Be­rich­te aus der nord­ko­rea­ni­schen Fins­ter­nis

Der heu­ti­ge Ko­rea-gip­fel ist ein Pro­pa­gan­d­a­coup für Kim Jong-un. Wie es in des­sen Reich tat­säch­lich zu­geht, schil­dert ein an­ony­mer Au­tor.

Der Bund - - AUSLAND - Chris­toph Neid­hart Il­san

Täg­lich weissen Reis mit Fleisch, Sei­den­klei­der und ein Zie­gel­dach über dem Kopf, so stellt sich der Lkw-fah­rer Yong-su «das neue de­mo­kra­ti­sche Nord­ko­rea» vor, «das wir auf­bau­en». Doch der Ge­heim­po­li­zist des Dor­fes, sel­ber ein klei­ner Fisch, ist hin­ter Yong-su her, weil er Mi­li­tär­po­li­zis­ten mit ei­ner Axt be­droh­te. Sie säg­ten für ei­ne Te­le­fon­lei­tung ei­nen Ast der Ul­me vor sei­nem Haus ab. Das brach­te Yong-su in Ra­ge, denn die Ul­me war ihm hei­lig, er glaub­te, mit ih­ren ma­gi­schen Kräf­ten brin­ge sie die «An je­dem Tag Fleisch»zu­kunft frü­her. «Der Blitz trifft im­mer ei­ne un­schul­di­ge Krö­te», seufzt er.

Yong-sus Schick­sal ist ei­ne von sie­ben Kurz­ge­schich­ten, die der nord­ko­rea­ni­sche Schrift­stel­ler Ban­di, ein Pseud­onym, zwi­schen 1989 und 1995 ge­schrie­ben hat. Sie wur­den vo­ri­ges Jahr in Süd­ko­rea ver­öf­fent­licht und sind un­ter dem Ti­tel «Denun­zia­ti­on» auch auf Deutsch er­schie­nen.

In Süd­ko­rea sind in den letz­ten Jah­ren zahl­rei­che Bü­cher nord­ko­rea­ni­scher Über­läu­fer er­schie­nen. Aber Ban­dis Tex­te sind die ein­zi­gen, die in Nord­ko­rea ver­fasst wur­den. Der 1950 ge­bo­re­ne Au­tor, des­sen Iden­ti­tät ge­heim blei­ben muss, lebt bis heu­te im Nord­os­ten des Lan­des. Er ist Mit­glied des nord­ko­rea­ni­schen Schrift­stel­ler­ver­bands und pu­bli­ziert sonst in of­fi­zi­el­len Zeit­schrif­ten. Sei­ne Tex­te sind ei­ne Aus­wahl aus 750 Ma­nu­skript­sei­ten, die nach Süd­ko­rea ge­schmug­gelt wur­den. In Nord­ko­rea hat sie nie­mand ge­le­sen. So weit be­kannt, gibt es dort kei­ne Un­ter­grund­li­te­ra­tur. Die Nord­ko­rea-ex­per­ten sind sich al­ler­dings nicht ei­nig, ob das Buch echt oder ei­ne Fäl­schung sei. Un­be­strit­ten ist da­ge­gen, dass Ban­di das Schick­sal un­schul­di­ger klei­ner Leu­te, die vom Re­gime zer­rie­ben wer­den, tref­fend ab­bil­det.

