«Für mich war klar: Ich zei­ge es al­len»

Ste­ve von Ber­gen kann morgen mit YB Meis­ter wer­den. Der Cap­tain re­det über den Ber­ner Hun­ger – und ei­ne Lek­ti­on sei­nes Va­ters.

Der Bund - - SPORT - In­ter­view: Pe­ter M. Bir­rer und Do­mi­nic Wuil­le­min

Wenn YB den FC Lu­zern be­siegt, steht der ers­te Ti­tel seit 32 Jah­ren fest. «Schwei­zer Meis­ter YB» – wie klingt das für Sie?

Un­glaub­lich! Nein, es wä­re mehr als das. Ich fin­de kein pas­sen­des Wort da­für.

Lau­fen schon Bil­der vor dem geis­ti­gen Au­ge ab, wie die Meis­ter­fei­er ab­lau­fen könn­te?

Nein. Zu­erst brau­chen wir ja noch ei­nen Sieg. Und ich bin ein ra­tio­nal den­ken­der Mensch, kein Träu­mer. Aber klar spü­re ich, dass die Men­schen in Bern heiss auf den Ti­tel sind.

Was hat sich bei YB ge­än­dert?

Wir hat­ten auch in der ver­gan­ge­nen Sai­son das Ziel, den FC Ba­sel an­zu­grei­fen, ich glau­be nicht, dass es da an Hun­ger ge­man­gelt hat. Aber wir wa­ren zu sehr von Guil­lau­me Ho­arau ab­hän­gig.

Ist die Un­be­re­chen­bar­keit ei­ne der gros­sen Qua­li­tä­ten?

Schau­en Sie sich die Tor­schüt­zen­lis­te an: Wir ha­ben nicht nur Ho­arau, da tau­chen auch As­salé, Nsa­mé, Su­le­j­ma­ni und Fass­nacht auf. Und viel­leicht hat­ten wir vor­her mehr Spie­ler, die zu­frie­den wa­ren, über­haupt bei YB zu sein. Aber Ba­sel war ein­fach stär­ker. Jetzt sind wir so­wohl in die Sai­son als auch nach dem Win­ter gut ge­star­tet. Es tut den Bas­lern weh zu se­hen: YB ver­liert nie.

Sind Sie nach ei­ner Nie­der­la­ge un­er­träg­lich?

Für mei­ne Frau schon (lacht). Was das Ver­lie­ren zu­sätz­lich er­schwert, sind die Ein­flüs­se von aus­sen. Zum Bei­spiel das, was ge­schrie­ben wird. Nach dem zwei­ten Sai­son­spiel in Kiew hät­te ich auf­hö­ren müs­sen, wenn ich ge­glaubt hät­te, was die Zei­tun­gen schrie­ben. Es war ei­ne schlech­te Leis­tung, ei­ne ein­zi­ge. . . Die Re­ak­ti­on zeig­te mir wie­der ein­mal, dass Fussball nichts mit dem wah­ren Le­ben zu tun hat. Sie sag­ten ein­mal: Fussball ist nicht die Rea­li­tät. Ar­bei­tet man im Bü­ro und macht ei­nen Feh­ler, ist das am nächs­ten Tag ver­ges­sen. Bei uns ist man ganz schnell der Held, ganz schnell der Depp. In Ber­lin, wo vie­le Zei­tun­gen über die Her­tha be­rich­ten, ha­be ich ge­lernt, da­mit um­zu­ge­hen.

Die Bou­le­vard­me­di­en ver­höhn­ten Sie dort als «Von Zwer­gen». Was mach­te das mit Ih­nen?

Das traf mich. Man darf kri­ti­sie­ren, aber wird es per­sön­lich, ha­be ich ein Pro­blem da­mit.

Das sind die Schat­ten­sei­ten für ei­nen Star. . .

. . .ich bin doch kein Star! Und ich möch­te das auch nie­mals sein. Ich bin nur ein re­la­tiv be­kann­ter Fuss­bal­ler, weil ich im Na­tio­nal­team ge­spielt ha­be.

Als ei­ne Zei­tung ein­mal schrieb, Sie sei­en der neue Sté­pha­ne Hen­choz, freu­te das Ih­ren Va­ter gar nicht.

Er war mit der Schlag­zei­le nicht ein­ver­stan­den.

Sie schon? Klar. Ich war 17, Hen­choz war bei Li­ver­pool, und dann heisst es nach mei­nem ers­ten Spiel in der Neu­en­bur­ger Zei­tung «L’ex­press» über mich: «Der neue Hen­choz.» Ich dach­te, ich ha­be es ge­schafft. Aber mein Va­ter sag­te: «Glaub bloss nicht, was da steht!»

Das muss Sie ge­schmerzt ha­ben.

Ich ab­sol­vier­te ge­ra­de die kauf­män­ni­sche Leh­re. Am Tag nach mei­nem De­büt hat­te ich Schu­le, ich fühl­te mich gross­ar­tig. Und dann kommt mein Va­ter. . . Aber ich weiss längst: Er hat­te recht.

