Nie­mand will et­was ge­wusst ha­ben

Der gröss­te Bauskan­dal, den die Wett­be­werbs­kom­mis­si­on je auf­ge­deckt hat, er­schüt­tert Grau­bün­den: Sie­ben Fir­men wer­den ge­büsst. Zwei Re­gie­rungs­rats­kan­di­da­ten su­chen nach Er­klä­run­gen.

Der Bund - - WIRTSCHAFT - Da­ni­el Fop­pa

Die Schä­den für die öf­fent­li­che Hand und für Pri­va­te ge­hen in die Mil­lio­nen. Mit il­le­ga­len Ab­spra­chen ha­ben Un­ter­en­ga­di­ner Bau­fir­men jah­re­lang fest­ge­legt, wel­ches Un­ter­neh­men den Zu­schlag für ein Pro­jekt er­hält, und zu­gleich den An­ge­bots­preis be­stimmt. Wie die Wett­be­werbs­kom­mis­si­on (We­ko) ges­tern mit­teil­te, fan­den die Ab­spra­chen von 1997 bis 2008 an so­ge­nann­ten Vor­ver­samm­lun­gen statt, die der Grau­bünd­ne­ri­sche Bau­meis­ter­ver­band (GBV) or­ga­ni­sier­te. Be­trof­fen wa­ren rund 400 Bau­pro­jek­te, das Be­schaf­fungs­vo­lu­men über­steigt 100 Mil­lio­nen Fran­ken klar. Bei sol­chen Ab­spra­chen lie­gen die Prei­se laut We­ko durch­schnitt­lich über 45 Pro­zent hö­her.

Nach in­ten­si­ven Er­mitt­lun­gen büsst die We­ko sie­ben Fir­men mit to­tal 7,5 Mil­lio­nen. Da­ge­gen kann beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Be­schwer­de er­ho­ben wer­den. Beim Fall han­delt es sich um die gröss­ten il­le­ga­len Bau­ab­spra­chen, die die We­ko bis­her un­ter­such­te. Dies mach­te die «NZZ am Sonn­tag» im März pu­blik, und das On­li­ne­ma­ga­zin «Re­pu­blik» hat die Ma­chen­schaf­ten des Kar­tells die­se Wo­che um­fas­send be­schrie­ben. Auch in Bern sorg­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein mut­mass­li­ches Bau­kar­tell für Auf­se­hen. Die We­ko un­ter­sucht die so­ge­nann­te Kies-af­fä­re noch.

Al­les or­ga­ni­siert, nichts ge­wusst

Ei­ne be­son­de­re Rol­le spiel­te in Grau­bün­den der GBV: Er or­ga­ni­sier­te die Sit­zun­gen, an de­nen die Ab­spra­chen statt­fan­den. Der Ver­band be­stimm­te Ort und Da­tum der Ver­samm­lun­gen und stell­te die Sit­zungs­lei­ter. Be­reits 2003 wies die We­ko den Ver­band dar­auf hin, dass sol­che Ver­samm­lun­gen mut­mass­lich un­zu­läs­sig sei­en. Trotz­dem wur­den sie bis 2008 wei­ter­ge­führt. Da­mit war der GBV laut We­ko «Mit­ver­ur­sa­cher der un­zu­läs­si­gen Abre­den». Weil er als Ver­band nicht ge­büsst wer­den kann, auf­er­legt ihm die We­ko die Ver­fah­rens­kos­ten von rund 40 000 Fran­ken.

Ge­schäfts­füh­rer des GBV ist seit 2008 Andre­as Fe­lix, von 2001 bis 2008 war er stell­ver­tre­ten­der Ge­schäfts­füh­rer. Nun kan­di­diert der kan­to­na­le Bdp-prä­si­dent für ei­nen Sitz in der Bünd­ner Re­gie­rung. Fragt sich, was Fe­lix von den Ma­chen­schaf­ten wuss­te. Adam Qua­dro­ni, der Whist­leb­lo­wer, der al­les ins Rol­len brach­te, sag­te der «Re­pu­blik», er ha­be Fe­lix drei­mal an Vor­ver­samm­lun­gen ge­se­hen – ein­mal so­gar als Sit­zungs­lei­ter. Fe­lix weist dies als «Fa­ke News» zu­rück: «Ich war ein­mal an ei­ner Vor­ver­samm­lung, als es um die Ber­ei­ni­gung tech­ni­scher Grund­la­gen von Of­fer­ten ging. Nie nahm ich an ei­ner Sit­zung teil, an der Preis­ab­spra­chen ge­tä­tigt wur­den.»

«Zu dürf­ti­ge Be­weis­la­ge»

Andre­as Fe­lix er­klärt, der Ver­band sei für acht Re­gio­nal­sek­tio­nen zu­stän­dig. In ei­ner sei es zu Ab­spra­chen ge­kom­men: «Im Nach­hin­ein müs­sen wir uns vor­wer­fen, dort zu we­nig ge­nau hin­ge­schaut zu ha­ben.» Man ha­be zu gut­gläu­big dar­auf ver­traut, dass al­le Be­tei­lig­ten die re­gle­men­ta­ri­schen Vor­ga­ben ein­hal­ten. Trotz­dem kan­di­die­re er wei­ter­hin für die Re­gie­rung: «Glau­ben Sie mir, der Ver­band und ich ha­ben ei­ne neue Sen­si­bi­li­tät ge­gen­über sol­chen Fra­gen ent­wi­ckelt.»

