in sei­nem Bü­ro in Bern. Cé­ci­le Tho­mi

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