«Braucht es zwei Chef­di­ri­gen­ten?»

Ma­rio Venz­ago wird das Ber­ner Sym­pho­nie­or­ches­ter nur noch drei Jah­re lei­ten. Öff­net das den Weg für neue Ide­en? Oder ge­fähr­det es das, was das BSO in den letz­ten Jah­ren er­reich­te? Ktb-prä­si­dent Marcel Brül­hart nimmt Stel­lung.

Der Bund - - DER KLEINE - In­ter­view: Ma­ri­an­ne Müh­le­mann

Ma­rio Venz­ago hat beim BSO ei­gent­lich ei­nen Pos­ten auf Le­bens­zeit. Doch nun hört man, dass sein Ver­trag in drei Jah­ren aus­lau­fen soll. Marcel Brül­hart, Sie sind Stif­tungs­rats­prä­si­dent von Kon­zert Thea­ter Bern (KTB) – was sa­gen Sie da­zu? Ma­rio Venz­ago hat ei­nen of­fe­nen Ver­trag. Sol­che Ver­trä­ge sind nicht un­üb­lich bei Chef­di­ri­gen­ten. Die­sen Som­mer wird er sieb­zig. Wir ha­ben uns zu­sam­men­ge­setzt und über die Zu­kunft ge­re­det.

Wie lan­ge wird Venz­ago noch blei­ben?

Vor­aus­sicht­lich drei Jah­re. Dem Orches­ter ha­ben wir das intern schon kom­mu­ni­ziert.

Das heisst, der Fin­dungs­pro­zess für ei­ne Nach­fol­ge ist be­reits im Gan­ge?

Die­ser ist un­ter Be­tei­li­gung des Orches­ters vor kur­zem aus­ge­löst wor­den. Die Su­che nach ei­nem Nach­fol­ger be­ginnt

«Un­ser Fuss­ab­druck muss der künst­le­ri­schen Leis­tung ent­spre­chen.»

dem­nächst. Nor­ma­ler­wei­se braucht man zwei bis drei Jah­re Vor­lauf, na­ment­lich um po­ten­zi­el­len An­wär­te­rin­nen und An­wär­tern die Mög­lich­keit zur Ar­beit mit dem Orches­ter zu ge­ben.

Herr Venz­ago war elf Jah­re in Bern. Es war ei­ne er­folg­rei­che Zeit.

So­gar ei­ne äus­serst er­folg­rei­che Zeit. Bei der Fu­si­on mit dem Stadt­thea­ter sei­ner­zeit gab es die Be­fürch­tung, das BSO wür­de an Qua­li­tät ver­lie­ren. Das Ge­gen­teil ist pas­siert, das BSO ge­hört heu­te zu den ab­so­lu­ten Top-or­ches­tern der Schweiz und wur­de auch deut­lich ver­jüngt. Das ist zum gröss­ten Teil Ma­rio Venz­agos Ver­dienst. Zu­dem ist die Oper auch des­halb so er­folg­reich, weil das Orches­ter so toll spielt. Schliess­lich ist der Chef­di­ri­gent un­ge­wöhn­lich gut in­te­griert in der Stadt und hat die Fu­si­on im­mer mit­ge­tra­gen. Das war in den ers­ten Jah­ren sehr wich­tig für das Zu­sam­men­wach­sen von Kon­zert Thea­ter Bern.

Wol­len Sie da­mit sa­gen, dass die­se lan­ge Zeit aber auch zu Pro­ble­men füh­ren kann?

Es liegt in der Na­tur der Sa­che, dass es zu Ab­nüt­zungs­er­schei­nen kom­men kann, wenn man über ei­ne so lan­ge Zeit zu­sam­men­ar­bei­tet. Die ech­ten Her­aus­for­de­run­gen lie­gen je­doch wo­an­ders.

Wo denn? Das Um­feld für die Sym­pho­nik wird über­all auf der Welt her­aus­for­dern­der. Die Abo­zah­len ge­hen ste­tig zu­rück, das heisst, man muss stär­ker je­den ein­zel­nen Abend über die Pro­gram­mie­rung, die So­lis­ten, Di­ri­gen­ten und Wer­ke ver­kau­fen. Die Kon­kur­renz steigt wei­ter, die guten

«Braucht es zwei Chef­di­ri­gen­ten?»

So­lis­ten und Di­ri­gen­ten wer­den teu­rer, und die Pu­bli­kums­ge­wohn­hei­ten än­dern sich, was auch Aus­wir­kun­gen auf die For­ma­te hat. Zu­dem ist die Fu­si­on von Kon­zert Thea­ter Bern noch nicht voll­stän­dig ab­ge­wi­ckelt. Wir hat­ten da­mals Re­ge­lun­gen aus dem Ge­samt­ar­beits­ar­beits­ver­trag über­neh­men müs­sen, die zu auf­ge­teil­ten Ver­ant­wort­lich­kei­ten führ­ten.

