Die Br­ex­it-front brö­ckelt

Im­mer mehr Un­ter­haus-ab­ge­ord­ne­te wol­len ei­nen Eu-aus­tritt, der ei­gent­lich kei­ner ist. Auch un­ter den To­ries spre­chen sich in­zwi­schen vie­le für ei­ne künf­ti­ge Zoll­uni­on aus.

Der Bund - - AUSLAND - Cath­rin Kahl­weit Lon­don

Do­mi­nic Grie­ve macht sich gros­se Sor­gen. Er nennt den Br­ex­it «ein mög­li­ches De­sas­ter». Das Wäh­ler­vo­tum sei ei­ne «Mi­ni-re­vo­lu­ti­on» in ei­nem Land, in dem es seit Jahr­hun­der­ten kei­ne Re­vo­lu­ti­on mehr gab. Grie­ve ist nicht ir­gend­wer, er sitzt seit 1997 für die To­ries im Par­la­ment, er war Ge­ne­ral­staats­an­walt, er ist ein wort­ge­wal­ti­ger Back­ben­cher, was zwar in der deut­schen Über­set­zung Hin­ter­bänk­ler heisst, im Un­ter­haus aber erst ein­mal nur je­mand ist, der nicht auf der Re­gie­rungs­bank Platz neh­men darf.

Grie­ve ge­hört zu den Back­ben­chern, die ih­re ei­ge­ne Re­gie­rung stark un­ter Druck set­zen, denn er ist ein Re­mai­ner, ei­ner, der in der EU blei­ben möch­te, und er kol­la­bo­riert mit der Op­po­si­ti­on. Am Don­ners­tag de­bat­tier­te das Par­la­ment, ob die Re­gie­rung mit der EU über ei­ne Zoll­uni­on nach dem Br­ex­it ver­han­deln soll­te. La­bour ist da­für, und auch bis zu zwölf Kon­ser­va­ti­ve könn­ten zu­stim­men. Die Lords im Ober­haus hat­ten sich schon ver­gan­ge­ne Wo­che da­für aus­ge­spro­chen. Die Un­ter­haus-de­bat­te en­de­te je­doch le­dig­lich mit ei­ner ge­ne­rel­len Re­so­lu­ti­on, in der die Re­gie­rung auf­ge­for­dert wird, auch die Mög­lich­keit ei­ner Zoll­uni­on zu ei­nem ih­rer Br­ex­it­ver­hand­lungs­zie­le zu ma­chen. Das bin­det die Re­gie­rung May nicht.

Kein Un­ab­hän­gig­keits­tag

Grie­ve wirbt der­weil, ge­mein­sam mit pro­mi­nen­ten La­bour-ab­ge­ord­ne­ten wie dem Schat­ten-br­ex­it-mi­nis­ter Keir St­ar­mer, für ei­ne sehr en­ge An­bin­dung an die EU, wo­zu ei­ne Zoll­uni­on ge­hö­ren wür­de. Wenn es schon ei­nen Br­ex­it ge­ben muss, weil die Wäh­ler das 2016 so woll­ten, dann bit­te ei­nen, der mög­lichst we­nig weh­tut. «Der Br­ex­it ist kein Un­ab­hän­gig­keits­tag, den man fei­ern kann», sagt St­ar­mer.

Für die­se Hal­tung wer­den sie von glü­hen­den Br­ex­i­teers wie dem kon­ser­va­ti­ven Ab­ge­ord­ne­ten Ja­cob Rees-mogg aus tiefs­tem Her­zen ge­hasst. Der kann sich vor Em­pö­rung über die Kom­pro­miss­ler, die der­zeit stark an Bo­den ge­win­nen, gar nicht mehr ein­krie­gen. Das Vo­tum der Lords et­wa, ätzt er, sei die al­te Ta­pe­te nicht wert, die in West­mins­ter an den Wän­den hän­ge. Und das Par­la­ment kön­ne die Re­gie­rung zu gar nichts zwin­gen. Wer Ide­en wie ei­ne Zoll­uni­on oder gar den Ver­bleib im Bin­nen­markt ver­fol­ge, re­de mit ge­spal­te­ner Zun­ge: «Po­li­ti­ker, die sa­gen, sie woll­ten den Br­ex­it nur bes­ser ma­chen, wol­len ihn ver­hin­dern.»

