Und wie­der trifft es die «bes­ten Kun­den»

Die Bahn- und Bus­be­trie­be sen­ken die Prei­se für Ein­zel­bil­let­te, da­für be­las­ten sie die Ge­ne­ral­abon­ne­men­te – ein­mal mehr. Bis jetzt hat die Tak­tik gut funk­tio­niert.

Der Bund - - THEMA - Fa­bi­an Renz

Wer ei­ner Fir­ma be­son­ders viel Geld ein­bringt, wird von ihr ho­fiert, um­wor­ben, ge­pflegt. Ge­mäss die­ser Lo­gik müss­te für die In­ha­ber ei­nes Ge­ne­ral­abon­ne­ments (GA) ei­gent­lich al­les zum Bes­ten ste­hen. Die Be­trie­be des öf­fent­li­chen Ver­kehrs (ÖV) er­zie­len mit ih­nen rund 40 Pro­zent ih­res Um­sat­zes, zwi­schen 1,4 und 1,5 Mil­li­ar­den Fran­ken pro Jahr. Doch nun zeigt sich: Die Ga-be­sit­zer sol­len schlech­ter­ge­stellt wer­den, da­mit die Bahn- und Bus­be­trie­be at­trak­ti­ve­re An­ge­bo­te für Frei­zeit- und Ge­le­gen­heits­fah­rer fi­nan­zie­ren kön­nen.

Kon­kret geht es um den Mehr­wert­steu­er­satz, der neu bei 7,7 statt wie bis an­hin 8 Pro­zent liegt. Die Öv-un­ter­neh­men spa­ren da­durch ge­samt­haft 9 Mil­lio­nen Fran­ken. Die­ser Preis­vor­teil wird je­doch nicht li­ne­ar an die Kun­den wei­ter­ge­reicht. Viel­mehr soll der Spar­be­trag aus­schliess­lich für die Ver­bil­li­gung von Ein­zel­bil­letts ver­wen­det wer­den, wie der Bran­chen­ver­band Ch-di­rect am Mon­tag mit­tel­te. Die neu­en Prei­se gel­ten ab 1. Ju­ni. Die GA blei­ben ge­mäss jet­zi­gem Stand gleich teu­er wie bis­her: 3860 Fran­ken für die zwei­te, 6300 Fran­ken für die ers­te Klas­se. Fak­tisch ha­ben die Ga-käu­fer da­mit ei­nen ge­tarn­ten Preis­auf­schlag hin­zu­neh­men – dies ent­ge­gen der Ver­laut­ba­rung von Ch-di­rect, wo­nach die Bran­che auf Preis­auf­schlä­ge «ver­zich­tet».

«Nach wie vor vor­teil­haft»

Die Be­nach­tei­li­gung scheint auf den ers­ten Blick ver­schmerz­bar. Die Wei­ter­ga­be des Steu­er­vor­teils hät­te bei ei­nem GA zwei­ter Klas­se je nach Be­rech­nungs­me­tho­de ei­ne Er­mäs­si­gung von 8 bis 12 Fran­ken aus­ge­macht, für die ers­te Klas­se ei­ni­ge Fran­ken mehr. Al­ler­dings fügt sich der ak­tu­el­le Ent­scheid der SBB und ih­rer Ta­rif­part­ner aus­ge­spro­chen stim­mig in de­ren lang­fris­ti­ge Stra­te­gie ein: Die Prei­se für das GA stei­gen im Ver­gleich mit an­de­ren Bil­let­ten seit Jah­ren über­pro­por­tio­nal. Bei der letz­ten Preis­run­de En­de 2016 zum Bei­spiel wur­de es um 4,2 Pro­zent ver­teu­ert, wo­hin­ge­gen man sich bei den Ein­zel­bil­let­ten mit ei­nem Plus von 2,5 Pro­zent be­gnüg­te. Es setz­te öf­fent­li­che Kri­tik ab, und die zu­stän­di­ge Sbb-ma­na­ge­rin Jean­ni­ne Pill­oud ge­stand ein, es sei­en «kei­ne gu­ten Nach­rich­ten für un­se­re bes­ten Kun­den».

