Der Fall Chris­ti­an Miesch wird zum Lob­by­is­mus-test für das Par­la­ment

Der Bun­des­an­walt will freie Hand, um ge­gen den Ba­sel­bie­ter Svp-po­li­ti­ker zu er­mit­teln.

Der Bund - - SCHWEIZ - Chris­toph Lenz und Mar­kus Häf­li­ger

Wo ver­läuft im Bun­des­haus die Gren­ze zwi­schen le­ga­ler Kun­ge­lei und straf­ba­rer Kor­rup­ti­on? In der Öf­fent­lich­keit wird die­se Fra­ge schon län­ger de­bat­tiert. Das Par­la­ment ver­stand es bis­her aber, ihr aus­zu­wei­chen. Man ist doch ei­ne Mi­li­z­or­ga­ni­sa­ti­on! Schwei­zer Par­la­men­ta­ri­er han­deln ei­gen­ver­ant­wort­lich! Und die Nä­he der Po­li­ti­ker zu Ver­bän­den und Un­ter­neh­men ver­bes­sert doch auch die Re­sul­ta­te des Ge­setz­ge­bungs­pro­zes­ses!

Mit die­ser Hal­tung ist es in Bun­des­bern vor­erst vor­bei. In den kom­men­den Mo­na­ten wer­den Na­tio­nal­ und Stän­de­rä­te al­ler gros­sen Par­tei­en ganz kon­kret zur Lob­by­is­mus­fra­ge Stel­lung neh­men müs­sen. Der Grund: Die Bun­des­an­walt­schaft ver­langt vom Par­la­ment die Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät von Alt­na­tio­nal­rat Chris­ti­an Miesch. Sie will al­so freie Hand, um ge­gen den Ba­sel­bie­ter SVPPo­li­ti­ker er­mit­teln zu kön­nen. Ein ent­spre­chen­des Ge­such wur­de An­fang Wo­che ein­ge­reicht.

Auf­fäl­li­ge Geld­flüs­se

Wel­chen Ver­dacht die Bun­des­an­walt­schaft ver­folgt, will sie auf An­fra­ge nicht be­kannt ge­ben. Al­les deu­tet aber dar­auf hin, dass die Er­mitt­lun­gen auf Re­cher­chen die­ser Zei­tung zu­rück­ge­hen: Vor acht Wo­chen mach­te sie pu­blik, dass es 2015 zu auf­fäl­li­gen Fi­nanz­flüs­sen zwi­schen Ex­bot­schaf­ter und Kasachstan­lob­by­ist Tho­mas Bo­rer und dem da­ma­li­gen Svp-na­tio­nal­rat Chris­ti­an Miesch ge­kom­men war. Im April 2015 hat­te Miesch ei­ne Rech­nung über 4635 Fran­ken an Bo­rer ge­schickt für ein Sbb-ge­ne­ral­abon­ne­ment. Dies, ob­wohl Miesch als Par­la­men­ta­ri­er be­reits ein GA be­sass. Der Po­li­ti­ker ver­lang­te das Geld als Ent­schä­di­gung für sei­ne Tä­tig­keit als Se­kre­tär der Par­la­men­ta­ri­schen Grup­pe Schweiz ­ Kasachstan. Die Co­prä­si­den­ten der Grup­pe wuss­ten da­von nichts. Bo­rer über­wies das Geld im Früh­ling 2015. 2017, über ein Jahr nach Mieschs Rück­tritt aus dem Na­tio­nal­rat, floss das Geld wie­der zu­rück. Ge­mäss Bo­rer und Miesch soll dem Hin und Her ein Buch­hal­tungs­feh­ler zu­grun­de lie­gen.

Bis da­to sei im Fall Miesch kein Ver­fah­ren er­öff­net wor­den, be­ton­te die Bun­des­an­walt­schaft ges­tern. «Wie im­mer gilt auch in die­sem Sta­di­um der Un­ter­su­chun­gen die Un­schulds­ver­mu­tung für al­le Be­tei­lig­ten.»

