Wir müs­sen wach­sam sein

Tri­bü­ne Im Kampf ge­gen die wach­sen­de Ver­ach­tung des Plu­ra­lis­mus wird die Kraft des un­er­schro­cke­nen Jour­na­lis­mus im­mer wich­ti­ger. Adam Mich­nik

Der Bund - - MEINUNGEN -

Tho­mas Jef­fer­son, ei­ner der Grün­der­vä­ter der ame­ri­ka­ni­schen De­mo­kra­tie, schrieb im Jah­re 1786: «Die Grund­la­ge für un­ser Sys­tem bil­det die öf­fent­li­che Mei­nung, die wich­tigs­te Auf­ga­be be­steht da­rin, die­ses Ge­setz zu er­hal­ten. Wenn ich ent­schei­den müss­te, ob es bes­ser wä­re, ei­ne Re­gie­rung oh­ne freie Pres­se zu ha­ben oder freie Pres­se oh­ne ei­ne Re­gie­rung, dann wür­de ich nicht zö­gern, mich für die zwei­te Mög­lich­keit zu ent­schei­den.»

Die­ses glau­bens­fes­te Be­kennt­nis zur frei­en Pres­se so­wie zur Not­wen­dig­keit ei­nes mu­ti­gen und ge­wis­sen­haf­ten Jour­na­lis­mus soll­te auch un­ser Leit­bild sein. Es lohnt sich, Hil­fe und Rat bei den al­ten Meis­tern zu su­chen, die uns an Weis­heit über­ra­gen. Sie sind es, die uns durch das La­by­rinth dunk­ler Zei­ten ge­lei­ten kön­nen.

Die Dä­mo­nen des To­ta­li­ta­ris­mus sind zu­rück, mit all ih­rer Ver­ach­tung für Plu­ra­lis­mus, Rechts­staat, Gleich­heit, Dia­log und Kom­pro­miss­be­reit­schaft. Die Ge­ring­schät­zung für den an­de­ren, für Men­schen mit an­de­rer Re­li­gi­on, Na­tio­na­li­tät oder Haut­far­be, ist zu­rück­ge­kehrt. In un­se­rer Welt se­hen wir, wie Xeno­pho­bie und Ho­mo­pho­bie um sich grei­fen. Wo­an­ders be­ob­ach­ten wir den Auf­stieg des is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus, der nicht sel­ten zur ver­bre­che­ri­schen Waf­fe des Ter­rors greift.

Die freie Pres­se, die in der Tür­kei und in Russ­land ver­folgt, in Bu­da­pest und an­de­ren Tei­len Mit­tel­eu­ro­pas ab­ge­schafft wird, ist nicht sel­ten die letz­te Bas­ti­on zur Ver­tei­di­gung der Ver­fas­sung und der de­mo­kra­ti­schen Ord­nung.

Hass­er­füll­te Be­schränkt­heit

Der Po­pu­lis­mus der ex­tre­men Rech­ten – oft auch der ex­tre­men Lin­ken – ist ein Aus­druck der Ver­ach­tung so­wohl für das christ­li­che Wer­te­sys­tem als auch für den auf­ge­klär­ten Geist. Wer Ar­gu­men­te durch Be­lei­di­gun­gen und Be­schimp­fun­gen er­setzt, zer­stört den Re­spekt vor der Wahr­heit, setzt Wahr­heit mit Lü­ge gleich. Da­bei sind Wahr­heit und Lü­ge mit­nich­ten zwei un­ter­schied­li­che Stand­punk­te. Ge­nau­so we­nig wie Schwarz und Weiss zwei un­ter­schied­li­che Weiss­tö­ne sind. Lü­gen und Fa­ke News sind nichts an­de­res als das Gift hass­er­füll­ter Be­schränkt­heit, die die Frei­heit für den Tod­feind hält.

Auf die­se Wei­se, be­ab­sich­tigt oder nicht, wer­den die alt­be­kann­ten Ide­en des To­ta­li­ta­ris­mus der Zwi­schen­kriegs­zeit wie­der­be­lebt, als Na­zis und Bol­sche­wi­ken glei­cher­mas­sen den Tod des de­mo­kra­ti­schen Li­be­ra­lis­mus ver­kün­de­ten. Da­mals wie heu­te ist dies der Weg in die Dik­ta­tur der Un­wahr­heit im öf­fent­li­chen Le­ben.