Trotz­dem wer­den die «bes­ten Kun­den» nun er­neut be­nach­tei­ligt. Der Schritt ist in­so­fern nach­voll­zieh­bar, als die Tak­tik für die Öv-be­trie­be bis­lang auf­zu­ge­hen scheint: Un­ge­ach­tet der Preis­ent­wick­lung nut­zen laut An­ga­ben von Ch-di­rect der­zeit rund 480 000 Men­schen ein GA, so vie­le wie noch nie. «Ga-be­sit­zer rei­sen in der Schweiz nach wie vor sehr vor­teil­haft – in der zwei­ten Klas­se für et­was mehr als 10 Fran­ken pro Tag», be­tont Tho­mas Am­mann, Spre­cher von Ch-di­rect. Wä­re das GA li­ne­ar an der Preis­sen­kung be­tei­ligt wor­den, «hät­te man fast kei­ne Mit­tel mehr ge­habt, um den Nor­mal­preis zu sen­ken». Gleich­zei­tig wä­re die Preis­sen­kung beim GA «in ei­nem Be­reich ge­we­sen, den die Kun­den kaum wahr­ge­nom­men hät­ten», so Am­mann.

Ob Kun­den und Öf­fent­lich­keit die­se Sicht­wei­se tei­len, wird sich wei­sen. Beim Ver­ein Pro Bahn Schweiz je­den­falls dringt schon mal Skep­sis durch. «Wir ha­ben die neu­en Öv-prei­se noch nicht im De­tail stu­die­ren kön­nen», sagt Prä­si­den­tin Ka­rin Blät­ter. «Für uns ist aber klar: Die Mehr­wert­steu­er ist ei­ne na­tio­na­le Steu­er, und der tie­fe­re Satz soll flä­chen­de­ckend auf al­le Bil­let­te an­ge­wen­det wer­den.» Dies dür­fe man um­so mehr er­war­ten, als der ÖV zum Ser­vice pu­blic ge­hö­re.

«Völ­lig wi­der­sin­nig»

Kri­tik kommt auch von Da­ni­el Mül­ler­jentsch, Ver­kehrs­ex­per­te der Denk­fa­brik Ave­nir Suis­se – frei­lich aus ei­nem an­de­ren Blick­win­kel. Für ihn ist die Ver­bil­li­gung der Ein­zel­bil­let­te das ei­gent­li­che Pro­blem: «völ­lig wi­der­sin­nig», wie er sagt. Die Nut­zer des Schie­nen­ver­kehrs kä­men für ge­ra­de mal 40 Pro­zent der Kos­ten auf, die sie ver­ur­sach­ten. Im Stras­sen­ver­kehr lie­ge die­se Quo­te bei fast 100 Pro­zent. «Und jetzt nutzt die Bahn nicht ein­mal die sich er­ge­ben­den klei­nen Spiel­räu­me, um den Ei­gen­fi­nan­zie­rungs­grad zu ver­bes­sern», kri­ti­siert Mül­ler-jentsch. «Gleich­zei­tig sind Mil­li­ar­den­in­ves­ti­tio­nen in den Aus­bau der Ka­pa­zi­tä­ten ge­plant.» Die Kluft zwi­schen Kos­ten und Ein­nah­men wer­de sich da­durch wei­ter ver­grös­sern.

Nach­fra­ge sinkt

Neu­es­te Zah­len deu­ten in der Tat här­te­re Zei­ten für den ÖV an. Die SBB ver­zeich­ne­ten 2017 im Per­so­nen­ver­kehr ei­ne sta­gnie­ren­de Nach­fra­ge. Und just ges­tern mach­te der In­for­ma­ti­ons­dienst für den öf­fent­li­chen Ver­kehr (Li­tra) pu­blik, dass sich der Trend of­fen­bar ak­zen­tu­iert: Im ers­ten Quar­tal 2018 gin­gen die von Bahn­pas­sa­gie­ren ge­fah­re­nen Ki­lo­me­ter um 1,6 Pro­zent ge­gen­über der Ver­gleichs­pe­ri­ode des Vor­jahrs zu­rück. Er­klärt wird die Ent­wick­lung mit zu­sätz­li­chen Wo­che­n­en­den und Fei­er­ta­gen: Da­durch sei­en we­ni­ger Pend­ler un­ter­wegs ge­we­sen.

Feh­len Pend­ler, wird das für Bah­nund Bus­be­trie­be so­gleich spür­bar. Vie­le Pend­ler nut­zen das GA. Noch.

Fo­to: Tho­mas Eg­li

Die Prei­se für Ein­zel­fahr­ten wer­den auf den 1. Ju­ni ge­senkt: Bahn­pas­sa­gie­re am Haupt­bahn­hof Zü­rich.

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