Ver­trie­ben und jetzt auch noch ent­eig­net

Dik­ta­tor Bas­har al-as­sad be­rei­tet ei­ne weit­rei­chen­de Ent­eig­nung und Neu­struk­tu­rie­rung des Be­sit­zes in Sy­ri­en vor. Be­son­ders be­trof­fen sind Ge­bie­te eins­ti­ger Re­gime­geg­ner und Auf­stän­di­scher. Und Flücht­lin­ge sol­len da­von ab­ge­hal­ten wer­den, heim­zu­keh­ren.

Der Bund - - AUSLAND - Paul-an­ton Krü­ger Kai­ro

Die EU und die UNO ha­ben in Brüs­sel zum Auf­takt ei­ner Hilfs­kon­fe­renz für das kriegs­ge­schüt­tel­te Sy­ri­en die Ge­ber­län­der zu mehr Spen­den auf­ge­ru­fen. Sie­ben Kriegs­jah­re mit an­dau­ern­den Kämp­fen hät­ten in Sy­ri­en zu un­glaub­li­chem Leid ge­führt, sag­te Uno-not­hil­fe-ko­or­di­na­tor Mark Low­cock am Di­ens­tag in Brüs­sel. Die UNO und ih­re Part­ner be­nö­tig­ten 3,5 Mil­li­ar­den Dol­lar, um 13 Mil­lio­nen Men­schen in Sy­ri­en zu un­ter­stüt­zen. Für ei­nen gross an­ge­leg­ten Wie­der­auf­bau, wie Russ­land ihn for­dert, macht die EU ei­ne um­fas­sen­de po­li­ti­sche Lö­sung des Kon­flikts un­ter Ver­mitt­lung der UNO zur Vor­aus­set­zung.

Das Re­gime von Prä­si­dent Bas­har al-as­sad al­ler­dings wird nicht war­ten: Er ar­bei­tet an der mi­li­tä­ri­schen Rück­er­obe­rung der letz­ten Re­bel­len­ge­bie­te. Zu­gleich ver­an­stal­tet Da­mas­kus Wie­der­auf­bau­mes­sen und schafft die ju­ris­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen, zer­stör­te Städ­te nach ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen wie­der auf­zu­bau­en – mit po­ten­zi­ell weit­rei­chen­den Fol­gen für die 5,6 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge und 6,1 Mil­lio­nen Bin­nen­ver­trie­be­nen.

Vor al­lem Mit­tel­stand be­trof­fen

Vie­le von ih­nen könn­ten in den kom­men­den Mo­na­ten das ver­lie­ren, was noch üb­rig ist von ih­ren Häu­sern oder Woh­nun­gen – und da­mit auch den An­reiz für die Rück­kehr in ih­re eins­ti­ge Hei­mat. De­kret Num­mer 10, das Prä­si­dent Bas­har al-as­sad am 4. April un­ter­zeich­net hat, er­mög­licht es der Re­gie­rung, neue Be­bau­ungs­plä­ne zu er­las­sen. Lo­ka­le Ex­per­ten­ko­mi­tees sol­len dann die Ei­gen­tums­ver­hält­nis­se in den Ge­bie­ten klä­ren, wo es kei­ne for­mel­len Grund­buch­re­gis­ter gibt oder wo die­se im Krieg zer­stört wur­den, et­wa in Homs.

Bin­nen 30 Ta­gen nach­dem ein sol­cher Ent­wick­lungs­plan per De­kret er­las­sen wird, müs­sen die Be­sit­zer von Grund­stü­cken, Ge­bäu­den und Woh­nun­gen ih­re Ei­gen­tums­rech­te nach­wei­sen. An­dern­falls kann ihr Be­sitz ver­stei­gert oder der öf­fent­li­chen Hand zu­ge­schla­gen wer­den; Ent­schä­di­gun­gen sind nur be­schränkt vor­ge­se­hen. Ara­bi­sche Me­di­en ver­glei­chen das De­kret mit dem is­rae­li­schen Ab­we­sen­heits­ge­setz, das als Grund­la­ge zur Ent­eig­nung pa­läs­ti­nen­si­scher Land­be­sit­zer dien­te.

Der Uno-hoch­kom­mis­sar für Flücht­lin­ge, Fil­ip­po Gran­di, sag­te, für Flücht­lin­ge sei es von zen­tra­ler Be­deu­tung, «dem Recht auf den ei­ge­nen Be­sitz zur Gel­tung zu ver­hel­fen». Gran­di er­in­ner­te dar­an, dass das Flücht­lings­hilfs­werk der Ver­ein­ten Na­tio­nen in an­de­ren Kriegs­ge­bie­ten da­mit be­gon­nen ha­be, da­für ein Netz­werk an Rechts­be­ra­tern auf­zu­bau­en. Uno-ex­per­ten aus der Re­gi­on sag­ten, das De­kret wer­de be­son­ders den Mit­tel­stand tref­fen, der be­reits früh in der Kri­se ge­flo­hen sei. Ein nicht un­er­heb­li­cher Teil von ih­nen lebt der­zeit in Eu­ro­pa.

Pro­ble­ma­tisch ist der Ei­gen­tums­nach­weis vor al­lem in so­ge­nann­ten in­for­mel­len Ge­bie­ten, die oh­ne Stadt­pla­nung schwarz ge­baut wor­den sind. Nur für et­wa die Hälf­te des Lan­des exis­tie­ren laut der Welt­bank Grund­buch­re­gis­ter. Et­wa 40 Pro­zent al­ler Woh­nun­gen la­gen laut Zah­len der Re­gie­rung schon im Jahr 2004 in in­for­mel­len Vier­teln. Vie­le ha­ben kei­ne Do­ku­men­te.

