Er will die Ge­sund­heits­kos­ten­brem­se

Der Bund soll das ra­san­te Wachs­tum der Ge­sund­heits­kos­ten be­gren­zen. Ei­ne trei­ben­de Kraft hin­ter die­ser hef­tig um­strit­te­nen Idee ist Ser­ge Gail­lard, Di­rek­tor der Eid­ge­nös­si­schen Fi­nanz­ver­wal­tung.

Der Bund - - SCHWEIZ - Fa­bi­an Schä­fer

Ser­ge Gail­lard hat sich auf neu­es Ter­ri­to­ri­um vor­ge­wagt und dort prompt für Auf­se­hen ge­sorgt. Der Di­rek­tor der Eid­ge­nös­si­schen Fi­nanz­ver­wal­tung mischt zur­zeit die Gesundheitspolitik auf. Ein Spe­zia­list ist er nicht, das sagt er sel­ber. Aber ers­tens sieht er das «un­ge­brems­te» Wachs­tum der Ge­sund­heits­kos­ten als «gröss­te fi­nanz­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­rung». Und zwei­tens hat­ten die Spe­zia­lis­ten jah­re­lang Zeit, ih­re Re­zep­te um­zu­set­zen. Er­reicht ha­ben sie we­nig.

«Un­ter den Ex­per­ten herrscht Re­si­gna­ti­on, oh­ne Druck von aus­sen pas­siert nichts», kon­sta­tiert Gail­lard. Er war Mit­glied der Ex­per­ten­grup­pe, die 2017 im Auf­trag des Bun­des­rats Vor­schlä­ge zur «Kos­ten­dämp­fung» aus­ar­bei­te­te. Zu re­den gab pri­mär ei­ne Idee, die für hie­si­ge Ver­hält­nis­se ge­ra­de­zu re­vo­lu­tio­när ist: Die Ex­per­ten­grup­pe emp­fiehlt die Fest­le­gung ei­ner «Ziel­vor­ga­be» für die Ge­sund­heits­kos­ten – ei­ne Art Ge­samt­bud­get, das von Jahr zu Jahr neu aus­ge­han­delt und ver­teilt wird. Gail­lard hat den Vor­schlag ges­tern an ei­nem Re­fe­rat in Win­ter­thur er­läu­tert und ver­tei­digt.

Das Kon­zept lehnt sich an die Schul­den­brem­se des Bun­des an, die nach der Ein­füh­rung 2003 die Pha­se der De­fi­zi­te be­en­de­te. Die Idee da­hin­ter ist ein­fach, aber wir­kungs­voll: In­dem die Schul­den­brem­se im Vor­aus ei­ne ver­bind­li­che Aus­ga­ben­li­mi­te fest­legt, zwingt sie Ver­wal­tung, Bun­des­rat und Par­la­ment, im Bud­get­pro­zess Prio­ri­tä­ten zu set­zen und nicht al­le Aus­ga­ben­wün­sche zu er­fül­len. Ser­ge Gail­lard fin­det, die­ses Prin­zip soll­te auch im Ge­sund­heits­we­sen funk­tio­nie­ren, auch wenn die­ses ei­ni­ge Be­son­der­hei­ten auf­wei­se.

Ernst­haft ge­fähr­det

In der Ex­per­ten­grup­pe stiess der Vor­schlag an­fäng­lich auf Skep­sis, doch am En­de über­zeug­te er al­le. Die Bran­che hin­ge­gen läuft prak­tisch ge­schlos­sen Sturm da­ge­gen. Bei Ärz­ten und Spi­tä­lern er­staunt das we­nig, doch auch der Kran­ken­kas­sen­ver­band San­té­su­is­se ist da­ge­gen. Er warnt vor staat­li­cher Ein­fluss­nah­me und ver­ur­teilt Glo­bal­bud­gets als «un­schwei­ze­risch».

Da kann Gail­lard nur stau­nen. «Wir spre­chen von ei­ner So­zi­al­ver­si­che­rung, die mit Zwangs­ab­ga­ben wie Prä­mi­en und Steu­ern fi­nan­ziert wird, bei der es aber kei­ner­lei Bud­get­vor­ga­ben gibt. Nie­mand ist ver­ant­wort­lich für die Ent­wick­lung der Kos­ten.» Je­der Arzt, je­des Spi­tal ent­schei­de sel­ber, was nö­tig sei – und En­de Jahr stau­ne man, was das ge­kos­tet ha­be. Gail­lard be­tont, in al­len an­de­ren Be­rei­chen mit Zwangs­ab­ga­ben ge­be es Bud­ge­t­re­strik­tio­nen. Oh­ne Steue­rung sei die Fi­nan­zier­bar­keit des Ge­sund­heits­we­sens bald «ernst­haft ge­fähr­det».