War­nen Sie heu­te manch­mal jün­ge­re Spie­ler, wie es Ihr Va­ter bei Ih­nen ge­tan hat?

Ei­gent­lich nicht, weil ich fin­de, dass je­der tun und las­sen soll, was er will. Am En­de trägt er die Ver­ant­wor­tung für sei­ne Kar­rie­re. Wenn aber ein Spie­ler zu gros­se me­dia­le Auf­merk­sam­keit be­kommt und gleich­zei­tig mit sei­nen Leis­tun­gen nach­lässt, ge­he ich auf ihn zu.

Kön­nen Sie dann auch schar­fe Tö­ne an­schla­gen?

Ich sa­ge dem Spie­ler of­fen mei­ne Mei­nung, aber ich wür­de ihm si­cher nie sa­gen: «Hör mal gut zu, du bist kein Star!» Wenn in der Zei­tung stän­dig steht, wie gut ei­ner ist, löst das beim Spie­ler auch et­was aus. Po­si­tiv ist es, wenn er mehr Selbst­be­wusst­sein er­langt, ne­ga­tiv ist es, wenn es zu Über­heb­lich­keit führt. Der Grat da­zwi­schen ist sehr schmal.

Sie sind bei YB nicht der Mann fürs Spek­ta­kel. . .

. . . das war ich noch nie. Als ich Ju­ni­or war, sag­te mir ein Trai­ner: «Im Fussball gibt es Künst­ler, und es gibt Ar­bei­ter. Denk nur nicht, dass du zur ers­ten Grup­pe ge­hörst.»

Das hör­ten Sie si­cher nicht gern.

Es war hart, ja, ich spiel­te da­mals auf der Po­si­ti­on der Num­mer 10 im Mit­tel­feld und dach­te, ich sei doch eher ein Künst­ler. Aber die kla­re An­sa­ge mei­nes da­ma­li­gen Trai­ners Chris­to­phe Mou­lin (bei Neu­châ­tel Xa­max) hat mir ge­hol­fen. Ich merk­te, dass ich ar­bei­ten muss, sehr viel ar­bei­ten, um in die­sem Be­ruf et­was er­rei­chen zu kön­nen. Fuss­bal­le­risch wa­ren im glei­chen Al­ter vie­le bes­ser als ich. Und ich schaff­te es nie in ei­ne Ju­nio­ren-aus­wahl. Zu klein, dies un­d­das...

Hat der Trai­ner ei­ne Trotz­re­ak­ti­on bei Ih­nen pro­vo­ziert?

Ja. Mou­lin war hart mit al­len, mit mir viel­leicht noch ein biss­chen här­ter, aber das war mein Glück. Er und spä­ter auch Lu­ci­en Fav­re zeig­ten mir auf: Du darfst nie zu­frie­den sein mit dem, was du er­reicht hast. Stän­di­ges Schul­ter­klop­fen bringt nichts, das ist nicht gut für den Kopf. Es war im­mer so: Wenn mir je­mand sag­te, du schaffst das nicht, du kannst je­nes nicht, sta­chel­te es mich an, das Ge­gen­teil zu be­wei­sen. Für mich war klar: Ich zei­ge es al­len.

Sind Sie ein stu­rer Mensch?

Ich ha­be ei­nen har­ten Schä­del. Mei­ne Ma­ma sag­te im Spass ab und zu: Du hast ei­nen Deutsch­schwei­zer Kopf.

Das heisst? Dass ich ge­nau weiss, was ich will. Dass ich ei­ne kla­re Mei­nung ha­be und es sehr viel braucht, dass ich da­von ab­rü­cke.

Wie oft hat Ih­nen die­se Hal­tung ge­scha­det?

Mehr­mals! (lacht laut) Mit der Zeit ha­be auch ich ge­lernt: Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiss, son­dern auch Grau­tö­ne. Ich war schon ex­trem. Ver­mut­lich war ich der ein­zi­ge Neu­en­bur­ger, der in jun­gen Jah­ren mit dem Tri­kot der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft her­um­lief, und da­mit ver­blüff­te ich auch mei­ne Kol­le­gen. Aber mir im­po­nier­ten die Deut­schen im­mer – et­wa als sie 1996 Eu­ro­pa­meis­ter wur­den. Ich war 13 und Fan die­ser Mann­schaft.

Sind Sie es im­mer noch?

Nicht mehr Fan wie da­mals. Aber ihr Auf­tre­ten be­ein­druckt mich im­mer noch.

Kom­men Sie sich ge­le­gent­lich de­plat­ziert vor in ei­ner Welt, in der Sta­tus­sym­bo­le so wich­tig sind? Tat­toos, Klei­der, Au­tos . . .

Über­haupt nicht. Wenn ei­ner sich hun­dert Tat­toos ste­chen las­sen will, soll er. Ich ha­be auch ein Au­to, aber ich muss nur von A nach B kom­men, mir ist nicht wich­tig, wel­che Mar­ke ich fah­re. De­plat­ziert füh­le ich mich gleich­wohl nicht.