Vie­le ha­ben kei­ne Do­ku­men­te

Der An­teil der Be­völ­ke­rung dort dürf­te deut­lich hö­her sein, weil die Fa­mi­li­en in der Re­gel grös­ser sind als in den wohl­ha­ben­de­ren Ge­bie­ten. Bei man­chen han­delt es sich um Ar­bei­ter- oder Hand­wer­ker­vier­tel, bei an­de­ren um gross­städ­ti­sche Sl­ums. Bis 2011 dürf­te ihr An­teil wei­ter ge­stie­gen sein, durch die ra­pi­de Zu­nah­me der Be­völ­ke­rung und die von Dür­ren be­feu­er­te Land­flucht.

In vie­len die­ser Ge­gen­den wohn­ten über­wie­gend kon­ser­va­ti­ve Sun­ni­ten. Hier fand der Auf­stand ge­gen As­sad Un­ter­stüt­zung, hier la­gen die Hoch­bur­gen der Re­bel­len. Das Re­gime re­agier­te mit Be­la­ge­run­gen, dem Bom­bar­de­ment und der Ver­trei­bung der Be­woh­ner. Nun sol­len die Men­schen, die vor­her oft schon nicht über Grund­buch­aus­zü­ge oder an­de­re Do­ku­men­te ver­füg­ten, ihr Ei­gen­tum bin­nen 30 Ta­gen nach­wei­sen, wenn die Re­gie­rung ei­nen Be­bau­ungs­plan für ihr Ge­biet er­lässt. Vie­le wer­den da­zu nicht in der La­ge sein.

Sie le­ben im Aus­land oder in an­de­ren Tei­len Sy­ri­ens. Nach ei­ner Stu­die des Nor­we­gi­an Re­fu­gee Coun­cil ver­fü­gen nur 17 Pro­zent der in Nach­bar­län­der ge­flo­he­nen Sy­rer noch über Ei­gen­tums­do­ku­men­te; zwei Drit­tel hat­ten aber im ei­ge­nen Haus oder der ei­ge­nen Woh­nung ge­lebt. Ih­nen ist we­nig ge­hol­fen, dass Ver­wand­te bis zum vier­ten Grad sie vor den Be­hör­den ver­tre­ten kön­nen – ge­ra­de wenn An­ge­hö­ri­ge vom Re­gime ge­sucht wer­den. Po­ten­zi­ell be­trof­fen sind Hun­dert­tau­sen­de wenn nicht Mil­lio­nen Sy­rer; wie vie­le der zur­zeit in Deutsch­land le­ben­den, lässt sich nicht sa­gen.

As­sad kann mit sol­chen Pro­jek­ten ihm er­ge­be­ne Ge­schäfts­leu­te und Mi­li­zen­füh­rer be­loh­nen.

Vie­le frag­li­che Vier­tel lie­gen ent­we­der na­he den Zen­tren gros­ser Städ­te wie Alep­po, Da­mas­kus und Homs oder an de­ren Rän­dern. Da­mit sind sie für In­ves­to­ren in­ter­es­sant; in Homs gibt es Plä­ne für ein Ein­kaufs­zen­trum und ge­ho­be­ne Wohn­quar­tie­re. Ähn­li­che Um­wand­lun­gen hat es bei Da­mas­kus schon auf Ba­sis ei­nes De­krets aus dem Jahr 2012 ge­ge­ben. Die Ent­schä­di­gun­gen sind viel zu nied­rig, als dass die frü­he­ren Be­woh­ner sich das Le­ben in den neu­en Sied­lun­gen leis­ten könn­ten; auch bie­ten sie gar nicht ge­nug Platz im Ver­gleich zu den ex­trem dicht be­sie­del­ten in­for­mel­len Vier­teln, die sie er­set­zen sol­len.

As­sad kann mit sol­chen Pro­jek­ten ihm er­ge­be­ne Ge­schäfts­leu­te und Mi­li­zen­füh­rer be­loh­nen, die das Über­le­ben des Re­gimes ge­si­chert ha­ben – und wo­mög­lich an­de­re Ver­bün­de­te. Op­po­si­tio­nel­le fürch­ten, dass das De­kret Grund­la­ge wird für stra­te­gi­sche An­sied­lun­gen un­ter der Kon­trol­le ira­ni­scher Fir­men, die zu den Re­vo­lu­ti­ons­gar­den ge­hö­ren. Im Grenz­ge­biet zum Li­ba­non könn­te die schii­ti­sche Hiz­bol­lah da­von pro­fi­tie­ren. Die Na­tio­na­le Ko­ali­ti­on, der wich­tigs­te Zu­sam­men­schluss sy­ri­scher Op­po­si­ti­ons­grup­pen, sieht im De­kret Num­mer 10 «den Plan des As­sad-re­gimes, die de­mo­gra­fi­sche Land­schaft in Sy­ri­en nach­hal­tig zu ver­än­dern».

Fo­to: Keysto­ne

Nach jah­re­lan­ger Be­la­ge­rung liegt die Stadt Do­u­ma im sy­ri­schen Ostghou­ta in Trüm­mern.

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