Oh­ne Schwung

Die Neue Eu­ro­päi­sche Be­we­gung kämpft ein biss­chen für ei­nen Eu-bei­tritt – und mehr um die ei­ge­ne Zu­kunft. Die letz­te Hoff­nung kommt aus der tiefs­ten Ost­schweiz.

Der Bund - - SCHWEIZ - Gre­gor Po­let­ti

Man muss den Weg über ein Ku­rio­sum neh­men, wenn man zu Fre­dy Lüchin­ger will. Die Sä­ger­brü­cke ist die ein­zi­ge Brü­cke Ös­ter­reichs, die brei­ter ist als lang. Brü­cken fas­zi­nie­ren den Ost­schwei­zer Un­ter­neh­mens­be­ra­ter. Ei­ne für die Schweiz zu er­rich­ten, nach dort drü­ben, das ist sein Ziel. Er sieht je­den Tag nach «dort drü­ben», im­mer, wenn er auf die Dach­ter­ras­se des Cam­pus für klei­ne und in­no­va­ti­ve Un­ter­neh­men steigt, wo er ar­bei­tet. Vom ös­ter­rei­chi­schen Dorn­birn aus blickt er nach Eu­ro­pa. Ins na­he ge­le­ge­ne Bre­genz, nach Deutsch­land an den Bo­den­see, aber auch ins St. Gal­ler Rhein­tal. Dort wohn­te Lüchin­ger frü­her.

Ja frü­her. Da war der Schwei­zer Fa­mi­li­en­va­ter nur ein ge­wöhn­li­ches Mit­glied der Neu­en Eu­ro­päi­schen Be­we­gung (Nebs) und sei­ne Welt noch in Ord­nung. Bis es die SVP über­trieb, wie Lüchin­ger sagt. Sie woll­ten ihm sei­ne neue Hei­mat im Vor­arl­berg (wo­hin er vor rund drei Jah­ren zü­gel­te) ma­dig ma­chen. Oh­ne Per­so­nen­frei­zü­gig­keit, die von der SVP hef­tig un­ter Be­schuss ist, wä­re es mit so ei­ni­gem vor­bei, et­wa mit dem un­kom­pli­zier­ten Ar­bei­ten in Ös­ter­reich.

Der Är­ger über das dro­hen­de Un­ge­mach muss­te raus. Er woll­te et­was be­we­gen. Al­so mach­te er sich vor gut ei­nem Jahr auf, in der Ost­schweiz die ehe­ma­li­ge Nebs-sek­ti­on zu neu­em Le­ben zu er­we­cken. Die ist nun neu ge­grün­det, Lüchin­ger ihr Prä­si­dent und vol­ler Ta­ten­drang. Die Eu­ro­pa-freun­de aus der Ost­schweiz sind die Aus­nah­me. Bei vie­len der neun Nebs-sek­tio­nen geht fast gar nichts mehr: Die Zürcher ha­ben ih­re Web­site das letz­te Mal vor zwei Jah­ren ak­tua­li­siert, und die Ber­ner tref­fen sich ab und zu noch zu ei­nem «Ca­fé d’eu­ro­pe».

Das Feld von Os­ten auf­rol­len

Klar feh­le der Be­we­gung et­was Schwung, kon­sta­tiert Lüchin­ger. Aus dem Kon­zept brin­gen lässt er sich des­we­gen nicht. Es sta­chelt ihn viel­mehr an, das Feld vom kon­ser­va­ti­ven Os­ten her auf­zu­rol­len. Es brau­che gar nicht so viel, ist er über­zeugt. «Das Bild der Schwei­zer von der EU muss und kann kor­ri­giert wer­den», sagt er, das sei schon fast die hal­be Mie­te.

Dann wä­re auch ein Eu-bei­tritt nicht mehr ein so gros­ses Ta­bu. Kürz­lich hat Lüchin­ger Ro­ger Köp­pel, Svp-na­tio­nal­rat und Ver­le­ger der «Welt­wo­che», zu ei­nem Po­di­um ein­ge­la­den und für ihn, den über­zeug­ten Eu­ro­pä­er, wa­ren Köp­pels Aus­füh­run­gen schwie­rig. Als wä­re die EU des Teu­fels! Da­bei pro­fi­tie­re man als Schweiz doch in ers­ter Li­nie von der EU, hält Lüchin­ger ent­ge­gen.

Und schwärmt schon von sei­nem nächs­ten An­lass, den er für sei­ne Nebs­mit­glie­der or­ga­ni­siert. Dort sol­len die Ost­schwei­zer von den Vor­arl­ber­gern er­fah­ren, wie gross und di­rekt die Ein­fluss­mög­lich­kei­ten der Re­gio­nen in der Eu­ro­päi­schen Uni­on sind.

Bei Lüchin­ger ist die Be­geis­te­rung spür­bar, und in man­chen Mo­men­ten kommt der eher ru­hig und be­son­nen wir­ken­de Un­ter­neh­mens­be­ra­ter so­gar rich­tig in Schwung: «Die heu­ti­ge Schein­nicht­mit­glied­schaft ist doch ein Trug­schluss und nicht be­frie­di­gend.»

