Jetzt kommt erst aus, wie viel wirk­lich in dem Pro­jekt steckt

Der Landbote - - VORDERSEITE -

IBis jetzt war das «Pro­jekt Grund­ein­kom­men» in Rhein­au ei­ne gros­se Show. Me­di­en aus der gan­zen Welt reis­ten im letz­ten Halb­jahr ins Dorf an der Rhein­schlau­fe, um über das aus­ser­ge­wöhn­li­che Ex­pe­ri­ment zu be­rich­ten. Ge­mein­de­prä­si­dent Andre­as Jen­ni wur­de so­gar vom bra­si­lia­ni­schen Fern­se­hen in­ter­viewt. Dass 770 Ein­woh­ner, über die Hälf­te der Rhein­aue­rin­nen und Rhein­au­er, beim Pro­jekt mit­ma­chen woll­ten, war ei­ne ers­te Über­ra­schung, die für Auf­se­hen sorg­te.

Ei­ne noch grös­se­re Über­ra­schung wä­re ei­ne er­folg­rei­che Fi­nan­zie­rung ge­we­sen. Doch letz­ten Di­ens­tag um 14.26 Uhr stand end­gül­tig fest, dass das Sam­mel­ziel von über sechs Mil­lio­nen Fran­ken ver­fehlt wor­den ist. Und das bei wei­tem. Nur et­was mehr als 150 000 Fran­ken ka­men zu­sam­men. Zur Er­in­ne­rung: Wä­re die gan­ze Sum­me ein­ge­gan­gen, hät­ten al­le Teil­neh­mer im nächs­ten Jahr ein Grund­ein­kom­men von 2500 Fran­ken er­hal­ten, egal, ob sie ar­bei­ten oder nicht.

Die Emp­fän­ger lies­sen sich mit dem jet­zi­gen Pro­jekt al­so fin­den, die Spen­der da­ge­gen lies­sen auf sich war­ten. Die­ses Er­geb­nis des Ex­pe­ri­ments über­rascht kaum je­man­den.

Ei­ne klei­ne Über­ra­schung war wie­der­um, dass die Initi­an­tin­nen um die Fil­me­ma­che­rin Re­bec­ca Pa­ni­an am Di­ens­tag nicht gleich ei­nen Schluss­strich zo­gen. Statt­des­sen soll die Dorf­be­völ­ke­rung am kom­men­den Mon­tag dar­über be­ra­ten, ob oder wie das Pro­jekt wei­ter­ge­hen soll. In An­be­tracht der Stim­mungs­la­ge vie­ler Rhein­aue­rin­nen und Rhein­au­er an der Ge­mein­der­ver­samm­lung vom Di­ens­tag­abend ste­hen die Chan­cen gar nicht schlecht, dass das Ex­pe­ri­ment auf die ei­ne oder an­de­re Art in ei­ne Fort­set­zung geht.

Ei­ne Zu­satz­run­de wür­de dem Rhein­au­er Pro­jekt gut­tun. Denn bis jetzt war es nicht mehr als ei­ne Spie­le­rei. Dass sich ein Gross­teil der Ein­woh­ner auf die Idee ein­liess, dass im Dorf vie­le Dis­kus­sio­nen statt­fan­den, das ist al­les schön und gut. Der ent­schei­den­de Punkt an der Idee des Grund­ein­kom­mens ist aber die Fi­nan­zie­rung. Und da ist das Rhein­au­er Ex­pe­ri­ment gran­di­os ge­schei­tert.

Wenn die Rhein­aue­rin­nen und Rhein­au­er nicht bloss als ku­rio­se Fuss­no­te in die Ge­schich­te der Dis­kus­sio­nen um das Grund­ein­kom­men ein­ge­hen wol­len, dann müs­sen sie nach­le­gen. Viel­leicht mit ei­nem klei­ne­ren Test­lauf, an dem sich Dut­zen­de statt Hun­der­te be­tei­li­gen. Oder mit ei­nem se­riö­ser auf­ge­gleis­ten Geld­sam­mel­pro­jekt. Oder mit ei­ner noch bes­se­ren Idee.

Bis­her hat­te das Pro­jekt «Dorf tes­tet Zu­kunft» ganz viel Rü­cken­wind. Jetzt klat­schen nicht mehr al­le. Es wird schwie­ri­ger – aber auch in­ter­es­san­ter. Dar­um sol­len die Rhein­aue­rin­nen und Rhein­au­er wei­ter­dis­ku­tie­ren. Ger­ne auch mit et­was we­ni­ger Show­ef­fekt, da­für mit mehr In­halt.

Ja­kob Bäch­told Stv. Chef­re­dak­tor

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