Spru­del im Kopf

Der Bund - - FINALE - Xym­na En­gel

Nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter trenn­ten mei­nen Zei­ge­fin­ger vom grau­en Plas­tik­knopf. Doch plötz­lich durch­fuhr mich ein Schau­dern. Schau­platz war die Kü­che ei­ner Woh­nung, die wir wäh­rend un­se­rer Fe­ri­en ge­mie­tet hat­ten. Sie war, wie gut be­wer­te­te Fe­ri­en­woh­nun­gen halt sind: an der Wand ein Bild mit der Auf­for­de­rung «Smi­le every day», in der Luft ei­ne star­ke No­te des Raum­dufts True Ro­se, auf dem Ess­tisch ein adret­tes grü­nes Pf­länz­lein aus Plas­tik.

Nun, der graue Knopf ge­hör­te zu ei­nem Ge­rät na­mens So­da Stream, dem Kö­nig im Reich der Was­ser­sprud­ler. Und ich muss­te un­wei­ger­lich an die letz­te Staf­fel von «Ba­che­lor» den­ken, die­se Sen­dung mit der An­zie­hungs­kraft ei­nes Pa­vi­an­hin­terns. Ich er­in­ner­te mich an fol­gen­de Sze­ne: Die «Traum­frau» ist zum ers­ten Mal bei ih­rem «Traum­prin­zen» zu Be­such. Er: «Möch­test du et­was trin­ken?» Sie: «Oh ja, trin­ken. Das ist ei­ne gu­te Idee.» Er: «Was­ser?» Sie: «Ja, heu­te trin­ke ich Was­ser.» Es wird ganz still. Die Ka­me­ra schwenkt auf das Plas­tik­ge­rät. Es pupst zwei Mal laut, dann das er­lö­sen­de Zzzscht. Sie: «Ok, al­le dei­ne su­per Mus­keln kom­men be­stimmt nicht vom Was­ser­tra­gen.» Er lacht spitz­bü­bisch. Sie stos­sen an. Es pri­ckelt. Zu­min­dest im Glas.

So­eben ist die neue «Ba­che­lo­ret­te» ge­star­tet, und ich hät­te da ein paar Vor­schlä­ge für die Wer­be­ab­tei­lung von So­da Stream, um ihr Ge­rät beim Pro­duct Pla­ce­ment noch bes­ser in Sze­ne zu set­zen. An­statt sich wäh­rend des ob­li­ga­ten Un­ter­wä­sche­tänz­chens auf dem Par­ty­schiff mit Schaum­wein zu über­gies­sen, könn­ten die Kan­di­da­ten dies ja ge­nau­so gut mit Mi­ne­ral­was­ser aus den Plas­tik­fla­schen von So­da Stream tun; man könn­te ei­nen Wett­be­werb im Schnell­spru­deln ver­an­stal­ten, oder der Schöns­te von al­len könn­te der Ba­che­lo­ret­te ein sol­ches Wäs­ser­chen ser­vie­ren und da­zu sa­gen: «So wie in die­sem Glas sieht es in mei­nem Herz­lein aus.»

Doch zu­rück in die Ikea­kü­che. Da stand ich al­so vor dem grau­en Knopf, schau­te mich um, zu vie­le Wasch­brett­ bäu­che im Kopf, und be­kam Angst. Angst vor mei­nem Post­so­da­stream­Ich. Dass ich mir wo­mög­lich bald ei­ne Spe­zi­al­pfan­ne für die Zu­be­rei­tung von po­chier­ten Ei­ern kau­fe, ei­nen de­ko­ra­ti­ven Koch­löf­fel­hal­ter in die Kü­che stel­le, mei­ne So­cken büg­le und am Schluss ein­sam und al­lein in mei­ner Woh­nung beim Schau­en ei­ner Dau­er­wer­be­sen­dung ster­be.

Aber Mo­ment: Wo­her kommt bloss mei­ne Ab­nei­gung ge­gen prak­ti­sche Din­ge? Denn ei­gent­lich gä­be es noch so vie­le Sa­chen, für die ich prak­ti­sche Lö­sun­gen her­bei­seh­ne. Ich den­ke da zum Bei­spiel an Pro­blem­fel­der wie: Fahr­rad­rei­fen (muss man stän­dig auf­pum­pen), Um­zugs­kar­tons tra­gen (Ar­me zu kurz), Wä­sche­stän­der zu­sam­ men­klap­pen (Ge­räusch), Strumpf­ho­sen mit zu kur­zem Schritt (läs­ti­ge Hoch­zieh­be­we­gung), Kek­se aus Prin­zen­rol­le ho­len (wer hat die­se Ver­pa­ckung er­fun­den?). Ich ha­be ei­ne Ver­mu­tung: Prak­ti­sche Din­ge spre­chen uns in Zei­ten der Zwangs­in­di­vi­dua­li­tät jeg­li­che In­di­vi­dua­li­tät ab.

Ich ha­be trotz all mei­ner in­ne­ren Wi­der­stän­de den Knopf ge­drückt. Und ich muss sa­gen: Es hat herr­lich ge­schmeckt. Und die Vor­stel­lung, die­ses Er­leb­nis zu je­der Tag­ und Nacht­zeit wie­der­ho­len zu kön­nen, löst in mir ein woh­li­ges Krib­beln aus. Mist, ich glau­be ich muss jetzt auch so ein Teil ha­ben. Und zwar so­fort.

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