Gail­lard ver­weist auf die Zah­len: Die Prä­mi­en wach­sen deut­lich stär­ker als die Löh­ne und die Wirt­schaft. Im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich sind die Kos­ten be­reits auf­fäl­lig hoch und wach­sen erst noch be­son­ders stark. Dies be­las­te die Pri­vat­haus­hal­te, vor al­lem je­ne mit mitt­le­ren Ein­kom­men, sagt Gail­lard, der frü­her für den Ge­werk­schafts­bund tä­tig war. Auch für den Staat wach­se die Be­las­tung, vor al­lem für die Kan­to­ne.

Doch wie soll denn nun das vor­ge­schla­ge­ne Sys­tem funk­tio­nie­ren? Das Prin­zip ist klar: Ge­mein­sam mit den Ak­teu­ren der Ge­sund­heits­bran­che legt der Bund Vor­ga­ben für das Aus­ga­ben­wachs­tum der Gr­und­ver­si­che­rung fest. Ent­schei­dend wä­ren meh­re­re Fak­to­ren wie das Wirt­schafts­wachs­tum, die Löh­ne, die De­mo­gra­fie oder der me­di­zi­ni­sche Fort­schritt. Schwie­rig ist die Auf­tei­lung der Vor­ga­ben auf die ein­zel­nen Be­rei­che von Pra­xen bis Spi­tä­lern. Gail­lard gibt zu, dass hier noch vie­le Fra­gen of­fen sind. Ei­ne Mög­lich­keit sei die Ver­tei­lung via Kan­to­ne. Je­den­falls soll­te am En­de klar sein, wie viel Geld zum Bei­spiel für die Spi­tal­ver­sor­gung in Bern oder Zü­rich be­reit­steht.

Vor­bild Nie­der­lan­de

Und wenn ein Arzt im No­vem­ber kein Bud­get mehr hat, soll er Pa­ti­en­ten ab­wei­sen? «Nein, das darf nicht pas­sie­ren», sagt Gail­lard. Es brau­che des­halb ein Qua­li­täts­mo­ni­to­ring und ge­ne­rell mehr Trans­pa­renz. Bud­get­über­schrei­tun­gen sol­len im neu­en Sys­tem nach­träg­lich kor­ri­giert wer­den. Da­zu braucht es fi­nan­zi­el­le Sank­tio­nen, die vor al­lem ab­schre­ckend wir­ken sol­len. In den Nie­der­lan­den funk­tio­niert das laut der Ex­per­ten­grup­pe gut: Of­fen­bar be­mü­hen sich Spi­tä­ler und Ärz­te, die Bud­gets ein­zu­hal­ten, da ih­nen sonst spä­ter Tarifkürzungen dro­hen. Wie die Sank­tio­nen in der Schweiz aus­sä­hen, ist of­fen.

Klar ist da­für das Ziel: Die Bud­get­vor­ga­ben sol­len nicht zu­las­ten der Pa­ti­en­ten ge­hen, son­dern das Kos­ten­be­wusst­sein und die Selbst­kon­trol­le in der Bran­che stär­ken, hält die Ex­per­ten­grup­pe fest. Ärz­te und Spi­tä­ler sol­len ver­mehrt Prio­ri­tä­ten set­zen und nur die wirk­lich not­wen­di­gen Leis­tun­gen vor­neh­men. Da­von ist man heu­te weit ent­fernt, das sa­gen die meis­ten Ex­per­ten. Die Re­de ist von Fehl­an­rei­zen, ver­früh­ten und un­nö­ti­gen Be­hand­lun­gen, über­flüs­si­gen und mehr­fa­chen Un­ter­su­chun­gen mit Kos­ten­fol­gen in Mil­li­ar­den­hö­he.

All das über­zeugt die vie­len Geg­ner nicht. Sie war­nen vor War­te­zei­ten, Zwei­klas­sen­me­di­zin, Ra­tio­nie­rung und aus­blei­ben­der In­no­va­ti­on. Die­se Ein­wän­de sei­en «prin­zi­pi­ell plau­si­bel», gibt auch Gail­lard zu, man müs­se sie bei der Um­set­zung be­rück­sich­ti­gen. Doch bei al­len Ri­si­ken und Ne­ben­wir­kun­gen steht für ihn fest, dass kein Weg an den fi­nan­zi­el­len Ziel­vor­ga­ben vor­bei­füh­re. «Sonst geht es wei­ter wie bis­her.» Die­ses Ri­si­ko ist gross. Gail­lard wer­tet es als Er­folg, dass der Bun­des­rat die Idee nicht schon ver­wor­fen hat. Er be­schloss En­de März, den Vor­schlag ge­nau­er zu prü­fen. Nun sind das Bun­des­amt für Ge­sund­heit und die Fi­nanz­ver­wal­tung dar­an, die Idee zu ver­tie­fen. En­de Jahr will der Bun­des­rat ei­nen Grund­satz­ent­scheid fäl­len.

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Fo­to: Keysto­ne

Mischt der­zeit die Gesundheitspolitik auf: Ser­ge Gail­lard.

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