«Nicht al­le wol­len auf den Vor­platz»

Ju­gend­li­che wür­den im­mer mehr aus dem öf­fent­li­chen Raum ver­drängt, sagt Ste­phan Wy­der, Ge­schäfts­lei­ter des Trä­ger­ver­eins für of­fe­ne Ju­gend­ar­beit der Stadt Bern.

Der Bund - - BERN - In­ter­view: Chris­ti­an Zell­we­ger

Herr Wy­der, in Ih­rem Bei­trag im «Stadt­ge­spräch» (sie­he Box) schrei­ben Sie, Sie sei­en besorgt «von der Ten­denz, Ju­gend­li­che aus dem öf­fent­li­chen Raum zu ver­drän­gen». Wo stel­len Sie das fest?

Es ist nicht un­be­dingt ein ak­ti­ves Ver­drän­gen. Aber über­all, wo sich Ju­gend­li­che im öf­fent­li­chen Raum tref­fen, wer­den sie kri­tisch be­äugt oder gar kon­trol­liert: von Pas­san­ten, der Po­li­zei, von Pin­to, aber auch von der Ju­gend­ar­beit. Die Er­wach­se­nen for­dern von den Ju­gend­li­chen ein «un­be­ding­tes Wohl­ver­hal­ten» im öf­fent­li­chen Raum. Da­durch füh­len sich Ju­gend­li­che un­er­wünscht.

Es gibt aber schon auch Ju­gend­li­che, die sich pro­ble­ma­tisch ver­hal­ten.

Klar. Aber wenn Pro­ble­me auf­tau­chen, wer­den die­se Ein­zel­si­tua­tio­nen oft­mals über­zeich­net dar­ge­stellt, auch in den Me­di­en. Man spricht haupt­säch­lich von Lärm und Lit­te­ring. Er­wach­se­ne ha­ben au­to­ma­tisch das Ge­fühl: Wo es Ju­gend­li­che gibt, gibt es Pro­ble­me. Dies sieht man an den Ein­spra­chen ge­gen die Tan­ke­re ex­em­pla­risch. Es ist aber ei­ne Er­fah­rung, die wir auch an an­de­ren Or­ten ge­macht ha­ben. Das Pro­blem ist: Die Jugend hat kei­ne Lob­by, die In­ter­es­sen der Er­wach­se­nen wer­den oft erns­ter ge­nom­men.

Hat sich die­se Pro­ble­ma­tik ver­stärkt?

In den letz­ten paar Jah­ren ist die Stadt dich­ter ge­wor­den, das Um­feld hat sich si­cher ver­än­dert. Die An­sprü­che der Er­wach­se­nen­welt nach Ru­he und Ord­nung und die An­sprü­che der Ju­gend­li­chen sind aus­ein­an­der­ge­drif­tet. Zu­dem wer­den heu­te viel schnel­ler die Be­hör­den ein­ge­schal­tet. Frü­her gab es mehr di­rek­tes Aus­han­deln. Man wag­te sich zu sa­gen: Es kann doch nicht sein, dass ihr hier abends um zwölf im­mer noch den Ghet­to­blas­ter voll auf­ge­dreht habt!

Wo liegt die Lö­sung?

Es braucht Re­spekt und To­le­ranz ge­gen­über den Be­dürf­nis­sen der Ju­gend­li­chen, Er­wach­se­ne müs­sen mit ih­nen auf Au­gen­hö­he dis­ku­tie­ren. Die Er­fah­run­gen der Ju­gend­be­we­gun­gen von 1968 oder in den 80er­jah­ren wa­ren wich­tig für die­se Ge­ne­ra­tio­nen. Es muss auch für die heu­ti­gen Ju­gend­li­chen mög­lich sein, sich Or­te an­zu­eig­nen und ge­sell­schaft­li­che Nor­men zu hin­ter­fra­gen.

Müss­ten nicht auch die Ju­gend­li­chen et­was tun, um die Si­tua­ti­on zu ent­schär­fen?

Sie kön­nen ver­su­chen, krea­tiv mit öf­fent­ li­chen Plät­zen um­zu­ge­hen. Dies ge­lang et­wa auf dem Fal­ken­platz, als Ju­gend­li­che selbst Mö­bel aus Holz­pa­let­ten bau­ten und sich so den Platz an­eig­ne­ten. Hier stan­den die krea­ti­ven Ak­tio­nen im Vor­der­grund und nicht die Pro­ble­me, wel­che die Ju­gend­li­chen an­geb­lich mit sich brin­gen.