Aber wel­che Mög­lich­kei­ten gibt es denn tat­säch­lich, den Br­ex­it «bes­ser zu ma­chen» – oder gar zu ver­hin­dern? Vor al­lem Eu­ro­pä­er, die Gross­bri­tan­ni­en gern wei­ter in der EU se­hen wür­den, hal­ten auch fast zwei Jah­re nach dem Re­fe­ren­dum an der Hoff­nung fest, dass der Br­ex­it noch auf­zu­hal­ten ist. Nach ei­ner höchst un­klu­gen Ent­schei­dung, die auf der Ba­sis von Des­in­for­ma­ti­on ge­fällt wor­den sei, heisst es, müs­se nun ein zwei­tes Re­fe­ren­dum her. Nur so könn­ten die Bri­ten – wahl­wei­se vor oder nach ei­nem fer­tig aus­ge­han­del­ten De­al – noch ein­mal be­fragt wer­den, ob dies denn nun auch ge­nau der Br­ex­it ist, den sie woll­ten. Oder ob sie über­haupt im­mer noch ei­nen Br­ex­it wol­len.

Aber: Was ge­nau soll­te man fra­gen? Raus – oder doch drin­nen­blei­ben? Oder Nein zu die­sem, aber Ja zu ei­nem an­de­ren De­al? Und was, wenn das Er­geb­nis mit ei­nem eben­so knap­pen Vo­tum für den Ver­bleib in der EU aus­gin­ge, wie es letz­tes Mal knapp für den Br­ex­it aus­ging? Laut Um­fra­gen lie­gen die La­ger im­mer noch Kopf an Kopf. Hät­te dann die Eu-mit­glied­schaft ei­ne ein­deu­ti­ge­re po­li­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on als jetzt der Br­ex­it, den ja auch fast die Hälf­te der Wäh­ler nicht woll­ten?

Hoff­nung auf den «Bri­no»

Schwie­rig. Trotz­dem gibt es in Gross­bri­tan­ni­en Ak­ti­vis­ten, die für ei­ne zwei­te Ab­stim­mung wer­ben: Im­mer­hin neun po­li­ti­sche Grup­pie­run­gen wie «Best for Bri­tain» oder «Peop­le’s Vo­te» ha­ben sich für ei­ne Kam­pa­gne zu­sam­men­ge­schlos­sen. Sie ar­gu­men­tie­ren, es müs­se, schon rein recht­lich, ein sol­ches Re­fe­ren­dum ge­ben.

Ein chi­ne­si­sches Sprich­wort sagt: «Ein Kom­pro­miss ist im­mer ein vor­läu­fi­ger Er­folg.» Da­nach han­deln die meis­ten Re­mai­ner in Op­po­si­ti­on und Re­gie­rungs­la­ger, die ih­re Kräf­te stra­te­gisch bün­deln. Sie ar­bei­ten, nach an­fäng­li­cher Schock­star­re, tak­tisch ge­wieft auf ei­nen mög­lichst schmerz­frei­en Br­ex­it hin, im­mer nach dem Mot­to: Man muss das Vo­tum des Vol­kes ak­zep­tie­ren, jetzt gilt es, in der ver­blei­ben­den Zeit das Bes­te her­aus­zu­ho­len.

Die­se Hal­tung hat neu­er­dings auch ei­nen Na­men: «Bri­no». Das Wort steht für «Br­ex­it in na­me on­ly», al­so: Br­ex­it nur dem Na­men nach – und ist der Alb­traum al­ler Br­ex­i­teers, der Be­für­wor­ter ei­nes end­gül­ti­gen Ab­schieds von Eu­ro­pa al­so, der, glaubt man Aus­sen­mi­nis­ter Bo­ris John­son, der Be­ginn ei­nes neu­en gros­sen bri­ti­schen Zeit­al­ters sein wird.

