Wenn aus Frau­en­hass Ter­ror wird

Frau­en­hass At­ten­ta­te aus Hass auf Frau­en häu­fen sich. Wie is­la­mis­ti­scher Ter­ror sind sie ideo­lo­gisch be­grün­det. Michè­le Bins­wan­ger

Der Bund - - MEINUNGEN -

Fast ha­ben wir uns schon an die­se neue Art von Ter­ror ge­wöhnt: Män­ner, die mit Au­tos in Men­schen­men­gen ra­sen und so vie­le wie mög­lich zu tö­ten ver­su­chen. Die­se Wo­che traf es Toronto, Tä­ter war der 25-jäh­ri­ge Alek M. Wie beim is­la­mis­tisch mo­ti­vier­ten Ter­ror dürf­te auch M. aus Hass ge­tö­tet ha­ben. Hass nicht auf Un­gläu­bi­ge, son­dern auf Frau­en.

Dar­über wird zu­min­dest spe­ku­liert, nach­dem ein M. zu­ge­ord­ne­ter Ein­trag auf Face­book ent­deckt wur­de: Mit dem Ein­trag «Heil dem Gen­tle­man El­li­ot Rod­ger» hul­dig­te M. dem ka­li­for­ni­schen Amok­läu­fer, der 2014 in Is­la Vis­ta aus Frau­en­hass 6 Men­schen ge­tö­tet und 13 ver­letzt hat­te. M. schrieb wei­ter: «Die In­cel-re­bel­li­on hat schon be­gon­nen. Wir wer­den al­le Chads and St­a­cys stür­zen!» «In­cel» steht als Ab­kür­zung für «in­vol­un­ta­ry ce­li­ba­tes», al­so un­frei­wil­lig Zö­li­batä­re. Ge­meint sind Män­ner, die bei Frau­en kei­nen Er­folg ha­ben. «Chad» und «St­a­cy» gel­ten in die­ser Sze­ne als Co­de­na­men für se­xu­ell er­folg­rei­che Män­ner und Frau­en und über­haupt al­le «Nor­mies», al­so Nor­ma­los. In der ver­que­ren Lo­gik die­ser Amok­tä­ter sind die­se ver­ant­wort­lich für ihr ei­ge­nes so­zia­les Schei­tern und sol­len da­für büs­sen. At­trak­ti­ve Frau­en, wer­den als «Hu­ren» ab­ge­wer­tet – of­fen­sicht­lich ge­ra­de des­halb, weil sie eben nicht käuf­lich sind. Ih­re Ag­gres­sio­nen gel­ten aber auch Män­nern, die bei sol­chen Frau­en er­folg­reich sind – ihr Hass gilt al­so all je­nen, die kei­ne Frau­en has­sen.

Man kann die­se Män­ner als ver­wirr­te, wohl auch kran­ke Geis­ter se­hen. Aber es stellt sich die Fra­ge, ob man noch von ei­nem zu­fäl­li­gen Phä­no­men spre­chen kann. Ge­ra­de eben ist in Neu­en­burg ein Mann mit ei­ner Axt auf Frau­en los­ge­gan­gen, und im Sep­tem­ber 2016 zün­de­te ein Mann in der St. Gal­ler S-bahn Frau­en an und stach auf sie ein. Wie bei vie­len Amok­läu­fern dürf­ten auch hier psy­chi­sche Pro­ble­me den An­stoss ge­ge­ben ha­ben: pa­tho­lo­gi­scher Nar­ziss­mus, un­ver­dau­te Krän­kun­gen, feh­len­de Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz. Doch ana­log zum is­la­mis­ti­schen Ter­ror, hat auch der Hass auf Frau­en ein Fun­da­ment.

Die vir­tu­el­le «Män­ner­sphä­re»

Beim Is­la­mis­mus ist es ei­ne klar um­ris­se­ne Ideo­lo­gie, die nur Gläu­bi­ge über­haupt als Men­schen an­er­kennt – und Ge­walt ge­gen al­le an­de­ren le­gi­ti­miert. Auch die In­cels ra­di­ka­li­sie­ren sich nicht von heu­te auf mor­gen – und vor al­lem nicht al­lein.

In­cels sind Teil ei­ner brei­ter or­ga­ni­sier­ten vir­tu­el­len «Män­ner­sphä­re», un­ter der sich Online-mas­ku­li­nis­ten mit ver­schie­de­nen In­ter­es­sen und mehr oder we­ni­ger stark aus­ge­präg­tem Frau­en­hass sam­meln: An­ti­fe­mi­nis­ten, Au­f­riss-ar­tis­ten, Män­ner­rechts­ak­ti­vis­ten oder MGTOWS (Men Go Their Own Way), ei­ner Ge­gen­be­we­gung zu #Me­too.

In­cels be­gin­nen ih­re Kar­rie­re oft als «Au­f­riss-ar­tis­ten», wo sie grenz­wer­ti­ge Tricks zum Au­f­riss ler­nen, ei­gent­lich aber ei­ne zu­tiefst mi­so­gy­ne Ideo­lo­gie ein­ge­trich­tert be­kom­men, in der Frau­en nicht als Per­so­nen ge­ach­tet wer­den. Füh­ren die­se Tricks nicht zum Er­folg, sind sol­che Män­ner erst recht frus­triert und ge­kränkt und su­chen Gleich­ge­sinn­te im In­ter­net. Die «In­cel-com­mu­ni­ty» bie­tet ih­nen Trost – und ag­gres­si­ve Ge­walt­fan­ta­si­en. Oft wer­den die­se in ent­spre­chen­den Fo­ren durch­ge­spielt, et­wa Säu­re­at­ta­cken auf Frau­en oder Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen. Auch blan­ker Ras­sis­mus und Hass auf Paa­re un­ter­schied­li­cher Haut­far­be sind ver­brei­tet. Des­halb rech­net Mann die In­cels auch letzt­lich dem Feld der sich haupt­säch­lich im In­ter­net or­ga­ni­sie­ren­den Whi­te Su­pre­macists zu.

Noch ist M.s tat­säch­li­ches Mo­tiv nicht klar, doch die In­cel-sze­ne fei­ert sei­ne Tat jetzt schon im In­ter­net. Der jüngs­te An­schlag zeigt ein­mal mehr, wie eng ver­wandt Frau­en­hass mit an­de­ren For­men des Ex­tre­mis­mus ist. Und so­gar als Form des Ter­rors Gestalt an­nimmt.

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