Gan­ze Fa­mi­li­en im KZ

Nord­ko­rea un­ter Jung­dik­ta­tor Kim Jong-un ist ein to­ta­li­tä­rer Staat. Das Re­gime be­spit­zelt, fol­tert, steckt gan­ze Fa­mi­li­en in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und rich­tet Men­schen selbst für ba­na­le Ver­ge­hen öf­fent­lich hin. Ban­dis Fi­gu­ren ha­ben sich nichts zu­schul­den kom­men las­sen. Sie han­deln nur mensch­lich, wie der Mann, der sei­ne ster­ben­de Mut­ter in der fer­nen Pro­vinz noch ein­mal se­hen woll­te, aber kei­ne Rei­se­ge­neh­mi­gung er­hielt und trotz­dem fuhr. Oder die Gros­s­el­tern, die mit ih­rem En­kel­kind und tau­send an­dern Fahr­gäs­ten in ei­nem Pro­vinz­bahn­hof 30 St­un­den ste­cken blei­ben. Die Bahn­li­nie ist für ein «Klas­se-1er­eig­nis» ge­sperrt, das heisst für den «Ge­lieb­ten Füh­rer», da­mals Kim Il-sung. Die War­ten­den hun­gern und frie­ren, es kön­nen nicht ein­mal al­le auf dem Bo­den sit­zen. Als et­was Brot ge­lie­fert wird, tram­peln die Hung­ri­gen die Gross­mut­ter fast zu To­de. Spä­ter macht sich die al­te Frau al­lein zu Fuss zu ih­rer Toch­ter auf, sie le­be ja nur vier Dör­fer wei­ter. Aber auch die Stras­se ist ge­sperrt. Doch die «Kat­zen», wie sie die Ge­heim­po­li­zis­ten nennt, las­sen die Maus durch. Schliess­lich taucht ei­ne Wa­gen­ko­lon­ne auf. Sie stoppt, der «Ge­lieb­te Füh­rer» möch­te die Oma se­hen. Er hört von ih­rem Plan und bie­tet ihr an, sie zur Toch­ter zu fah­ren. Spä­ter muss sie im Ra­dio er­zäh­len, wie sich «der gros­se Füh­rer, der Va­ter der Na­ti­on», der al­le Nord­ko­rea­ner «wie sei­ne Kin­der liebt», für­sorg­lich um sie ge­küm­mert ha­be.

Die nord­ko­rea­ni­sche Pro­pa­gan­da hat nach dem Kai­ser­kult des Vor­kriegs­ja­pan und dem Schöp­fungs­my­thos der Bi­bel ei­ne Pseu­do­re­li­gi­on um die Kims ge­schaf­fen. Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il sind hei­li­ge Über­men­schen. Sie kön­nen al­les. Als der jün­ge­re Kim 1994 erst­mals ei­nen Golf­schlä­ger in die Hand nahm, so die of­fi­zi­el­le Le­gen­de, soll er elf Ho­les-in-one ge­schla­gen ha­ben.

Kim Jong-un ha­be ver­stan­den, die­ses Bild sei nicht mehr zeit­ge­mäss, meint Eun A-jo vom Asan-in­sti­tut. Er wol­le Nord­ko­rea zu ei­nem nor­ma­len Land ma­chen. Da­zu ha­be er be­gon­nen, die Pro­pa­gan­da zu er­neu­ern. Er ko­piert zwar sei­nen Gross­va­ter, will aber an­de­rer­seits als zeit­ge­nös­si­scher Mensch ge­se­hen wer­den. Da­zu lässt er sich re­gel­mäs­sig von sei­ner Frau be­glei­ten.

Frau­en als Aus­hän­ge­schil­der

Über­haupt be­nüt­ze er die Frau­en, so Eun A-jo, um Nord­ko­rea als mo­der­nen Staat dar­zu­stel­len. An die Olym­pi­schen Spie­le in Pyeong­chang schick­te er sei­ne Schwes­ter und ei­ne Pop­grup­pe in Stö­ckel­schu­hen und Mi­ni­rö­cken, die ei­ne kul­tu­rel­le Glo­ba­li­sie­rung Nord­ko­reas sym­bo­li­sie­ren soll­te. Er wol­le nicht nur das Bild der Welt von Nord­ko­rea än­dern, son­dern auch das Selbst­bild der Nord­ko­rea­ner. Das heu­ti­ge Gip­fel­tref­fen mit Süd­ko­reas Prä­si­dent Moon Jae-in trägt zu die­ser Image­kor­rek­tur bei.

Für Ban­dis Fi­gu­ren, die, ge­zeich­net vom Exis­tenz­kampf in ei­ner to­ta­li­tä­ren Man­gel­wirt­schaft, in Häu­sern woh­nen, in de­nen sich im Win­ter Frost an den Wän­den bil­det, än­dert ei­ne Kurs­kor­rek­tur der Pro­pa­gan­da frei­lich nichts. Das Re­gime hat sie über Jahr­zehn­te ge­schun­den und ih­nen die Men­schen­wür­de ge­raubt. Das ist schlim­mer als Man­gel. Und kaum zu hei­len.

Kim Jong-un Dik­ta­tor von Nord­ko­rea

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