Ab­schied von ei­nem Rock­star un­se­rer Zeit

Er präg­te den Pop der letz­ten Jah­re wie kaum ein an­de­rer. Nun ist Avicii im Al­ter von nur 28 Jah­ren ge­stor­ben.

Der Bund - - PANORAMA - Be­ne­dikt Sar­t­ori­us

Sei­ne Mu­sik kann­te kein Ge­dächt­nis. Und das woll­te sie auch gar nicht, denn Aviciis Tracks stan­den für den flüch­ti­gen Mo­ment. So, wie das bei Pop­mu­sik, ob man sie nun äs­the­tisch schätzt oder nicht, im bes­ten Fall im­mer ist. Sie er­zähl­te auch noch kei­ne Ge­schich­te, zu­min­dest kei­ne, die man in bio­gra­fi­schen Wäl­zern be­reits aus­ge­brei­tet hät­te. Denn wer hät­te schon ge­dacht, dass ei­ner wie der schwe­di­sche Pro­du­zent und DJ, der in den letz­ten Jah­ren ge­mein­sam mit Kol­le­gen wie Da­vid Gu­et­ta die Hit­pa­ra­den und den Main­stream in den ver­schie­dens­ten Re­gio­nen der Welt präg­te, nun ein­fach weg­stirbt?

Vor zehn Jah­ren fiel Tim Berg­ling zum ers­ten Mal mit ei­nem Re­mix ei­ner Vi­deo­ga­me-mu­sik auf. 2011 folg­te mit «Le­vels» sein ers­ter gros­ser Hit: Er sam­pel­te da­bei die Jazz­sän­ge­rin Et­ta Ja­mes und schloss ih­re Stim­me mit den über­gros­sen Dance­floor-beats kurz, die er be­herrsch­te wie kaum ein an­de­rer. Den sub­ti­len Ge­sang von Ja­mes kom­bi­nier­te er da­bei mit sei­nen recht grob­schläch­ti­gen Elec­tro­sounds. Die­ser Track öff­ne­te ihm die Tür zu Welt­stars wie Cold­play, Ma­don­na, Ri­ta Ora oder Wy­clef Je­an. Und dank Fi­gu­ren wie Avicii wur­de EDM, kurz für Elec­tro­nic Dan­ce Mu­sic, zur prä­gen­den west­li­chen Main­stream-pop­mu­sik der Ge­gen­wart.

Avicii war da­bei stets in­spi­riert von der Elec­tro­ni­ca von Daft Punk, teil­te aber auch das Pop­ver­ständ­nis sei­ner gros­sen Lands­leu­te Ab­ba (mit Björn Ul­va­eus und Ben­ny An­ders­son schrieb er 2013 die Eu­ro­vi­si­ons­hym­ne «We Wri­te the Sto­ry»). Mit dem Stück «Wa­ke Me Up» ge­lang ihm dann vor fünf Jah­ren sein gröss­ter Hit. Spä­tes­tens mit die­sem Track wur­de der DJ zum Su­per­star und – wenn man so will – zum Rock­star un­se­rer Zeit.

Schreck­li­che Rea­li­tät

Avicii kann­te aber ab­seits der Par­ty­zo­ne auch Dä­mo­nen, Stress und Angst. Da war et­wa der ex­zes­si­ve Al­ko­hol­kon­sum, der ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me mit der Bauch­spei­chel­drü­se mit sich brach­te. Seit 2016 trat er nicht mehr auf – pro­du­zier­te aber im­mer noch wei­ter Tracks für Acts wie das Pop­duo Al­u­na­ge­or­ge. Denn das Stu­dio und nicht die Show­büh­ne war sei­ne ei­gent­li­che Welt, wie er ein­mal an­merk­te. Dort, wo für ihn al­les Sinn er­ge­ben ha­be. Auf sei­ner Face­book­sei­te schrieb Avicii da­mals über sei­nen Rück­zug: «Dan­ke, dass ich so vie­le Jah­re mei­ne Träu­me ver­wirk­li­chen konn­te.»

Vi­el­leicht hät­te spä­tes­tens dann er­ahnt wer­den müs­sen, dass Avicii mehr als nur den aus­ge­las­se­nen Mo­ment kennt. Ei­ne Ah­nung, die am Frei­tag­abend schreck­li­che Rea­li­tät wur­de: Tim Berg­ling wur­de in der oma­ni­schen Haupt­stadt Mus­kat tot auf­ge­fun­den. «Die Fa­mi­lie ist ge­schockt, und wir bit­ten dar­um, die Pri­vat­sphä­re in die­ser schwe­ren Zeit zu re­spek­tie­ren», heisst es in ei­ner Stel­lung­nah­me des Ma­nage­ments. Avicii wur­de nur 28 Jah­re alt.

Fo­to: Jeff Kra­vitz (Get­ty Images)

Die Büh­ne ver­liess er vor zwei Jah­ren ein erstes Mal: Avicii bei ei­nem Dj-auf­tritt in Ka­li­for­ni­en im Früh­som­mer 2014.

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