Der Fussball heu­te und der Fussball in der Zeit, als Sie Pro­fi wur­den: Wo­rin liegt der gröss­te Un­ter­schied? Sie müss­ten ein­mal se­hen, was nach ei­nem Trai­ning bei uns in der Ka­bi­ne ab­geht: Die meis­ten grei­fen so­fort zum Smart­pho­ne. Sie pos­ten oder li­ken ir­gend­et­was, sie ha­ben tau­send Mel­dun­gen auf dem Han­dy. . .

. . . wie vie­le ha­ben Sie?

Höchs­tens ein SMS mei­ner Frau, die mich bit­tet, auf dem Heim­weg Milch ein­zu­kau­fen (strahlt). Wir ha­ben uns auch schon ge­fragt: Sol­len wir die Han­dys ver­bie­ten in der Gar­de­ro­be nach dem Trai­ning oder wenn wir un­ter­wegs sind? Nein, bringt nichts. Neu­lich be­ob­ach­te­te

«Ich dach­te: Ich ha­be es ge­schafft. Aber mein Va­ter sag­te: ‹Glaub nicht, was da steht!›» «Ich ha­be höchs­tens ein SMS mei­ner Frau, die mich bit­tet, Milch ein­zu­kau­fen.»

ich im Bus, wie ein Spie­ler mit dem an­de­ren, der vier Sitz­rei­hen wei­ter vor­ne sass, kom­mu­ni­zier­te – per SMS. Ich sag­te: «Hey, Jungs, was soll das? Wä­re es nicht schö­ner, wenn ihr euch ne­ben­ein­an­der­setzt und re­det?»

Sie ha­ben ei­ne di­rek­te Art. Müs­sen Sie sich heu­te auch schon ein­mal zu­sam­men­reis­sen, um nicht zu di­rekt zu sein?

Ich muss manch­mal über­le­gen, mit wel­chen Wor­ten ich ei­ne Bot­schaft ver­mit­teln will. Weil die Wir­kung heu­te ei­ne an­de­re ist als frü­her. Wenn je­mand et­was sagt, wird das so­fort in den Me­di­en auf­ge­nom­men und zig­fach kom­men­tiert. Dar­auf kann ich gut ver­zich­ten.

Ha­ben Sie zu­wei­len ge­nug von dem, was ne­ben dem Platz pas­siert?

Nicht un­be­dingt. Aber wenn ich auf­hö­re, wird mir ge­nau das nicht feh­len. Ich ha­be über­haupt kein Pro­blem da­mit, wenn ich dann auf der Stras­se un­er­kannt blei­be. Als ich in Ita­li­en spiel­te, ging das nicht, und da litt ich, weil ich kaum in Ru­he mit mei­ner Frau in ei­nem Re­stau­rant es­sen konn­te. Je­der woll­te ein Wort wech­seln. Und ich muss­te ja re­den, weil es sonst ge­heis­sen hät­te: Von Ber­gen ist ar­ro­gant.

Was könn­ten Sie nach dem Rück­tritt ver­mis­sen?

Ich kann mir vor­stel­len, dass es die Emo­tio­nen sind, das Spiel. Ich lie­be es im­mer noch. Aber die Prio­ri­tä­ten ha­ben sich ver­scho­ben. Mit 20 konn­te ich sa­gen: Fussball ist mein Le­ben. Mit fast 35 sa­ge ich: Die Fa­mi­lie ist mein Le­ben. Ich wün­sche mir ei­gent­lich, dass je­der in mei­nem Al­ter so denkt.

Sind Sie mit fast 35 der bes­se­re Fuss­bal­ler als mit 25?

Ja, das glau­be ich schon. Weil ich Tag für Tag da­zu­ge­lernt ha­be. Ich bin viel­leicht nicht mehr so sprit­zig, so schnell wie auch schon, da­für ha­be ich ei­ne gros­se Er­fah­rung.

Be­reu­en Sie Ih­ren Rück­tritt aus dem Na­tio­nal­team nach der EM 2016?

Nein. Ich war zehn Jah­re da­bei, ver­lor nach der WM 2014 mei­nen Platz und kam zur Ein­sicht, dass es ge­schei­ter ist, wenn ich mich nur noch auf den Club kon­zen­trie­re. Ich muss­te auf mei­nen Kör­per schau­en, aber auch auf die Fa­mi­lie Rück­sicht neh­men.

Trotz­dem, wenn Na­tio­nal­trai­ner Vla­di­mir Pet­ko­vic an­ru­fen wür­de und Sie er­mun­tern möch­te, mit der Schweiz nach Russ­land zu rei­sen. . .

. . .sa­ge ich: «Dan­ke für den An­ruf, ich ver­zich­te. Ich wün­sche ei­ne schö­ne, er­folg­rei­che WM, hof­fent­lich mit ei­ner Vier­tel­fi­nal-qua­li­fi­ka­ti­on.» Das Ka­pi­tel ist ab­ge­schlos­sen. Ich bin jetzt ein Rie­sen­fan der Na­tio­nal­mann­schaft.

Fo­to: Phil­ipp Roh­ner

Die Zu­ver­sicht des Cap­ta­ins im Sta­di­on, in dem YB morgen den Tri­umph fei­ern will: Ste­ve von Ber­gen, 34.

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