«Die Be­trof­fe­nen schä­men sich»

Mo­ni­ka Fäh (44) ist Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zi­ne­rin und hat im Fe­bru­ar die ers­te Kin­der­wun­sch­pra­xis in Win­ter­thur er­öff­net. War­um Kin­der­lo­sig­keit kein Schick­sal, son­dern ei­ne Krank­heit ist.

Der Landbote - - THEMA - Mo­ni­ka Fäh: In­ter­view: Li­sa Ae­schli­mann

Ge­wis­se Paa­re kom­men um 7

Uhr mor­gens zu

Ih­nen, da­mit sie bei der Ar­beit nicht feh­len und dort nicht über den Kin­der­wunsch spre­chen müs­sen. War­um?

Vie­le mei­ner Pa­ti­en­tin­nen sind be­rufs­tä­tig und möch­ten un­er­kannt in die Pra­xis kom­men. Dar­um ha­ben wir früh mor­gens und zwei­mal pro Wo­che am Abend ge­öff­net. Zu­dem sind im sel­ben Ge­bäu­de noch ein Fit­ness­cen­ter, Arzt­pra­xen und ein Ho­tel. Wes­halb möch­te ei­ne Frau un­er­kannt blei­ben?

So­bald das be­ruf­li­che Um­feld von ei­ner Be­hand­lung er­fährt, wird sie bei der Ar­beit nicht mehr ge­för­dert: Wei­ter­bil­dun­gen wer­den ge­stri­chen, Be­för­de­run­gen blei­ben aus. In Ka­der­funk­tio­nen sind heu­te Leu­te ge­sucht, die be­reit sind, Über­durch­schnitt­li­ches zu leis­ten. Frau­en mit Fa­mi­li­en­wunsch schaf­fen das häu­fig nicht. Dar­um möch­ten sie sich nicht ou­ten.

Mit Freun­den und Fa­mi­lie spricht man aber auch nicht.

Wenn die Be­trof­fe­nen da­von er­zäh­len, dann nur im engs­ten Freun­des- oder Fa­mi­li­en­kreis. Häu­fig auch, weil sie sich schä­men. Sie schä­men sich, dass sie un­er­wünscht kin­der­los blei­ben. Das ist für die Frau wie auch für den Mann schwie­rig.

Wo­her kommt die­ses Ge­fühl?

Frü­her hiess es, dass ein Mann, der zeu­gungs­un­fä­hig ist, kein rich­ti­ger Mann ist. Da­her kommt auch der Aus­druck «Schlapp­schwanz». Das ist be­lei­di­gend und ver­let­zend.

Was braucht es, dass man mehr dar­über spricht?

Ein Um­den­ken, dass un­er­füll­ter Kin­der­wunsch kei­ne Schan­de ist …

Son­dern?

… ei­ne Krank­heit wie Dia­be­tes oder Blut­hoch­druck. Er­kran­kun­gen, die man mit der rich­ti­gen The­ra­pie be­han­deln kann.

Sie ha­ben selbst kei­ne Kin­der. Was war der Grund?

Mir war mein Be­ruf im­mer sehr wich­tig, und die Aus- und Wei­ter­bil­dung dau­ert sehr lan­ge. Zu­dem bin ich viel ge­reist und ha­be mei­nen Wohn­ort oft ge­wech­selt. Das ist schwie­rig für ei­ne Part­ner­schaft. Zum Zeit­punkt, als ich be­reit für Kin­der war, hat der rich­ti­ge Part­ner ge­fehlt. Ir­gend­wann muss­te ich mich von mei­nem Kin­der­wunsch ver­ab­schie­den. Heu­te kann ich dank mei­ner Aus­bil­dung an­de­ren Paa­ren zu ih­rem Glück ver­hel­fen.

Wie oft kön­nen Sie Ih­ren Pa­ti­en­ten wei­ter­hel­fen?

Oft. Aber es hängt da­von ab, was die Paa­re mit­brin­gen. Bei jün­ge­ren Men­schen sind die Ei­zel­len oder Sper­mi­en meist von gu­ter Qua­li­tät, wenn die Paa­re je­doch ge­gen 40 zu­ge­hen oder Zu­satz­er­kran­kun­gen vor­lie­gen, braucht es mehr Ge­duld und teu­re­re The­ra­pi­en. Ist der Zy­klus un­re­gel­mäs­sig, kann ich das häu­fig mit Hor­mo­nen be­ein­flus­sen. Bei re­du­zier­ter Sper­mi­en­qua­li­tät ist manch­mal ei­ne künst­li­che Be­f­ruch­tung nö­tig. Feh­len je­doch die Sper­mi­en oder die Ei­zel­len, wird es schwie­rig.

Wie ist es bei äl­te­ren Frau­en?

Bei Frau­en über 40 ist es schwie­rig, weil die An­zahl und Qua­li­tät der Ei­zel­len ein­ge­schränkt ist. Me­di­zi­nisch ist vie­les mög­lich, nicht al­les sinn­voll.

Wie mei­nen Sie das? Si­cher kön­nen auch äl­te­re Paa­re gu­te El­tern sein, aber häu­fig sind die­se dann über­for­dert mit der Auf­ga­be und auch für die Kin­der ist es nicht ein­fach, «al­te» El­tern zu ha­ben, spe­zi­ell in der Pu­ber­tät.

Aber wir wer­den doch im­mer äl­ter und sind im­mer fit­ter.

Wir wer­den im­mer äl­ter, sind aber nicht un­be­dingt fit­ter. Ei­ne 47-jäh­ri­ge Frau wur­de mit­tels Ei­zel­len­spen­de im Aus­land schwan­ger. Als ihr Ein­jäh­ri­ger je­de Nacht wach lag, merk­te sie, wie an­stren­gend das ist. Mit 44 bin ich auch nicht mehr gleich fit nach ei­nem Nacht­dienst wie noch mit 25. Ein Kind kann man aber nicht ein­fach in den Schrank stel­len und Fei­er­abend ma­chen.

Was sa­gen Sie ei­nem Paar, dem Sie nicht hel­fen kön­nen?

Ich ver­su­che, ih­nen ein­fühl­sam dar­zu­le­gen, dass die Er­folgs­chan­cen sehr ge­ring sind. Dass ihr Kör­per nicht mehr in der La­ge ist, ein Kind zu zeu­gen. Da­zu ge­hört auch, sich über Al­ter­na­ti­ven Ge­dan­ken zu ma­chen. Sei dies mit­tels ei­ner Ei­zel­len­spen­de im Aus­land, durch die Ad­op­ti­on ei­nes Kin­des oder den Kin­der­wunsch gänz­lich ab­zu­schlies­sen und an­de­re Her­aus­for­de­run­gen im Le­ben an­zu­neh­men.

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