Auf­stand ge­gen Au­to­kra­ten­paar

Die Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen in Ni­ca­ra­gua wei­ten sich aus: Prä­si­dent Or­te­ga und sei­ne Frau und Stell­ver­tre­te­rin sol­len ab­tre­ten.

Der Bund - - AUSLAND - Vin­cen­zo Ca­po­di­ci

Da­ni­el Or­te­ga, Lang­zeit­prä­si­dent von Ni­ca­ra­gua, muss in die­sen Ta­gen er­fah­ren, dass gros­se Tei­le der Be­völ­ke­rung gar nicht zu­frie­den sind mit sei­ner au­to­ri­tä­ren Po­li­tik. Die Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen in der Haupt­stadt Ma­na­gua und an­de­ren Städ­ten wei­ten sich aus. Zu­letzt gin­gen Zehn­tau­sen­de bei ei­nem «Marsch für den Frie­den und Dia­log» auf die Stras­sen. Da­mit re­agier­ten sie auf das har­te Vor­ge­hen von Po­li­zei, Ar­mee und re­gie­rungs­na­hen Schlä­ger­trupps. Bei Stras­sen­schlach­ten am Wo­che­n­en­de wa­ren 27 Men­schen ums Le­ben ge­kom­men.

Sol­che Er­eig­nis­se ha­be er in Ni­ca­ra­gua noch nie er­lebt, sagt Mat­thi­as Dietrich. Der aus Deutsch­land stam­men­de Di­rek­tor der ni­ca­ra­gua­ni­schen Uni­on für so­zia­le Ver­ant­wor­tung der Un­ter­neh­men (Unir­se) lebt seit 1988 mit Un­ter­bre­chun­gen im zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Land. «Bei den Pro­tes­ten der letz­ten Ta­ge sind viel auf­ge­stau­ter Frust in der Be­völ­ke­rung und gros­se Un­zu­frie­den­heit mit der Re­gie­rung durch­ge­bro­chen», sagt der 68-Jäh­ri­ge im Ge­spräch. Dietrich war der letz­te Ddr-bot­schaf­ter in Ni­ca­ra­gua.

Ni­ca­ra­gua hat sich laut Dietrich in den letz­ten Jah­ren wirt­schaft­lich recht gut ent­wi­ckelt. Dank wach­sen­der Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen hat das Land ein sta­bi­les Wirt­schafts­wachs­tum und ei­ne zu­neh­men­de Le­bens­qua­li­tät. Al­ler­dings pro­fi­tie­ren nicht al­le Tei­le der 6,1 Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­den Be­völ­ke­rung, Ar­mut bleibt ein Pro­blem. Ni­ca­ra­gua ist das zwei­tärms­te Land Latein­ame­ri­kas, Löh­ne und Ren­ten sind nied­rig.

Aus­lö­ser der Pro­tes­te war die ge­plan­te Ren­ten­re­form. Die­se sah vor, dass die Bei­trä­ge von Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern um bis zu 22,5 Pro­zent stei­gen, zu­gleich aber die Ren­ten um 5 Pro­zent ge­kürzt wer­den. Den De­mons­tran­ten ge­nügt dies al­ler­dings nicht. Im­mer laut­stär­ker rich­tet sich der Un­mut ge­gen Or­te­ga und sei­ne Ehe­frau Ro­sa­rio Mu­ril­lo, die als Vi­ze­prä­si­den­tin Ni­ca­ra­gu­as am­tiert. Kri­ti­ker wer­fen dem Paar vor, ei­ne au­to­ri­tä­re Fa­mi­li­en­dy­nas­tie an der Staats­spit­ze zu eta­blie­ren und öf­fent­li­che Gel­der über dunk­le Ka­nä­le in die Ta­schen sei­nes Clans zu lei­ten.

UNO for­dert Er­mitt­lun­gen

Stu­den­ten kün­dig­ten an, dass die Pro­tes­te so lan­ge an­dau­ern soll­ten, bis der 72-jäh­ri­ge Or­te­ga und sei­ne Frau zu­rück­tre­ten. Nach ei­ner ers­ten Amts­zeit in den 80er-jah­ren ist Or­te­ga seit 2007 wie­der Prä­si­dent. Sei­ne San­di­nis­ten ha­ben ih­re Macht im Staat lau­fend aus­ge­baut.

Mat­thi­as Dietrich hofft, dass al­le Kon­flikt­par­tei­en be­reit zum Dia­log sind: Re­gie­rung, Op­po­si­ti­on, Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tio­nen, zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pie­run­gen. Auch die Kir­che müs­se am Dia­log be­tei­ligt wer­den, die­se spie­le in Ni­ca­ra­gua ei­ne gros­se Rol­le. «In ei­nem Punkt sind sich al­le ei­nig: Bür­ger­kriegs­zu­stän­de will nie­mand.» Der Bür­ger­krieg der 80er-jah­re mit rund 50000 To­ten ist noch in bes­ter Er­in­ne­rung. «Al­le müs­sen sich nun zu­sam­men­reis­sen», sagt der Unir­se-di­rek­tor.

Unir­se ge­hört zu den ein­fluss­reichs­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen im Un­ter­neh­mens­sek­tor Ni­ca­ra­gu­as. Die­se ha­ben zum «Marsch für den Frie­den und Dia­log» auf­ge­ru­fen und sich mit den Pro­tes­tie­ren­den so­li­da­ri­siert. Da­bei ver­lang­ten sie, dass die Re­gie­rung die Re­pres­si­on be­en­det, die un­schul­dig Fest­ge­nom­me­nen frei­lässt und die Me­di­en­frei­heit wie­der­her­stellt. In den letz­ten Ta­gen hat­te die Re­gie­rung Tv-sen­der ab­ge­schal­tet, die li­ve über die Pro­tes­te be­rich­te­ten.

Die UNO for­der­te un­ter­des­sen «schnel­le, un­ab­hän­gi­ge und trans­pa­ren­te Er­mitt­lun­gen» zu den Op­fern der Un­ru­hen. Ei­ne Spre­che­rin des Uno­hoch­kom­mis­sa­ri­ats für Men­schen­rech­te be­zeich­ne­te es in Genf als «be­son­ders be­sorg­nis­er­re­gend», dass ein Teil der aus Ni­ca­ra­gua ge­mel­de­ten To­des­fäl­le «il­le­ga­len Hin­rich­tun­gen» gleich­kom­men könn­te. Not­wen­dig sei ei­ne Un­ter­su­chung zu den Be­rich­ten von «über­mäs­si­ger Ge­walt­an­wen­dung sei­tens der Po­li­zei und an­de­rer Si­cher­heits­kräf­te».

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