Das In­ter­net, die gros­se Er­fin­dung un­se­rer Zeit, wei­tet den Raum der Frei­heit und öff­net ihn zu­gleich für Lü­ge, Hass und Ma­ni­pu­la­ti­on. Der po­li­ti­sche Wett­streit wird eben­dort zum Spek­ta­kel, wo die Ra­tio schlum­mert und die Dä­mo­nen er­wa­chen. Das In­ter­net ist der neue Kriegs­schau­platz po­pu­lis­ti­scher und an­ti­de­mo­kra­ti­scher Be­we­gun­gen, die dem Ver­fas­sungs­staat den Kampf an­ge­sagt ha­ben. Pres­se­frei­heit ist ei­ne un­ab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für die Exis­tenz ei­nes de­mo­kra­tisch ver­fass­ten Staats­we­sens. Ster­ben freie Me­di­en, wird der de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sungs­staat wehr­los.

Die An­grif­fe der Troll-ar­me­en von Wla­di­mir Pu­tin ha­ben ein Ziel: Po­pu­lis­mus und ex­tre­me an­ti­de­mo­kra­ti­sche Ten­den­zen in der EU und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu för­dern. Auf die­se Wei­se soll das Ver­trau­en in die In­sti­tu­tio­nen des de­mo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes zer­stört wer­den, die nur noch als kor­rup­te Seil­schaf­ten be­trach­tet wer­den. Ge­nau­so soll es an­er­kann­ten Au­to­ri­tä­ten er­ge­hen, die als ein eli­tä­rer Zir­kel von Gau­nern und Die­ben, aber auch als fremd­ge­steu­er­te Agen­ten dar­ge­stellt wer­den. So ist man in Russ­land mit den ei­ge­nen No­bel­preis­trä­gern um­ge­gan­gen: Pas­ternak, Sol­sche­ni­zyn, Sacha­row und Brod­ski. So geht man in Po­len mit Mi­losz und Szym­bors­ka, mit An­drzej Wa­j­da und Bro­nislaw Ge­re­mek um. Die­se Au­to­ri­tä­ten des öf­fent­li­chen Le­bens be­wirft man mit Dreck und ver­un­glimpft sie wie einst als «va­ter­lands­lo­se Kos­mo­po­li­ten» oder Ver­tre­ter «ent­ar­te­ter Kunst».

Wir ha­ben al­len Grund da­zu, ir­ri­tiert und wach­sam zu sein. Chau­vi­nis­ti­sche und xe­no­pho­be Be­we­gun­gen ge­win­nen an Kraft. Die de­mo­kra­ti­sche Welt könn­te in ei­ne Sta­gna­ti­on ver­fal­len, die au­to­ri­tä­re Kräf­te be­güns­tigt, wenn wir es nicht schaf­fen, un­se­re Welt vor all den Ag­gres­so­ren im Ge­wand des Na­tio­na­lis­mus oder des re­li­giö­sen Fa­na­tis­mus zu schüt­zen.

Alt­be­kann­te Ide­en des To­ta­li­ta­ris­mus wer­den neu be­lebt.

«Tun, was ge­tan wer­den muss»

Der her­vor­ra­gen­de pol­ni­sche Schrift­stel­ler und Jour­na­list Ksa­we­ry Prus­zyn­ski schrieb am Vor­abend des Zwei­ten Welt­kriegs: «Al­so soll­ten wir im­mer tun, was ge­tan wer­den muss, un­ab­hän­gig da­von, ob un­se­re Tat ei­nen si­che­ren Ef­fekt zei­ti­gen wird oder nur ei­nen mög­li­chen, selbst wenn der Ver­dacht na­he­liegt, dass sie gar kei­nen ha­ben wer­de, selbst dann noch, wenn uns je­mand ver­si­chert, dass dies si­cher der Fall sei.»

Die­se Re­zep­te sind für uns, Re­dak­to­ren und Jour­na­lis­ten, un­be­zahl­bar in die­sen nicht ganz ein­fa­chen, sich leicht braun ver­fär­ben­den Zei­ten.

Adam Mich­nik zählt zu den be­kann­tes­ten Dis­si­den­ten und Bür­ger­recht­lern in Po­len. Er ist Chef­re­dak­tor der gröss­ten pol­ni­schen Ta­ges­zei­tung «Ga­ze­ta Wy­borc­za». Aus dem Pol­ni­schen von Ar­ka­di­us Ju­r­ewicz.

Fo­to: Get­ty Images

Die li­be­ra­le «Ga­ze­ta Wy­borc­za» aus War­schau ist ei­ne wich­ti­ge Stim­me ge­gen den Po­pu­lis­mus.

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