Was be­deu­tet das? Der Ge­samt­ar­beits­ver­trag ga­ran­tiert dem Orches­ter im Be­reich der Pro­gram­mie­rung und des Per­so­nals weit­ge­hen­de Au­to­no­mie. Da­her ist es nicht mög­lich, or­ga­ni­sa­to­risch ei­ne Ge­samt­ver­ant­wor­tung her­zu­stel­len. Das ist un­be­frie­di­gend. Hier müs­sen wir bes­se­re Lö­sun­gen fin­den. Und schliess­lich müs­sen wir uns noch mehr in der «Frem­de», zum Bei­spiel auf Fes­ti­vals, zei­gen kön­nen. Das ist wich­tig für das Stan­ding und die Wei­ter­ent­wick­lung des Orches­ters.

Wie ge­hen Sie das an?

Zu­sam­men mit dem Orches­ter be­fin­den wir uns zur­zeit in ei­nem Zu­kunfts­pro­zess und hof­fen, die­sen un­ter Ein­be­zug ex­ter­ner Ex­per­ten im zwei­ten Se­mes­ter ab­schlies­sen zu kön­nen. Ich bin zu­ver­sicht­lich, dass wir gu­te Lö­sun­gen fin­den.

Wird es neue Kon­zert­for­ma­te ge­ben?

Die For­ma­te wer­den si­cher­lich zu dis­ku­tie­ren sein. Zum Bei­spiel die Fra­ge, ob wir mehr The­men­fes­ti­vals ma­chen an­stel­le ein­zel­ner Abo­kon­zer­te. Be­züg­lich Pro­gram­mie­rung wird man wohl auch prü­fen, ob gen­re­über­grei­fen­de Kon­zer­te als Son­der­for­ma­te, et­wa hin zu Jazz, Pop oder Hip-hop, ge­eig­net wä­ren. Hier gibt es im­mer mehr Men­schen, die sich da­für in­ter­es­sie­ren. Zu­dem wird zu über­le­gen sein, wie wir in der na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Sze­ne bes­ser wahr­ge­nom­men wer­den. Un­ser Fuss­ab­druck muss der künst­le­ri­schen Leis­tung ent­spre­chen.

Das tönt nach grund­le­gen­den Um­wäl­zun­gen.

Sol­che sind nicht aus­ge­schlos­sen. Wir müs­sen mu­tig sein und al­les da­für tun, dass Bern auch in Zu­kunft ein To­por­ches­ter hat. Sol­che Zu­kunfts­pro­zes­se an­zu­schie­ben, ist auf­wen­dig und von Ängs­ten be­glei­tet, nun gilt es, aus dem Pro­zess mög­lichst viel her­aus­zu­ho­len. Auch in Be­zug auf die Struk­tu­ren. Soll das Orches­ter mehr oder we­ni­ger Au­to­no­mie er­hal­ten? Brau­chen wir in Zu­kunft wirk­lich noch zwei Chef­di­ri­gen­ten? Oder ist ein Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor die bes­se­re Op­ti­on? Das soll in al­ler Of­fen­heit dis­ku­tiert wer­den kön­nen.

«Ich kann die­se Übe­r­al­te­rungs­dis­kus­si­on nicht mehr hö­ren. Sie ist re­spekt­los.»

Ist auch die Übe­r­al­te­rung des Abon­nement­spu­bli­kums ein The­ma?

Ich kann die­se Übe­r­al­te­rungs­dis­kus­si­on nicht mehr hö­ren. Sie ist re­spekt­los und blen­det die ge­sell­schaft­li­che Be­deu­tung äl­te­rer Men­schen völ­lig aus. Und die wird zu­künf­tig so­gar noch zu­neh­men. Abos sind in al­len Le­bens­be­rei­chen ein Aus­lauf­mo­dell. Wir wol­len Men­schen al­ler Al­ters­klas­sen in un­se­ren Kon­zer­ten. Doch vie­le fin­den erst ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter zur Klas­sik. Per­sön­lich fin­de ich es be­rei­chernd, wenn man sich nicht ein Le­ben lang für das­sel­be in­ter­es­siert. Selbst­ver­ständ­lich be­mü­hen wir uns auch, jün­ge­re Men­schen an die Klas­sik her­an­zu­füh­ren. Das ei­ne tun und das an­de­re nicht las­sen, lau­tet die De­vi­se.

Der mas­sier­te Um­bau des Stif­tungs­rats ist ei­ne zu­sätz­li­che Her­aus­for­de­rung.

Ja, das stimmt. Bis Mit­te des Jah­res wer­den fünf Mit­glie­der des Fu­si­ons-stif­tungs­rats aus­ge­schie­den sein. Und ich blei­be auch nur noch für ei­ne be­grenz­te Über­gangs­zeit. Gleich­zei­tig ste­hen die Neu­be­set­zun­gen der In­ten­danz, des Chef­di­ri­gen­ten und wohl auch ei­nes Teils der Füh­rungs­mann­schaft per Mit­te 2021 an. Die­se Mas­sie­rung ist ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung, aber auch die Mög­lich­keit, ei­ne in sich ge­schlos­se­ne nächs­te Ära ein­zu­läu­ten. Wenn sich Orches­ter und Thea­ter nicht pe­ri­odisch er­neu­ern kön­nen, über­le­ben sie auf Dau­er nicht.

Fo­to: Phil­ipp Zin­ni­ker

«Ein ab­so­lu­tes Top-orches­ter»: Das BSO und Chef­di­ri­gent Ma­rio Venz­ago 2015 beim Kon­zert auf dem Bun­des­platz.

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