De­mo­kra­ti­en im Be­wäh­rungs­test

Frank-wal­ter St­ein­mei­er und Alain Ber­set hal­ten die di­rek­te De­mo­kra­tie der Schweiz für nicht auf Deutsch­land über­trag­bar.

Der Bund - - SCHWEIZ - Mar­kus Brot­schi Frei­burg

Der zwei­te Tag sei­nes Staats­be­suchs in der Schweiz führ­te Bun­des­prä­si­dent Frank­wal­ter St­ein­mei­er ges­tern an die Uni­ver­si­tät Frei­burg, wo er an ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on zur Fra­ge teil­nahm: «Kann die De­mo­kra­tie im 21. Jahr­hun­dert be­ste­hen?» Noch vor zehn Jah­ren hät­te ei­ne sol­che De­bat­te Stirn­run­zeln aus­ge­löst, sag­te St­ein­mei­er. Mitt­ler­wei­le sei­en die An­fech­tun­gen der De­mo­kra­tie und ei­ne neue Fas­zi­na­ti­on des Au­to­ri­tä­ren auch in Eu­ro­pa spür­bar. Im deut­schen Wahl­kampf vom letz­ten Herbst sei es zu er­bit­ter­ten Wu­t­aus­brü­chen ge­kom­men, wie es das Land in der Nach­kriegs­zeit bis­her nie er­lebt ha­be. Laut St­ein­mei­er be­fin­den wir uns in den Be­wäh­rungs­jah­ren für die De­mo­kra­tie.

Lies­se sich mit ei­ner di­rek­ten De­mo­kra­tie nach Schwei­zer Vor­bild in Deutsch­land den Rechts­po­pu­lis­ten bes­ser be­geg­nen? St­ein­mei­er ist skep­tisch. Auf Ge­mein­de­ebe­ne ja, aber auf Bun­des­ebe­ne glau­be er, dass die di­rek­te De­mo­kra­tie in sei­nem Land die La­ge «ver­schlimm­bes­sern» wür­de. Die bei­den Län­der hät­ten eben ei­ne un­ter­schied­li­che po­li­ti­sche DNA.

Auch Bun­des­prä­si­dent Ber­set hält das schwei­ze­ri­sche Sys­tem nicht für so ein­fach ex­por­tier­bar und für kein Re­zept ge­gen Po­pu­lis­mus. «Die di­rek­te De­mo­kra­tie ver­hin­dert den Po­pu­lis­mus nicht, man spürt ihn nur frü­her.» Als Bei­spiel dient Ber­set die An­nah­me Mi­na­ret­t­in­itia­ti­ve, ob­wohl es kaum kon­kre­te Bau­plä­ne für Mi­na­ret­te ge­ge­ben ha­be.

Fla­via Klei­ner, Co­prä­si­den­tin der Ope­ra­ti­on Li­be­ro, so­wie Staats­rechts­pro­fes­so­rin Eva­ma­ria Bel­ser hal­ten die di­rek­te De­mo­kra­tie da­ge­gen für ex­port­fä­hig. Klei­ner glaubt an die Lern­fä­hig­keit der De­mo­kra­tie, die im Fal­le der Schweiz nicht nur ei­ne di­rek­te sei, son­dern auch aus Par­la­ment und Ge­rich­ten be­ste­he. In der Schweiz sor­ge die Dis­kus­si­on über Volks­in­itia­ti­ven für «Kon­gru­enz» mit den Re­gie­ren­den, sag­te Bel­ser. Man kön­ne nicht an die De­mo­kra­tie glau­ben, wenn man dem Volk nicht zu­traue, über kom­ple­xe Vor­la­gen zu ent­schei­den. Bel­ser ist op­ti­mis­tisch. «Je­ne, die be­haup­ten, den wah­ren Volks­wil­len zu ver­tre­ten, ver­lie­ren in der Schweiz meis­tens.»

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