Ganz an­ders prä­sen­tiert sich die Ge­müts­la­ge beim Tref­fen mit dem Co-prä­si­den­ten der schwei­ze­ri­schen Nebs, dem Zürcher Sp-na­tio­nal­rat Mar­tin Naef. Nein, er sei nicht sui­zi­dal. Das sagt er im­mer wie­der beim Ge­spräch im Volks­haus in Zü­rich. Der Grund für sei­ne be­fremd­lich an­mu­ten­de Be­mer­kung: Das Nebs-prä­si­di­um, die Nebs über­haupt, gilt in­zwi­schen als Mis­si­on im­pos­si­ble. Eu­ro­pa­ex­per­te Die­ter Frei­burg­haus sag­te vor drei Jah­ren so­gar, es brau­che die Or­ga­ni­sa­ti­on nicht mehr.

Leicht ner­vös im Ha­bi­tus, aber elo­quent im In­halt, er­klärt der Ju­rist, wes­halb er nicht le­bens­mü­de sei: «Ir­gend­wie bin ich mir die Kan­di­da­tur fürs Prä­si­di­um selbst schul­dig ge­we­sen.»

Naef ist ein Mann der ers­ten St­un­de – das ver­pflich­tet. Er wur­de als 22-jäh­ri­ger Mann, der da­mals mit sei­ner Uku­le­le oft den Spass­vo­gel gab, vom Ernst des Le­bens ein­ge­holt und po­li­ti­siert. Am 6. De­zem­ber 1992. Am Tag, als die Schweiz an der Ur­ne den Bei­tritt zum EWR ab­lehn­te.

Vie­le Ent­täusch­te und Ve­r­un­si­cher­te emp­fan­den die­sen son­ni­gen Ab­stim­mungs­sonn­tag ein­fach nur als düs­ter. Der da­ma­li­ge Wirt­schafts­mi­nis­ter Je­an-pas­cal Del­amu­raz zum Bei­spiel. Un­ver­ges­sen, wie der Fdp-bun­des­rat nach der ver­lo­re­nen Schlacht wi­der­wil­lig und sau­er­töp­fisch das knap­pe Nein vor den Me­di­en ein­zu­ord­nen ver­such­te: «Dies ist ein schwar­zer Sonn­tag, für die Wirt­schaft, für die Ar­beits­plät­ze und für die Ju­gend.»

Die­se Re­ak­ti­on trug ihm vie­le Fein­de ein, aber auch ein paar neue Freun­de. Bei­spiels­wei­se bei der Eu­ro­päi­schen Be­we­gung (EBS), die ihn zum Eh­ren­prä­si­den­ten er­nann­te. Die­se Be­we­gung ver­ei­nig­te sich mit drei wei­te­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen am 28. März 1998 zur Grün­dung der Neu­en Eu­ro­päi­schen Be­we­gung. Es war nicht et­wa ein Lin­ker, son­dern ein Frei­sin­ni­ger, der das Prä­si­di­um zu­erst über­nahm: Na­tio­nal­rat Marc F. Su­ter. Ein Bie­ler An­walt, den sie spä­ter Eu­ro-tur­bo schimpf­ten, und der zeit sei­nes Le­bens ve­he­ment für ei­ne aus­sen­po­li­ti­sche Öff­nung der Schweiz kämpf­te. Mit sei­ner Pro­phe­zei­ung, for­mu­liert im Jahr 2002, lag er je­doch weit da­ne­ben: «Ich bin si­cher, dass die Schweiz in spä­tes­tens fünf­zehn Jah­ren Mit­glied der EU sein wird.»

Ein Hass­ob­jekt

Das Ge­gen­teil ist der Fall: Ein Eu-bei­tritt ist in wei­te Fer­ne ge­rückt. Die Ver­wal­tung in Brüs­sel ist zum Hass­ob­jekt ge­wor­den. Wer für ei­nen Bei­tritt zu die­sem in­ter­na­tio­na­len Ge­bil­de wirbt, gilt für vie­le Lands­leu­te be­reits als Lan­des­ver­rä­ter. Wa­ren 1999 noch 70 Pro­zent für ei­ne An­nä­he­rung an die EU, sind es heu­te noch 31 Pro­zent. Noch gan­ze 15 Pro­zent sind laut ei­ner Stu­die der ETH Zü­rich vom ver­gan­ge­nen Jahr für ei­nen Eu-bei­tritt.

Das war nicht im­mer so, weiss die frei­sin­ni­ge Na­tio­nal­rä­tin Chris­ta Mark­wal­der. Sie prä­si­dier­te die Nebs acht Jah­re lang: «Seit­dem sich ge­zeigt hat, dass die Bi­la­te­ra­len gut funk­tio­nie­ren, will man sich mit ei­nem Eu-bei­tritt nicht mehr aus­ein­an­der­set­zen.» Denk­blo­cka­den sei­en nicht li­be­ral: «Wir be­fin­den uns der­zeit in ei­ner blo­ckier­ten Si­tua­ti­on des bi­la­te­ra­len Wegs, wor­aus wir ei­nen prag­ma­ti­schen Aus­weg fin­den müs­sen.»

