«Die Haut ist wie ei­ne Lein­wand»

Wie­so ist es auf­re­gend, die Haut an­de­rer Men­schen zu spü­ren? Und war­um schnup­pern Men­schen ger­ne an ih­ren Ge­ni­ta­li­en? Der­ma­to­lo­gin Ya­el Ad­ler über Duft­si­gna­le und den Zu­sam­men­hang von Haut und Psy­che.

Der Bund - - DER KLEINE - In­ter­view: As­trid Vi­cia­no

Am liebs­ten hät­ten wir al­le ma­kel­lo­se Haut und wä­ren für im­mer jung. Dem­ent­spre­chend spricht kaum je­mand über Kör­per­ge­ruch und ana­len Juck­reiz, schon gar nicht öf­fent­lich. Die Ber­li­ner Ärz­tin Ya­el Ad­ler scheut die­se The­men nicht – sie hat so­gar ein Buch dar­über ge­schrie­ben. Sie fin­det: Wir soll­ten stolz sein auf un­se­re un­per­fek­ten Kör­per.

Wann füh­len sich Men­schen wohl in ih­rer Haut?

Das hat viel mit see­li­schem Be­fin­den zu tun. Wir füh­len uns wohl, wenn je­mand un­se­re Haut be­rührt, sie strei­chelt, kne­tet oder küsst. Das gibt ein tol­les Haut­ge­fühl, der Bo­ten­stoff Oxy­to­cin durch­flu­tet dann un­se­ren Kör­per – ich nen­ne es das Welt­frie­dens­hor­mon. Men­schen, die häu­fig be­rührt wer­den, sind ge­dul­di­ger, di­plo­ma­ti­scher und ent­spann­ter. Haut und Psy­che sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft, dar­um ist die Haut für mich das auf­re­gends­te Or­gan über­haupt.

Über­trei­ben Sie da nicht et­was?

Die Haut ist un­ser ers­ter Schutz­wall, oh­ne sie funk­tio­niert un­ser Kör­per nicht. Sie ist mit al­lem ver­bun­den, dem Ner­ven­sys­tem, dem Im­mun­sys­tem, un­se­rem Blut­kreis­lauf. Aber sie weckt auch Be­gier­de. Nicht oh­ne Grund spie­len Men­schen gern an ih­rer Haut her­um.

Sie mei­nen, wenn Leu­te ih­re Pi­ckel aus­drü­cken oder sich rit­zen?

Ei­ner mei­ner Ober­ärz­te kratz­te sich in Mo­men­ten höchs­ter Kon­zen­tra­ti­on gern hin­ter den Oh­ren, zer­rieb die ab­ge­rub­bel­ten Haut­par­ti­kel zwi­schen den Fin­gern und sog den Duft fas­zi­niert ein. Man­che Men­schen schnup­pern gern an sich, an ih­ren Füs­sen oder ih­ren Ge­ni­ta­li­en. Das fin­det man nicht so ek­lig wie den Kör­per­ge­ruch an­de­rer Men­schen. Den­ken Sie an den deut­schen Fuss­ball­na­tio­nal­trai­ner Jo­gi Löw an der EM 2016. In ei­nem Mo­ment der Selbst­ver­ges­sen­heit fass­te er sich in den Schritt und an den Po und roch dann lust­voll an sei­nen Hän­den. Wahr­schein­lich war er hoch­er­freut über die Tes­to­ste­ron­ab­bau­stof­fe aus den Duft­drü­sen, die er da ab­dampf­te. Wie nied­lich! Es ist so mensch­lich.

Wo­her kommt die­se Lust an der Haut und ih­rem Ge­ruch?

Wir ken­nen das aus der ana­len Pha­se; Kin­der freu­en sich rie­sig, wenn sie gross auf dem Topf wa­ren. Gleich­zei­tig ler­nen sie, dass das bäh ist und man da nicht hin­fas­sen soll. In die­sem Span­nungs­feld zwi­schen Fas­zi­na­ti­on und Ekel fin­den wir uns als Er­wach­se­ne noch. Das äus­sert sich auch im Wasch­ver­hal­ten.