Auch Bdp-re­gie­rungs­rat Jon Do­me­nic Pa­ro­li­ni will am 10. Ju­ni ge­wählt wer­den. Er räumt ein, 2009 als Ge­mein­de­prä­si­dent von Scuol vom Whist­leb­lo­wer auf die Preis­ab­spra­chen hin­ge­wie­sen wor­den zu sein. Wie Qua­dro­ni der «Re­pu­blik» sag­te, ha­be er Pa­ro­li­ni Do­ku­men­te über­ge­ben wol­len, die die Ab­spra­chen be­le­gen. Pa­ro­li­ni ha­be sie je­doch nicht ent­ge­gen­neh­men wol­len.

Der Bdp-re­gie­rungs­rat weist dies zu­rück. Er er­klärt, er ha­be Qua­dro­ni um die Her­aus­ga­be der Do­ku­men­te ge­be­ten, die­ser ha­be je­doch ab­ge­lehnt. Pa­ro­li­ni hat die Sa­che dar­auf im Ge­mein­de­vor­stand the­ma­ti­siert, we­gen der «zu dürf­ti­gen Be­weis­la­ge» aber von ei­ner An­zei­ge bei der We­ko ab­ge­se­hen. Vom nun be­kannt ge­wor­de­nen Aus­mass zeigt sich Pa­ro­li­ni «scho­ckiert». Aus heu­ti­ger Sicht hät­te er dem Fall nach­ge­hen sol­len.

Dass Pa­ro­li­ni und Fe­lix von der Af­fä­re tan­giert sind, be­las­tet die BDP. Grau­bün­den ist ei­ne ih­rer letz­ten Hoch­bur­gen, hier stellt sie zwei Re­gie­rungs­rä­te. Doch nun kommt es zu Kampf­wah­len. Für die zwei va­kan­ten Sit­ze kan­di­die­ren ne­ben Fe­lix Svp-po­li­zei­chef Wal­ter Schle­gel so­wie die Gross­rä­te Mar­cus Ca­duff (CVP) und Pe­ter Pey­er (SP). Pa­ro­li­ni wird als Bis­he­ri­ger den Sitz wohl ver­tei­di­gen. Für Fe­lix dürf­te es nach den neus­ten Ent­hül­lun­gen in­des knapp wer­den.

Un­ter­la­gen blie­ben lie­gen

«Kon­ster­niert über das Aus­mass der Ma­chen­schaf­ten» zeig­te sich ges­tern die Bünd­ner Re­gie­rung. Der Kan­ton wer­de ge­gen fehl­ba­re Fir­men vor­ge­hen, et­wa mit Scha­den­er­satz­for­de­run­gen und Auf­trags­ver­bo­ten. Nach der 2012 ein­ge­lei­te­ten We­ko-un­ter­su­chung ha­be man zu­dem ei­ne Whist­leb­lo­wer-stel­le ein­ge­rich­tet. Der nun kon­ster­nier­te Kan­ton war in­des be­reits 2009 von Qua­dro­ni über die Ab­spra­chen do­ku­men­tiert wor­den – un­ter­nahm aber nichts. Die Un­ter­la­gen blie­ben im Tief­bau­amt lie­gen.

Der da­mals zu­stän­di­ge Re­gie­rungs­rat Stefan Eng­ler (CVP) ist heu­te Stän­de­rat. Er ha­be wäh­rend sei­ner Amts­zeit nichts vom Fall er­fah­ren, sagt Eng­ler. Seit 2011 ist er Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent der Laz­za­ri­ni AG, ei­ner der sie­ben von der We­ko ge­büss­ten Fir­men. Eng­ler sagt, er ha­be bei der Amts­über­nah­me nicht ge­wusst, dass die Fir­ma frü­her in ein Kar­tell in­vol­viert war. Hält er es mit dem Amt als Stän­de­rat ver­ein­bar, wei­ter­hin Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent bei der ge­büss­ten Fir­ma zu blei­ben? «Ich lau­fe vor den Pro­ble­men nicht da­von und wer­de das be­ur­tei­len, so­bald der We­ko-ent­scheid rechts­kräf­tig ist», sagt Eng­ler.

Auch sein Nach­fol­ger, Cvp-re­gie­rungs­rat Ma­rio Ca­vi­gel­li, er­klärt, erst nach der Ein­lei­tung des We­ko-ver­fah­rens vom Fall er­fah­ren zu ha­ben. Aus­ge­löst wur­de es schliess­lich durch Adam Qua­dro­ni, der sich an die We­ko wand­te, nach­dem ihm in Grau­bün­den nie­mand Ge­hör ge­schenkt hat­te. Qua­dro­ni, frü­her selbst Teil des Kar­tells, muss­te für sein Han­deln teu­er be­zah­len: Er wur­de be­droht, er­hielt kaum mehr Auf­trä­ge, und sei­ne Fir­ma ging in Kon­kurs. Zu­dem hat ihn die Po­li­zei auf­grund ei­ner Ge­fähr­dungs­mel­dung wie ei­nen Schwer­ver­bre­cher ver­haf­tet. Nach der Fest­stel­lung sei­ner Un­ge­fähr­lich­keit konn­te Qua­dro­ni wie­der nach Hau­se – um dort fest­zu­stel­len, dass ihn sei­ne Frau mit den drei Kin­dern ver­las­sen hat­te.

Fo­to: Keysto­ne

Von der Af­fä­re tan­giert: Re­gie­rungs­rat Jon Do­me­nic Pa­ro­li­ni und Kan­di­dat Andre­as Fe­lix (bei­de BDP).

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