Sich Räu­me an­zu­eig­nen, sei wich­tig für die Ju­gend­li­chen, sa­gen Sie. War­um ist das so?

Es geht für die Ju­gend­li­chen ei­ner­seits dar­um, mit Gleich­alt­ri­gen et­was zu er­le­ben, et­was aus­zu­pro­bie­ren und zu mer­ken, dass man et­was be­wir­ken kann. Sie ler­nen Ver­ant­wor­tung für das ei­ge­ne Tun zu über­neh­men, ge­gen­über der ei­ge­nen Grup­pe, aber auch ge­gen aus­sen. Wich­tig ist es für sie auch, im Aus­tausch mit der Er­wach­se­nen­ge­ne­ra­ti­on zu ste­hen. Nur so ler­nen Ju­gend­li­che, wie man sich dar­in be­wegt.

Sie schrei­ben auch: «Ju­gend­li­che sind kei­ne ho­mo­ge­ne Grup­pe.» Wel­che un­ter­schied­li­chen Be­dürf­nis­se stel­len Sie fest? Ein Teil der Ju­gend­li­chen ist po­li­ti­siert und ver­sucht – zum Bei­spiel in der Reit­schu­le –, neue Ge­sell­schafts­mo­del­le zu er­for­schen. An­de­re sind vor al­lem krea­tiv, spray­en, tan­zen oder ma­chen Mu­sik. Sie su­chen Räu­me, in de­nen zu­min­dest teil­wei­se ih­re Re­geln gel­ten, Band­räu­me oder Ate­liers zum Bei­spiel. Wie­der­um an­de­re ha­ben vor al­lem das Be­dürf­nis, den öf­fent­li­chen Raum qua­si als Wohn­zim­mer zu nut­zen. Sie wach­sen in klei­nen Woh­nun­gen auf, ha­ben we­nig Platz und Mög­lich­kei­ten zu Hau­se, aber auch nicht die Mit­tel, ei­ge­ne Räu­me zu mie­ten. Das sind auch häu­fig die Ju­gend­li­chen, die zu uns in die Ju­gend­treffs kom­men. Und: Es wol­len längst nicht al­le auf den Vor­platz der Reit­schu­le.

Son­dern? Ge­ra­de die Jün­ge­ren zwi­schen vier­zehn und sieb­zehn sind nicht so mo­bil, wie man den­ken könn­te. Häu­fig blei­ben sie lie­ber im ei­ge­nen Quar­tier, tref­fen sich in ih­rem nä­he­ren Um­feld mit Freun­den.

Wie be­ur­tei­len Sie die Rol­le der Stadt Bern in der Frei­raum­dis­kus­si­on?

Es hat sich sehr viel ge­tan in den letz­ten Jah­ren. In der Ver­wal­tung gibt es mitt­ler­wei­le ein gros­ses Be­wusst­sein da­für, wie wich­tig Frei­räu­me für Ju­gend­li­che sind. Die Stadt hat ja auch viel in das Pro­jekt Tan­ke­re in­ves­tiert und auch die Zwi­schen­nut­zung mit Ate­liers im Cal­vinHaus im Kir­chen­feld er­mög­licht. Die­se Ent­wick­lung stimmt mich po­si­tiv.

Den­noch ha­ben Sie auch For­de­run­gen an die Stadt.

Es müss­te si­cher ein­fa­cher wer­den, ei­ne Be­wil­li­gung für Zwi­schen­nut­zun­gen zu er­hal­ten. Ei­ne lan­ges Be­wil­li­gungs­ver­fah­ren wi­der­spricht dem Pro­jekt­cha­rak­ter; vie­le Ju­gend­li­che ha­ben auch nicht das nö­ti­ge Wis­sen für sol­che Ge­su­che. Hier hat aber die Stadt nicht al­le Fä­den in der Hand, auch der Kan­ton wä­re ge­fragt.

Fo­to: Franziska Ro­then­büh­ler

Ju­gend­li­che mö­gen Räu­me, wo ih­re ei­ge­nen Re­geln gel­ten.

Ste­phan Wy­der Ge­schäfts­lei­ter TOJ

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