Vie­le Un­ter­stüt­zer hat Mark­wal­der da­bei nicht, auch nicht in der ei­ge­nen Par­tei. Die eins­ti­ge Be­geis­te­rung für die EU ist im Frei­sinn ver­blasst. 1995 be­kann­te sich die FDP an ei­ner De­le­gier­ten­ver­samm­lung zum Eu-bei­tritt. Elf Jah­re spä­ter kipp­te sie die­sen Ent­scheid. Seit­dem set­zen die welt­of­fe­nen Li­be­ra­len aus­schliess­lich auf den Er­halt und die Wei­ter­ent­wick­lung der Bi­la­te­ra­len. Da er­staunt es kaum, dass sich jetzt kein Frei­sin­ni­ger mehr fürs Prä­si­di­um der Nebs fand. Jüngst ver­such­te ein um­trie­bi­ges Fdp-mit­glied aus Schwyz gar Mark­wal­der zum Rück­tritt aus der Nebs zu drän­gen – ver­geb­lich.

Seit 2014 ist die Füh­rung der Or­ga­ni­sa­ti­on, die noch 3500 Mit­glie­der hat, mit Naef und sei­nem Co-prä­si­den­ten, dem Schrift­stel­ler und Sp-mit­glied François Che­rix, fest in lin­ken Hän­den. Seit dem Füh­rungs­wech­sel ist sie noch mehr zur Ziel­schei­be der Bür­ger­li­chen ge­wor­den. Zwar gibt es noch ein paar ver­spreng­te Par­la­men­ta­ri­er aus an­de­ren Par­tei­en, aber der Haupt­horst der 39 Nebs-mit­glie­der un­ter den eid­ge­nös­si­schen Rä­ten sind Lin­ke. Auch die bei­den Sp-bun­des­rä­te sind da­bei. Svp-frak­ti­ons­prä­si­dent Tho­mas Ae­schi for­der­te erst kürz­lich, Bun­des­rä­tin Si­mo­net­ta Som­maru­ga und Bun­des­rat Alain Ber­set müss­ten aus der Nebs aus­tre­ten.

Wer ei­nen Bei­tritt zur EU for­dert, gilt für vie­le als Lan­des­ver­rä­ter.

We­ni­ge Licht­bli­cke

Was macht die Nebs in die­ser un­ge­müt­li­chen La­ge? Sein Ziel sei es, das Funk­tio­nie­ren der Or­ga­ni­sa­ti­on auf­recht­zu­er­hal­ten, sagt Naef. Schliess­lich sei sie ei­ne wich­ti­ge Stim­me im eu­ro­pa­po­li­ti­schen Dis­kurs. Zu­min­dest der Blick in die Da­ten­bank des Schwei­ze­ri­schen Me­di­en­diensts be­sagt et­was an­de­res. Ver­gleicht man die Nebs mit ih­rer An­ti­po­de, der Auns, der Ak­ti­on für ei­ne un­ab­hän­gi­ge und neu­tra­le Schweiz, ist das Ver­dikt ein­deu­tig: In den letz­ten zwölf Mo­na­ten wur­de die Auns 672-mal er­wähnt, die Nebs nur 179-mal.

Der Ver­gleich mit der Auns schmeckt Naef nicht: «Wir sind nicht die An­ti­the­se zu die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on.» Sie wür­den sich viel­mehr als Kom­pe­tenz­zen­trum für eu­ro­päi­sche Be­lan­ge ver­ste­hen. Man be­trei­be kei­nen in­halts­lo­sen Ak­tio­nis­mus. Das heu­ti­ge Be­tä­ti­gungs­feld der Nebs be­schränkt sich tat­säch­lich auf In­for­ma­ti­on und Lob­by­ing – ein biss­chen Lob­by­ing. Ei­ne Volks­in­itia­ti­ve für ei­nen Eu-bei­tritt ist kein The­ma, zu ge­brannt schei­nen die Nebsia­ner vom gran­dio­sen Schei­tern ih­res Volks­be­geh­rens «Ja zu Eu­ro­pa», wel­ches 2001 mit ei­nem Stim­men­an­teil von 76,8 Pro­zent ver­wor­fen wur­de.

Die Stim­me der Eu-be­für­wor­ter dür­fe nicht ein­fach ver­stum­men, sagt Naef zur Da­seins­be­rech­ti­gung der Nebs. Ein Licht­blick sei et­wa die jüngst ge­grün­de­te Sek­ti­on Ost­schweiz. Und Lüchin­ger lässt tat­säch­lich zu­min­dest ein biss­chen Kampf­geist er­ken­nen: «Ich bin mit der SVP ei­nig – wir weh­ren uns ge­gen ei­nen schlei­chen­den Eu-bei­tritt. Wir soll­ten ihn mög­lichst schnell voll­zie­hen.»

Fo­to: Da­ni­el Am­mann

Fre­dy Lüchin­ger hat eben die Sek­ti­on Ost­schweiz neu be­lebt.

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