«In ei­nem Mo­ment der Selbst­ver­ges­sen­heit fass­te er sich in den Schritt und roch dann lust­voll an den Hän­den.»

Ge­hört Wa­schen nicht ein­fach zur Kör­per­hy­gie­ne?

Vie­le Men­schen ver­drän­gen ih­re se­xu­el­len Ge­dan­ken, wol­len sie weg­wa­schen. Man­che ent­wi­ckeln ei­nen aus­ge­präg­ten Wasch­zwang, weil sie sich schmut­zig füh­len, be­son­ders in den Kör­per­fal­ten.

War­um sind die so wich­tig?

Kör­per­fal­ten sind be­son­de­re Area­le, weil dort Haut auf Haut liegt. Da kommt we­ni­ger Luft und Licht hin, wir schwit­zen mehr. Oben­drein lie­gen dort un­se­re Duft­drü­sen, so­dass die­se Re­gio­nen oft rie­chen. Sehr hy­gie­ne­be­dach­te Men­schen wol­len das nicht, wa­schen sich sehr aus­ gie­big. Das kann zur Fol­ge ha­ben, dass sich bö­se Bak­te­ri­en und Pil­ze an­sie­deln, die be­son­ders übel rie­chen.

Wo sind die Ta­bus be­son­ders gross?

Neh­men Sie nur die Po­fal­te, die Di­va un­ter den Kör­per­fal­ten, mit dem Po­loch, das wie ei­ne Ro­se aus­sieht. Die­se Re­gi­on ist mit un­zäh­li­gen Ner­ven­fa­sern durch­zo­gen und da­her be­son­ders emp­find­lich. Doch kei­ner traut sich, preis­zu­ge­ben, wenn es da hin­ten juckt. Da­bei ist die häu­figs­te Ur­sa­che des Juck­rei­zes nicht Schmutz, son­dern Sei­fen­res­te, die die Haut rei­zen. Hier ist oft über­trie­be­nes Wa­schen schuld. Wir Men­schen ha­ben ei­nen na­tür­li­chen Duft, der nicht im­mer nur ek­lig ist, son­dern ge­ra­de in der Se­xua­li­tät ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt.

Aber solch ei­ne müf­feln­de Kör­per­fal­te ist doch nicht ero­tisch.

Wir ver­lie­ben uns in Haut, wir ge­ben über sie Duft­si­gna­le ab. Ich nen­ne das ero­ti­sches Duft­mar­ke­ting. Die meis­ten Duft­drü­sen ha­ben wir an Ach­seln und Leis­ten. Sitzt ein Mann breit­bei­nig vor mir, mit nach hin­ten ver­schränk­ten Ar­men, dann will er nicht die Grös­se sei­nes Ge­mächts oder sei­nen Kör­per­bau zei­gen. Er will mich – un­be­wusst – be­damp­fen, um zu tes­ten, ob von mei­ner Sei­te aus In­ter­es­se be­steht. Ist das der Fall, fan­ge ich an, mei­ne Haa­re hoch­zu­neh­men. Das legt die Duf­tarea­le im Na­cken und hin­ter den Oh­ren frei, eben­so je­ne an den Ach­seln. Kör­per­spra­che und Bio­che­mie spie­len wun­der­bar zu­sam­men. Das nut­ze ich auch im All­tag.

Wie soll das funk­tio­nie­ren?

Neu­lich emp­fand ich wäh­rend ei­nes Ge­sprächs mein Ge­gen­über als total ab­leh­nend. Bis ich merk­te, wie der Mann sei­ne Ar­me hoch­nahm. Da dach­te ich: Wun­der­bar, er ist an ei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on mit mir in­ter­es­siert. Das muss kein se­xu­el­les In­ter­es­se sein. Das sind Sprach­mit­tel, die wir die gan­ze Zeit ver­wen­den, oh­ne es zu be­mer­ken.

Kön­nen Sie den Ge­müts­zu­stand auch an der Haut selbst ab­le­sen?

