La­bor­luft schnup­pern im Bahn­hof

Im Kin­der­spi­tal Zü­rich wer­den nicht nur kran­ke Kin­der be­han­delt und ge­pflegt. Es wird auch ge­forscht. Zum 150-Jahr-ju­bi­lä­um stellt das Ki­spi sei­ne For­schungs­tä­tig­keit an ei­ner Aus­stel­lung im Zürcher Haupt­bahn­hof vor.

Der Landbote - - ZÜRICH - Phil­ipp Len­herr

Die Toch­ter von Beat Frey war 15, als sie an Leuk­ämie er­krank­te. «Sie hat­te Kno­chen­schmer­zen und ho­hes Fie­ber», sag­te Frey ges­tern an ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on mit For­schen­den des Uni­ver­si­täts-kin­der­spi­tals Zü­rich. Die Krank­heit sei erst re­la­tiv spät be­merkt wor­den, der Weg zur Hei­lung war lang und un­ge­wiss.

Der Ki­spi-for­schungs­pa­vil­lon, der ges­tern und heu­te in der Hal­le des Zürcher Haupt­bahn­hofs steht, ver­sucht ei­nen Ein­blick in die For­schungs­tä­tig­keit des Kin­der­spi­tals zu ge­ben. «Es gibt Kin­der, die ha­ben dank For­schung über­lebt. An­de­re hof­fen und war­ten noch auf Fort­schrit­te», sagt Bo­jan Jo­si­fo­vic, Mit­ar­bei­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on des Kin­der­spi­tals.

Die für Lai­en meist schwer ver­ständ­li­che und abs­trak­te For­schungs­ar­beit kann für Be­trof­fe­ne plötz­lich sehr kon­kret wer­den. Näm­lich dann, wenn de­ren Er­geb­nis­se zu ei­ner neu­en The­ra­pie füh­ren, die Aus­sicht auf Hei­lung bie­tet.

Neue Gen­the­ra­pie ge­gen Leuk­ämie

Das war auch bei Beat Freys Toch­ter der Fall. Ers­te Be­hand­lungs­ver­su­che im Kin­der­spi­tal ei­nes an­de­ren Kan­tons brach­ten nicht den er­hoff­ten Er­folg. Im Kin­der­spi­tal Zü­rich wur­de sie von Je­an-pier­re Bour­quin be­han­delt, dem lei­ten­den Arzt der On­ko­lo­gie­ab­tei­lung.

Zur wei­te­ren Be­hand­lung der schwe­ren Leuk­ämie schlug er die neu­ar­ti­ge so­ge­nann­te Car-tzell­the­ra­pie vor. Da­zu wer­den Immun­zel­len des Pa­ti­en­ten im La­bor gen­tech­nisch ver­än­dert. Zu­rück im Kör­per er­ken­nen sie ein be­stimm­tes Pro­te­in an den Leuk­ämie­zel­len und be­kämp­fen die­se. Die The­ra­pie hat je­doch auch schwe­re Ne­ben­wir­kun­gen – es kommt zu ent­zünd­li­chen Re­ak­tio­nen im gan­zen Kör­per. «Es ist wie Feu­er mit Feu­er be­kämp­fen», fass­te Frey es zu­sam­men.

Für die Durch­füh­rung der Be­hand­lung ver­brach­te sei­ne Toch­ter zwei Mo­na­te in Tel Aviv, da die Car-t-zell­the­ra­pie in der Schweiz noch nicht durch­ge­führt wer­den konn­te. «En­de Ju­li war die Be­hand­lung zu En­de. Un­se­re Toch­ter ist jetzt zu Hau­se und kann wie­der die Schu­le be­su­chen.»

Bei Leuk­ämie gibt es al­ler­dings oft Rück­fäl­le. Bis­her durch­ge­führ­te Stu­di­en zur Car-t-zell­the­ra­pie las­sen den Schluss zu, dass ein sehr gros­ser Teil der er­folg­reich be­han­del­ten Pa­ti­en­ten auch län­ger­fris­tig ge­sund bleibt.

Die Haut aus dem La­bor und spie­le­ri­sche Re­ha­bi­li­ta­ti­on

Die Funk­ti­ons­wei­se der The­ra­pie wird an ei­nem der Stän­de des Ki­spi-for­schungs­pa­vil­lons er­läu­tert. Eben­falls nä­her­ge­bracht wird den Be­su­che­rin­nen und Be­su­chern ein an­de­res For­schungs­pro­jekt des Kin­der­spi­tals, die so­ge­nann­te Haut aus dem La­bor. Ziel ist es, Op­fern von schwe­ren Brand­ver­let­zun­gen oder Men­schen mit an­de­ren Haut­pro­ble­men wie Nar­ben oder Mut­ter­ma­len zu hel­fen. Aus ei­nem re­la­tiv klei­nen Stück ge­sun­der Haut des Pa­ti­en­ten wird im La­bor ein we­sent­lich

«Un­se­re Toch­ter ist jetzt zu Hau­se und kann wie­der die Schu­le be­su­chen.» Beat Frey

grös­se­res Stück her­an­ge­züch­tet, wel­ches an­schlies­send trans­plan­tiert wer­den kann.

Den gröss­ten An­drang ver­zeich­ne­ten ges­tern Mor­gen je­doch zwei an­de­re Stän­de des For­schungs­pa­vil­lons, näm­lich die­je­ni­gen, die zum Mit­ma­chen ein­la­den. So kön­nen an ei­nem Stand Vi­deo­spie­le ge­spielt wer­den, die im Ki­spi-re­ha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trum in Af­fol­tern am Al­bis ein­ge­setzt wer­den. Mit­hil­fe ei­nes spe­zi­el­len Hand­schuhs, der das Bal­len der Faust re­gis­triert, kann die Spiel­fi­gur auf dem Bild­schirm ge­steu­ert wer­den. Die Vi­deo­spie­le sol­len die Kin­der da­zu mo­ti­vie­ren, die not­wen­di­gen Übun­gen zu ma­chen.

An ei­nem an­de­ren Stand wer­den den Be­su­chern Gum­mi­bär­chen an­ge­bo­ten. An­schlies­send be­stimmt ein spe­zi­el­les Ge­rät an­hand der Atem­luft des Pro­ban­den, wel­che Far­be und Ge­schmacks­rich­tung das so­eben ge­ges­se­ne Bär­chen hat­te. Auch die­se Spie­le­rei hat na­tür­lich ei­nen ernst­haf­ten Hin­ter­grund: Das High­tech­ge­rät wird zur Dia­gno­se von Er­kran­kun­gen ge­nutzt. Der For­schungs­pa­vil­lon im Zürcher Haupt­bahn­hof ist heu­te von 9 bis 19 Uhr ge­öff­net. In­for­ma­tio­nen und Pro­gramm un­ter www.ki­spi­150.ch.

Fo­to: Urs Jau­das

Ga­men aus me­di­zi­ni­schen Grün­den: Das Kin­der­spi­tal Zü­rich forscht un­ter an­de­rem im Be­reich der Re­ha­bi­li­ta­ti­on.

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