Ge­setz un­ter­höhlt den So­zi­al­staat

Re­plik Ge­gen Be­trü­ger bei der So­zi­al­ver­si­che­rung soll­te die Po­li­zei er­mit­teln, nicht ei­ne Ver­si­che­rung. Kurt Pär­li

Der Bund - - MEINUNGEN -

Für Ru­dolf St­rahm ist die Ob­ser­va­ti­on von Ver­si­cher­ten zur Ver­hin­de­rung von Be­trü­ge­rei­en und zum Schut­ze der Steu­er­zah­ler not­wen­dig. Das Ge­setz sei mass­voll, in der Pra­xis spie­le es nur bei der IV und der Un­fall­ver­si­che­rung ei­ne Rol­le. Wer die Ob­ser­va­ti­on und Miss­brauchs­be­kämp­fung be­hin­de­re, un­ter­höh­le den So­zi­al­staat, schliesst St­rahm sei­ne Über­le­gun­gen (am Di­ens­tag in die­ser Zei­tung). Die­ser Vor­wurf kann nicht un­wi­der­spro­chen blei­ben.

So­zi­al­ver­si­che­rungs­be­trug ist ein De­likt. Wer So­zi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen in be­trü­ge­ri­scher Wei­se be­zieht oder be­zo­gen hat, wird straf­recht­lich sank­tio­niert und zur Rück­zah­lung der un­recht­mäs­sig be­zo­ge­nen Leis­tun­gen ver­pflich­tet. Das ist rich­tig so. Es ist aber grund­sätz­lich frag­lich, ob Sozialversicherungen die Kom­pe­tenz ha­ben sol­len, Über­wa­chun­gen durch­zu­füh­ren oder ob dies nicht viel­mehr Sa­che der Po­li­zei und Jus­tiz sein soll. Die Strafer­mitt­lungs­be­hör­den ha­ben die ent­spre­chen­den Kom­pe­ten­zen zur Auf­de­ckung be­trü­ge­ri­schen Ver­hal­tens und sind in ei­nen kla­ren rechts­staat­li­chen Rah­men ein­ge­bun­den. Bei­des ist bei den So­zi­al­ver­si­che­rungs­be­hör­den nicht der Fall. Das vom Par­la­ment be­schlos­se­ne Über­wa­chungs­ge­setz ge­nügt rechts­staat­li­chen An­for­de­run­gen nicht.

In ei­nem li­be­ra­len Rechts­staat hat das Par­la­ment die Auf­ga­be, die Über­wa­chungs­macht der Be­hör­den zu be­schrän­ken. Lei­der hat es ge­nau das Ge­gen­teil ge­macht. Es hat ein Ge­setz ge­schaf­fen, das sämt­li­chen So­zi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern zum Teil wei­ter­ge­hen­de Über­wa­chungs­kom­pe­ten­zen ver­leiht, als sie den Be­hör­den im Straf­ver­fah­ren oder im Nach­rich­ten­dienst zu­ste­hen.

Das sind Fak­ten und kei­ne jour­na­lis­ti­schen Über­trei­bun­gen, wie dies Ru­dolf St­rahm sug­ge­riert. Es fehlt auch ei­ne Be­stim­mung, die der Ver­wer­tung von il­le­ga­lem Über­wa­chungs­ma­te­ri­al ei­nen Rie­gel schiebt. Denn das Bun­des­ge­richt hat ent­schie­den, die Er­geb­nis­se ei­ner un­zu­läs­si­gen Über­wa­chung dürf­ten ver­wer­tet wer­den. Das In­ter­es­se am Auf­de­cken ei­nes Ver­si­che­rungs­miss­brauchs ge­he vor. Das Bun­des­ge­richt hat hier je­des Au­gen­mass ver­lo­ren. Um­so wich­ti­ger wä­re, dass das Par­la­ment sei­ne Rol­le als Hü­ter der Grund­rech­te wahr­nimmt.

Die An­for­de­run­gen an den Be­zug von So­zi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen wur­den in den letz­ten Jah­ren lau­fend er­höht und die Sank­tio­nen we­gen Pflicht­ver­let­zun­gen ver­schärft. Im­mer mehr kommt es auf das rich­ti­ge Ver­hal­ten von Ver­si­cher­ten an. Das schafft ein gros­ses Po­ten­zi­al für Über­wa­chun­gen. Zwar ar­bei­ten in den So­zi­al­ver­si­che­rungs­be­hör­den vie­le prag­ma­tisch den­ken­de und han­deln­de Per­so­nen, die nicht leicht­fer­tig Über­wa­chun­gen an­ord­nen wer­den. Das neue Ge­setz gibt aber den «Hard­li­nern» Auf­wind. Sie kön­nen jetzt ge­gen­über Ver­si­cher­ten ei­nen (noch) stren­ge­ren Kurs fah­ren. Wer zur Be­son­nen­heit mahnt, an Grund­rech­te er­in­nert und sich für die Ver­si­cher­ten ein­set­zen will, hat künf­tig ei­nen schwer(er)en Stand.

Un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­stellt

Das Über­wa­chungs­ge­setz stellt sämt­li­che Be­zü­ger/in­nen von Leis­tun­gen un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht und för­dert ei­ne ge­gen­sei­ti­ge Miss­trau­ens­kul­tur. Das ist fa­tal. Sozialversicherungen die­nen der Ab­si­che­rung wirt­schaft­li­cher Fol­gen ele­men­ta­rer Le­bens­ri­si­ken. Die Ver­si­cher­ten leis­ten auf der Grund­la­ge ih­res Er­werbs­ein­kom­mens er­heb­li­che Bei­trä­ge an die Fi­nan­zie­rung die­ser So­zi­al­wer­ke. Wie soll die ver­si­cher­te Per­son bei Ein­tritt ei­nes ver­si­cher­ten Ri­si­kos den So­zi­al­ver­si­che­rungs­be­hör­den ver­trau­en kön­nen, wenn die­ses re­la­tiv ein­fach ei­ne Über­wa­chung an­ord­nen kön­nen? So wird der So­zi­al­staat un­ter­höhlt.

Nur ne­ben­bei be­merkt: Zahl­rei­che Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen be­zie­hen Leis­tun­gen vom Staat, man den­ke an die Un­ter­stüt­zung der Land­wirt­schaft oder För­der­mit­tel für be­stimm­te Re­gio­nen oder Wirt­schafts­zwei­ge. Auch hier könn­te der Ge­setz­ge­ber auf den Ge­schmack kom­men, zur Prü­fung der Recht­mäs­sig­keit des Leis­tungs­be­zugs Über­wa­chun­gen vor­zu­se­hen. Da­zu wird es in­des nicht kom­men, denn die Nutz­nies­ser sol­cher Trans­fer­leis­tun­gen ha­ben ei­ne schlag­kräf­ti­ge­re Lob­by im Par­la­ment als die Be­zü­ger/in­nen von So­zi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen.

«Das Bun­des­ge­richt hat hier je­des Au­gen­mass ver­lo­ren.»

Kurt Pär­li ist Pro­fes­sor für So­zia­les Pri­vat­recht an der Uni­ver­si­tät Ba­sel.

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