Bri­no könn­te das sein, was am En­de üb­rig bleibt, wenn die bri­ti­sche Re­gie­rung al­le ro­ten Li­ni­en ge­räumt, die meis­ten Schlach­ten ge­gen Brüssel ver­lo­ren und das Par­la­ment end­gül­tig ge­gen sich auf­ge­bracht hat: ein Br­ex­it, mit dem Gross­bri­tan­ni­en zwar am 29. März 2019 for­mal aus der EU aus- und in ei­ne Sta­tus-quo-ähn­li­che Über­gangs­frist ein­trä­te, aber ab Win­ter 2020 ein Part­ner der EU blie­be; in ei­ner Zoll­uni­on, viel­leicht im Bin­nen­markt, mit dem Ver­bleib in Eu-agen­tu­ren und Pro­gram­men, mit der Fort­zah­lung von Bei­trä­gen für ge­mein­sa­me Pro­jek­te, mit weit­rei­chen­den Rech­ten für Eu-bür­ger.

Die Un­ter­stüt­zung für die­sen Weg wächst. Mo­de­ra­te, wie die Ju­ris­ten Grie­ve und St­ar­mer, hal­ten ein Re­fe­ren­dum für mach­bar, aber nicht für wün­schens­wert. Sie set­zen auf das Pri­mat des Par­la­ments. Im Ok­to­ber 2018 will die Re­gie­rung den Ab­ge­ord­ne­ten ein Aus­tritts­ge­setz (EU With­dra­wall Bill), ein Ge­setz für die Über­gangs­pe­ri­ode (Tran­si­ti­on Pe­ri­od) und ei­ne po­li­ti­sche Er­klä­rung für die Zeit da­nach (Po­li­ti­cal Frame­work) vor­le­gen. Dann soll das Un­ter­haus ab­stim­men. Ge­strit­ten wird noch, ob es nur ein Ja oder ein Nein ge­ben darf. Und ob, wenn das Par­la­ment Nein sagt, May nach­ver­han­deln muss oder ob das Kö­nig­reich dann oh­ne De­al aus der EU aus­schei­det. May ha­be we­nig Zeit, sagt St­ar­mer, der ak­tu­el­len Kri­se zu ent­kom­men: «Ei­ne Zoll­uni­on wür­de vie­le Pro­ble­me lö­sen. Wenn May das nicht will, muss sie et­was vor­le­gen, was die glei­chen Vor­tei­le bringt, das se­he ich aber bis­her nicht.»

Man kann, weil so­wohl der De­al als auch der Weg dort­hin so dif­fus sind, ei­nen drit­ten Re­mai­ner fra­gen, wie das al­les ge­hen soll: den ehe­ma­li­gen Vi­ze­pre­mier und Ex-chef der Li­be­ral­de­mo­kra­ten, Nick Clegg. Er schaut sich die er­hitz­te De­bat­te, weil er nicht mehr im Par­la­ment sitzt, von der Sei­ten­li­nie an. Die Chan­ce, dass das Par­la­ment zum Schluss Nein sagt, lie­ge lei­der bei nur 20 Pro­zent, glaubt er. To­ries und La­bour war­te­ten lie­ber wei­ter dar­auf, dass sich die öf­fent­li­che Mei­nung än­de­re. «Aber das Nein zum Br­ex­it bleibt ei­ne Fra­ge der ethi­schen Ver­ant­wor­tung für die­ses Land.»

«Das Nein zum Br­ex­it bleibt ei­ne Fra­ge der ethi­schen Ver­ant­wor­tung für die­ses Land.» Nick Clegg, Ex-chef der Li­be­ral­de­mo­kra­ten

Fo­to: To­by Mel­vil­le (Reu­ters)

Bri­ti­sche Br­ex­it-geg­ner de­mons­trie­ren vor dem Par­la­ments­ge­bäu­de, dem West­mins­ter-pa­last in Lon­don.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.