Der ein­ge­bil­de­te Kran­ke

Der Bund - - FINALE -

Der ei­gent­li­che Skan­dal ist nicht das An­sin­nen der Ver­si­che­run­gen, die al­len Erns­tes er­wä­gen, me­di­zi­ni­sche Lai­en als Spit­zel im Kampf ge­gen er­schli­che­ne Leis­tun­gen ein­zu­set­zen, son­dern, dass die­ses Vor­ha­ben bei­na­he wi­der­spruchs­los ge­blie­ben wä­re. Ein haar­sträu­ben­des Vor­ha­ben, das des­halb auf gros­sen An­klang stösst, weil es ein ur­al­tes Bild be­dient, das sich in den Köp­fen fest­ge­setzt hat, noch lan­ge be­vor die «Schein­in­va­li­den» er­fun­den und zur So­zi­al­pla­ge er­klärt wor­den wa­ren: Krank­heit und Be­hin­de­rung als ei­ne Spiel­art von Faul­heit. Dar­um muss ein Be­hin­der­ten­big-bro­ther her, als ei­ne Mi­schung aus Voy­eu­ris­mus und Macht­gier, und wer nicht passt, wird raus­ge­wählt.

Da guckt al­so ein Sach­be­ar­bei­ter in ei­ne Ak­te und denkt sich: «Der und krank? Nie­mals. Der sieht auf Fo­tos so fröh­lich aus, da kann er auch gleich ar­bei­ten ge­hen. Ich geh mal vor­bei und schau bei dem ins Kü­chen­fens­ter.» Da der Sach­be­ar­bei­ter aber Sa­chen be­ar­bei­ten muss und abends sei­ne Ru­he will, muss je­mand an­ders ins Kü­chen­fens­ter des Kran­ken mit dem fröh­li­chen Ge­sicht schau­en ge­hen, je­mand, der knapp ei­ne ipho­ne-ka­me­ra und ei­ne Droh­ne aus dem Bau­markt be­die­nen kann. Und die­ser Mensch ent­schei­det nun nach al­len be­reits er­folg­ten Ex­per­ti­sen dar­über, ob Herr B. oder Frau R. trau­rig ge­nug über der Sup­pe sitzt, um als de­pres­siv durch­zu­ge­hen. Und wer nicht min­des­tens die Hälf­te ver­schüt­tet, kriegt die Tag­gel­der ab­er­kannt.

Der vi­su­el­le Be­weis, das Au­gen­mass und der ge­sun­de Men­schen­ver­stand der Mehr­heit im Kampf ge­gen die «un­kla­ren Krank­heits­bil­der» ei­ner Min­der­heit, die so ge­nannt wer­den, wenn man nicht aus­spre­chen will, was man denkt: Si­mu­lan­ten­tum. Wo Ei­gen­ver­ant­wor­tung und Mach­bar­keit als Ma­xi­men gel­ten, ist der kran­ke und be­hin­der­te Mensch ver­däch­tig.

Das Prin­zip der Er­werbs­ar­beit, auf dem un­se­re Ge­sell­schaft auf­baut, lebt nicht von der Leis­tungs­fä­hig­keit der Men­schen, die sie er­brin­gen, son­dern von der zu­ver­läs­si­gen Ab­ruf­bar­keit die­ser Leis­tung. Man will dar­auf set­zen kön­nen, dass ei­ne An­ge­stell­te täg­lich zur Ar­beit er­scheint und nicht nur dann, wenn es ihr gut ge­nug geht.

Et­li­che chro­ni­sche Krank­hei­ten ha­ben aber ih­re ei­ge­nen Ge­setz­mäs­sig­kei­ten, und die we­nigs­ten ent­spre­chen un­se­rem ab­ge­spei­cher­ten Bild da­von. Die Vor­stel­lung, die die meis­ten Men­schen von Epi­lep­sie ha­ben, hat ver­mut­lich nicht viel mit der Rea­li­tät ei­nes dar­an Er­krank­ten ge­mein. Es gibt an­de­re Kran­ke oder Be­hin­der­te, die mal auf ei­nen Roll­stuhl an­ge­wie­sen sind, mal Krü­cken brau­chen und pha­sen­wei­se oh­ne Geh­hil­fen aus­kom­men. Nur weiss man meis­tens nicht im Vor­aus, was der Tag bringt.

Wenn Men­schen nun da­zu an­ge­hal­ten wer­den, ih­re Be­ein­träch­ti­gun­gen für je­den sicht­bar zu le­ben, um dem Vor­wurf des Si­mu­lan­ten­tums zu ent­ge­hen, wer­den kei­ne An­sprü­che auf Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen ver­han­delt, son­dern Le­bens­sti­le. Es ist be­reits heu­te mög­lich, an­onym Leu­te an­zu­schwär­zen, die man ver­däch­tigt, zu Un­recht Gel­der zu be­zie­hen, weil sie ir­gend­et­was nicht so ma­chen wie von der Um­welt er­war­tet.

Wir soll­ten uns al­lein des­we­gen ge­gen das sys­te­ma­ti­sche Aus­spio­nie­ren und Be­ob­ach­ten von Men­schen stel­len, weil wir nie­mals er­lau­ben dür­fen, dass sich das Miss­trau­en ei­ner pa­ra­no­iden Ge­sell­schaft zum Kon­troll­wahn stei­gert, der sich an­masst, dar­über zu ent­schei­den, wer wann lachen oder ei­ne Par­ty fei­ern darf.

Kran­ke und Be­hin­der­te be­neh­men sich oft nicht so, wie Ge­sun­de und Nicht­be­hin­der­te glau­ben, dass sie sich be­näh­men, wä­ren sie an de­ren Stel­le. Die Grün­de hier­für ge­hen kei­nen et­was an.

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