Die Haut ist wie ei­ne Lein­wand, auf der man das Le­ben ei­nes Men­schen ab­le­sen kann, zu­min­dest ein we­nig. An ei­ner fah­len Ge­sichts­haut er­ken­ne ich den Rau­cher; an dunk­len Fle­cken im Ge­sicht, dass je­mand zu viel in der Son­ne war. Rö­tun­gen und Rei­zun­gen spre­chen da­für, dass je­mand see­lisch be­las­tet ist. Stress kann zu Her­pes oder ei­ner Gür­tel­ro­se füh­ren. Selbst psy­chi­sche Krank­hei­ten las­sen sich er­ken­nen, wenn sich Pa­ti­en­ten zwang­haft ih­re Haa­re aus­rup­fen oder in die Un­ter­ar­me rit­zen. Die Haut hat auch ei­ne Warn­funk­ti­on.

In­wie­fern? Ich er­in­ne­re mich gut an je­ne Pa­ti­en­tin, die vor Jah­ren zu mir kam. Ei­ne klu­ge Frau, die über quä­len­den Juck­reiz klag­te. Sie hat­te ver­schie­de­ne Ärz­te auf­ge­sucht und un­zäh­li­ge All­er­gie­tests über sich er­ge­hen las­sen. Schliess­lich war sie über­zeugt, dass win­zi­ge In­sek­ten auf ih­rer Haut den Juck­reiz aus­lös­ten. Wir nen­nen das ei­nen Der­ma­to­zo­en­wahn.

Sie war al­so psy­chisch krank?

Dar­an dach­te ich zu­nächst, doch mach­te die Pa­ti­en­tin nicht den Ein­druck. Ich schick­te sie zum Ra­dio­lo­gen. Der fand ei­nen sehr sel­te­nen Tu­mor, der schon Zwerch­fell und Lun­ge be­fal­len hat­te. Sei­ne Bo­ten­stof­fe hat­ten den Juck­reiz aus­ge­löst. Ein­ein­halb Jah­re spä­ter starb die Frau. Sie hat­te viel Zeit ver­lo­ren. Das hat mich als Ärz­tin ge­ prägt: Wir müs­sen je­des Sym­ptom ernst neh­men. Blei­be ich an der Ober­flä­che, kann ich et­was Le­bens­ge­fähr­li­ches über­se­hen. Doch zum Glück ist es im All­tag meist um­ge­kehrt: Was den Pa­ti­en­ten be­droh­lich er­scheint, ist für uns Me­di­zi­ner oft harm­los.

Was be­las­tet die Pa­ti­en­ten denn?

Frau­en mit Cel­lu­li­te hal­ten sich oft für be­son­ders häss­lich. Da­bei lei­den wir Frau­en fast al­le an Cel­lu­li­te. Wir ha­ben senk­recht zur Haut ver­lau­fen­de Bin­de­ge­webs­fa­sern. Sie zie­hen die Haut nach in­nen, da­zwi­schen ploppt das Fett­ge­we­be nach aussen. Das hat sich die Na­tur aus­ge­dacht, da­mit wir im Not­fall schnell Re­ser­ven ein­la­gern kön­nen für den Nach­wuchs. Cel­lu­li­te ist ei­gent­lich ein Sym­bol für Weib­lich­keit. Es gab si­cher noch nie ei­nen Mann, der mit ei­ner Frau kei­nen Sex woll­te, weil die­se Cel­lu­li­te hat­te. Im Ge­gen­teil: Män­ner freu­en sich über ei­nen nor­ma­len Po. Den Po ei­ner Frau, mit der sie Sex ha­ben kön­nen.

Foto: Ste­phen Smith (Reuters)

«Wir spie­len nicht oh­ne Grund gern an un­se­rer Haut rum», sagt die Ärz­tin und Au­to­rin Ya­el Ad­ler.

Ya­el Ad­ler Die 44-jäh­ri­ge Der­ma­to­lo­gin führt ei­ne Pra­xis in Berlin und tritt re­gel­mäs­sig in den Me­di­en auf. 2016 er­schien Ad­lers Buch «Haut nah», das in meh­re­re Spra­chen über­setzt wur­de.

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