Stras­sen­poe­sie aus Biel zwi­schen Tief­sinn und Un­sinn

Der Bund - - KULTUR - Jo­an­na No­wot­ny

«Ich bin an­ders. Ich bin mich.» Das «Ich», das hier spricht oder schreibt, nennt sich Zhe­ge. In Biel kennt man den Dich­ter al­ler­dings als Re­to Bloesch. Als Tex­ter, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fach­mann und Ver­an­stal­ter hat er sich dort ei­nen Na­men ge­macht. In «Der Po­et» lie­gen nun erst­mals Ge­dich­te Bloeschs in ge­druck­ter Form vor.

Bloesch be­zeich­net sei­ne Tex­te als Street-poe­try; sei­ne The­men ent­stam­men dem ge­nau be­ob­ach­te­ten städ­ti­schen All­tag. Die Ge­dich­te han­deln von «ver­zerr­ten Stras­sen­lich­tern» und nächt­li­chen Be­geg­nun­gen in Bars, von der Lie­be, dem (Un-)glück, dem Al­ko­hol, von Ein­sam­keit und De­pres­sio­nen.

Bloesch for­mu­liert in ih­nen auch im­mer wie­der ei­ne Kri­tik an ei­ner Ge­sell­schaft, in der sich die Ein­zel­nen nicht mehr wirk­lich be­geg­nen, son­dern zum Bei­spiel di­gi­ta­len «Li­kes» nach­ja­gen: «Sie mö­gen dich. / Dort. Mö­gen sie dich? / Dich. In echt.» Und im­mer wie­der scheint der Wil­le durch, et­was zu ver­än­dern und die Le­se­rin auf­zu­rüt­teln: Hash­tag «#be­frei­teuch». Im letz­ten Ge­dicht oder Sinn­spruch des Büch­leins wird das An­lie­gen auf den Punkt ge­bracht. «Wahr­heit be­freit», heisst es dort sim­pel.

Bloeschs Ge­dich­te sind la­pi­dar und ver­wei­gern sich klas­si­schen Vers­for­men, wer­den statt­des­sen ty­po­gra­fisch in ori­gi­nel­le For­men ge­bracht. Der äus­se­ren Gestal­tung nach prä­sen­tiert sich «Der Po­et» da­mit als sehr mo­dern. In in­halt­li­cher Hin­sicht bleibt der Dich­ter aber doch eher tra­di­tio­nell. Teil­wei­se glei­chen die Tex­te Apho­ris­men, al­so ver­kürz­ten Sinn­sprü­chen mit ei­ner re­la­tiv deut­li­chen Moral: «Zu vie­le Men­schen. Es feh­len See­len.» Und manch­mal fällt es doch schwer, zwi­schen Tief­sinn und Un­sinn zu un­ter­schei­den: «Su­chen wir nichts. Dann ist al­les.» Trotz man­cher Ge­dich­te, die so ins all­zu Pla­ka­ti­ve oder aber ins eher Ne­bu­lö­se ab­rut­schen, bie­tet «Der Po­et» aber ge­samt­haft prä­gnan­te Bie­ler Stadt­poe­sie, die zum Nach­den­ken an­regt.

Zhe­ge: «Der Po­et», Edi­ti­on Hart­mann, Biel 2018. 107 Sei­ten. www.zhe­ge.ch

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