Dass das Par­la­ment die Im­mu­ni­tät ei­nes Po­li­ti­kers, ei­nes Bun­des­rats oder ei­nes Bun­des­rich­ters auf­hebt, ist ex­trem sel­ten. Seit 1980 wur­den zwar 51 Ge­su­che im Bun­des­haus de­po­niert, doch nur in ei­nem Fall ho­ben die zu­stän­di­gen Par­la­ments­gre­mi­en die Im­mu­ni­tät for­mell auf: im Jah­re 1989 für die kurz zu­vor zu­rück­ge­tre­te­ne Fdp-bun­des­rä­tin Elisabeth Kopp. In al­len an­de­ren Fäl­len lehn­ten die zu­stän­di­gen Par­la­ments­gre­mi­en die Ge­su­che ent­we­der ab – oder sie ka­men zum Schluss, dass die Po­li­ti­ker für die frag­li­chen Ta­ten gar nicht durch ih­re Im­mu­ni­tät ge­schützt wa­ren, weil kein un­mit­tel­ba­rer Zu­sam­men­hang zur par­la­men­ta­ri­schen Tä­tig­keit vor­lag.

1990 war dies beim da­ma­li­gen SP-NA­tio­nal­rat Je­an Zieg­ler der Fall, der dar­auf­hin von ei­nem Ge­richt we­gen übler Nach­re­de ge­gen ei­nen Gen­fer Fi­nan­cier ver­ur­teilt wur­de. Auch Alt­svp-bun­des­rat Chris­toph Blo­cher war nicht durch die Im­mu­ni­tät ge­schützt, als ihm 2012 im Fall Hil­de­brand ei­ne Ver­let­zung des Bank­ge­heim­nis­ses vor­ge­wor­fen wur­de. Das Ver­fah­ren ge­gen Blo­cher wur­de 2015 ein­ge­stellt.

Fi­nanz­de­lik­te sind sel­ten

Am häu­figs­ten wer­den Po­li­ti­ker we­gen Ehr­ver­let­zung oder Amts­ge­heim­nis­ver­let­zung an­ge­zeigt. Dass Straf­ver­fol­ger we­gen frag­wür­di­ger Geld­flüs­se oder Ge­schen­ken ge­gen Schwei­zer Par­la­men­ta­ri­er er­mit­teln, ist sehr sel­ten. Seit 1980 war dies laut Aus­kunft der Par­la­ments­diens­te erst drei­mal der Fall. 2015 et­wa woll­te die Bun­des­an­walt­schaft die Im­mu­ni­tät des Fdp-na­tio­nal­rats Wal­ter Mül­ler auf­he­ben las­sen, weil er sich – eben­falls von Kasachstan­lob­by­is­ten – auf ei­ne teu­re Rei­se nach Kasachstan hat­te ein­la­den las­sen. Die zu­stän­di­gen Par­la­ments­kom­mis­sio­nen rüg­ten Mül­ler zwar da­für, sie ka­men aber zum Schluss, die Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät wä­re «nicht ver­hält­nis­mäs­sig». Der Fall Miesch hat in­so­fern ei­ne an­de­re Qua­li­tät, als zwi­schen Po­li­ti­ker und Lob­by­ist nicht ei­ne Na­tu­ra­lie aus­ge­tauscht wur­de, son­dern har­tes Bar­geld.

Ist das All­tag in der Schwei­zer Po­li­tik? Ei­ne Lap­pa­lie so­gar? Oder ist die Zah­lung von 4635 Fran­ken auf­fäl­lig ge­nug, dass die Straf­be­hör­den über­neh­men sol­len? Es darf mit Span­nung er­war­tet wer­den, wie die Im­mu­ni­täts­kom­mis­si­on den Fall be­ur­tei­len wird. Man wer­de sich «an ei­ner Sit­zung mit dem Ge­such um Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät von Alt­na­tio­nal­rat Chris­ti­an Miesch be­fas­sen», sagt Mat­tea Mey­er, die Prä­si­den­tin der Im­mu­ni­täts­kom­mis­si­on. Der Ter­min da­für ste­he noch nicht fest. Wei­te­re Aus­künf­te kön­ne sie zum jet­zi­gen Zeit­punkt nicht ge­ben, er­klärt die Zürcher Sp-na­tio­nal­rä­tin.

Fo­to: Pe­ter Klaun­zer

Chris­ti­an Miesch im Sep­tem­ber 2015 bei sei­ner Ver­ab­schie­dung aus dem Na­tio­nal­rat.

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