Via­gra im Kar­tof­fel­stock

Groo­ve-jazz aus De­troit: Der Tur­bo­sa­xo­fo­nist Ja­mes Car­ter gas­tiert am Jazzfestiv­al Bern.

Der Bund - - KULTUR - Tom Gstei­ger

Nach der Raf­fi­nes­se, die man letz­te Wo­che von den Pia­nis­ten Ken­ny Bar­ron und Ben­ny Green zu hö­ren be­kam, wirkt der Auf­tritt des Sa­xo­fo­nis­ten Ja­mes Car­ter in Ma­ri­ans Jazz­room wie ei­ne Faust aufs Au­ge. Lei­se Zwi­schen­tö­ne ha­ben in Car­ters Spiel nichts ver­lo­ren, er spielt fast im­mer sehr laut, häu­fig sehr schnell und mit ei­nem mäch­ti­gen Vi­bra­to, Ef­fekt­ha­sche­rei (mit und oh­ne Ef­fekt­ge­rä­te) und Ex­zes­se sind fes­ter Be­stand­teil sei­ner Pu­bli­kums­be­lus­ti­gungs­mass­nah­men.

Nach Bern ist der 1969 in De­troit ge­bo­re­ne Car­ter mit ei­nem Quar­tett ge­kom­men, das er Elek­trik Out­let nennt und für das er lau­ter Kol­le­gen aus sei­ner Ge­burts­stadt en­ga­giert hat: Ger­ard Gibbs lugt hin­ter ei­nem Key­board-turm her­vor, Ral­phe Arm­strong bie­tet sei­nem Elek­tro­bass mit sei­nem rie­si­gen Bauch ein wei­ches Pols­ter, und das Schlag­zeug von Alex Whi­te ist zum Glück nicht ver­stärkt. We­gen der Gross­er­fol­ge des Sou­lund Funk-la­bels Mo­town ist die Tat­sa­che, dass De­troit über vie­le Jah­re ein Jazz-hots­pot war, nicht mehr in al­len Köp­fen prä­sent – aus die­sem Ta­len­t­re­ser­voir gin­gen u. a. Hank, Thad und El­vin Jo­nes, Pep­per Adams, Do­nald Byrd, Paul Cham­bers, Yu­sef La­teef, Bar­ry Har­ris, Lou­is Hayes, Ge­ri Al­len und Craig Ta­born her­vor.

Mit sei­ner Grup­pe un­ter­nimmt Car­ter ei­nen Streif­zug durch den Groo­vejazz der letz­ten rund sech­zig Jah­re. Beim vom Pu­bli­kum mit viel Be­geis­te­rung quit­tier­ten Er­öff­nungs­kon­zert stan­den Stü­cke von Rus­ty Bryant und Ro­nald Shan­non Jack­son, Les Mc­cann und Ed­die Har­ris so­wie von den Cru­sa­ders auf dem Pro­gramm: wahr­lich kei­ne schlech­te Aus­wahl!

Bis zur Ur­schreithe­ra­pie

Und dann gab es da noch ei­ne Ge­s­angs­ein­la­ge von Ral­phe Arm­strong, die ei­nen ins Gr­ü­beln brin­gen konn­te. Ist es wirk­lich lus­tig oder doch eher ein Grund zum Fremd­schä­men, wenn ein schwer über­ge­wich­ti­ger und Gri­mas­sen schnei­den­der Ko­loss von ei­ner häss­li­chen, fet­ten Frau singt, die ih­ren blau­en Kar­tof­fel­stock mit Via­gra an­rei­chert, um ih­ren Lieb­ha­ber ge­fü­gig zu ma­chen? Es gab Zei­ten, da ha­ben pro­gres­si­ve Geis­ter Lou­is Arm­strong für we­sent­lich we­ni­ger pein­li­che Show­ein­la­gen als «On­kel Tom» kri­ti­siert.

Es wä­re al­ler­dings un­fair, das Kon­zert auf die­se ei­ne Ent­glei­sung zu re­du­zie­ren. Über wei­te Stre­cken ge­ne­rier­te die Band ei­nen ge­hö­ri­gen Dri­ve, von dem sich nicht zu­letzt Ja­mes Car­ter mit­reis­sen liess. Mit ei­ner an Be­ses­sen­heit gren­zen­den Dring­lich­keit ver­aus­gab­te er sich in sei­nen ex­trem ex­pres­si­ven Ex­kur­sen bis hin zu ei­ner Art sa­xo­fo­nis­ti­scher Ur­schreithe­ra­pie.

Schwin­del­er­re­gen­der Sog

Als Te­nor­sa­xo­fo­nist rief Car­ter Er­in­ne­run­gen an Ras­ha­an Ro­land Kirk wach, mit dem er die Be­herr­schung der Zir­ku­la­r­at­mung teilt: Dank die­ser kann man oh­ne Luft zu ho­len ei­ne Phra­se naht­los an die nächs­te rei­hen und so ei­nen schwin­del­er­re­gen­den Sog er­zeu­gen. Am über­zeu­gends­ten ge­rie­ten Car­ters Aus­flü­ge am Alt­sa­xo­fon: Da knüpf­te er so­zu­sa­gen naht­los an die mit viel Blues-fee­ling un­ter­füt­ter­te Gran­dez­za des im letz­ten Jahr ver­stor­be­nen Ar­thur Bly­the an. Wer al­so der Mei­nung ist, im Jazz müs­se es in ers­ter Li­nie dar­um ge­hen, dass schwar­zen Hoch­druck­sa­xo­fo­nis­ten der Schweiss aus­bricht, ist bei Ja­mes Car­ter an der rich­ti­gen Adres­se.

Wei­te­re Kon­zer­te in Ma­ri­ans Jazz­room bis Sams­tag, 28. April.

Foto: zvg

Schnell, laut, ex­zes­siv: Sa­xo­fo­nist Ja­mes Car­ter.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.