Ge­trüb­te Fe­ri­en­er­in­ne­run­gen

Asi­en­rei­sen­de ge­hen ein ho­hes Ri­si­ko ein, sich mit an­ti­bio­tika­re­sis­ten­ten Kei­men an­zu­ste­cken. Be­son­ders ge­fähr­lich ist das zum Bei­spiel nach ei­nem Un­fall im Aus­land.

Der Landbote - - GESUNDHEIT - Chris­ti­an Bern­hart

So­bald küh­les Wet­ter aufs Ge­müt drückt, zieht es vie­le nach Süd­asi­en – auf In­seln im In­di­schen Oze­an, an Thai­lands Küs­ten oder nach Afri­ka und Latein­ame­ri­ka. Nach der Rück­kehr al­ler­dings sind die Fe­ri­en­er­in­ne­run­gen wo­mög­lich ge­trübt durch Ein­zel­ler, von de­nen sich Ur­lau­ber im Krank­heits­fall nicht so schnell er­ho­len. Es han­delt sich um mul­ti­re­sis­ten­te Kei­me, ge­gen die fast kei­ne An­ti­bio­ti­ka mehr et­was aus­rich­ten kön­nen.

So kom­men aus Indien heu­te be­reits bis zu 90 Pro­zent der Rei­sen­den mit mul­ti­re­sis­ten­ten Darm­bak­te­ri­en nach Hau­se, wie jüngst ei­ne Me­ta­stu­die aus Frank­reich er­gab. Der auf In­fek­ti­ons­krank­hei­ten spe­zia­li­sier­te Ber­ner Arzt Andre­as Kro­nen­berg stimmt dem Be­fund in­so­fern zu, als er sagt: «Un­ser jüngs­ter Fall be­traf ei­ne Frau, die nach ei­nem In­di­en­auf­ent­halt we­gen ei­ner Bla­sen­ent­zün­dung un­se­re Pra­xis auf­such­te.» Ver­ur­sacht von mul­ti­re­sis­ten­ten Darm­bak­te­ri­en, die of­fen­sicht­lich vom Darm­aus­gang in die Bla­se ge­lang­ten. Sie hat­te Glück, da ge­gen Bla­sen­ent­zün­dun­gen noch meh­re­re An­ti­bio­ti­ka wir­ken, wie Kro­nen­berg sagt.

Kom­bi­na­ti­ons­the­ra­pie hilft

Mass­ge­bend war zu­dem die so­for­ti­ge ef­fi­zi­en­te Be­hand­lung. Denn Bla­sen­ent­zün­dun­gen sind in sol­chen Fäl­len kei­ne Ba­ga­tel­len. Von der Bla­se kön­nen die Kei­me auch ins Nie­ren­be­cken vor­stos­sen, von dort in die Blut­bahn ge­lan­gen und ei­ne le­bens­ge­fähr­li­che Blut­ver­gif­tung aus­lö­sen. Dies er­leb­te un­längst ein 70-Jäh­ri­ger, der nach ei­nem Un­fall aus ei­nem aus­län­di­schen Spi­tal mit ei­nem Ober­schen­kel­hals­bruch ins Ber­ner In­sel­spi­tal ge­flo­gen wur­de. Vier Ta­ge nach der Ope­ra­ti­on ent­wi­ckel­te er ei­ne Bla­sen­und Nie­ren­be­cken­ent­zün­dung, ver­ur­sacht durch Darm­bak­te­ri­en, die so­gar re­sis­tent ge­gen Car­ba­pe­ne­me wa­ren. Das sind Re­ser­vean­ti­bio­ti­ka für den Fall, dass an­de­re nicht mehr wir­ken.

Vor­aus­schau­end hiel­ten die Ärz­te ei­ne Kom­bi­na­ti­ons­the­ra­pie mit ei­nem äl­te­ren und ei­nem neue­ren An­ti­bio­ti­kum be­reit, wel­che den Keim in­nert zwei Wo­chen ab­tö­te­te. So er­läu­tert Hans­ja­kob Fur­rer, Chef­arzt der In­fek­tio­lo­gie des In­sel­spi­tals: «Al­le ein­tre­ten­den Pa­ti­en­ten wer­den heu­te au­to­ma­tisch auf re­sis­ten­te Kei­me ab­ge­stri­chen, falls sie wäh­rend der letz­ten 6 Mo­na­te ausserhalb der Schweiz ein Spi­tal oder ei­ne an­de­re Ge­sund­heits­ein­rich­tung auf­su­chen muss­ten.» Seit 2011 er­fol­gen die­se Ab­stri­che nach Kei­men im Stuhl, an der Haut und den Schleim­häu­ten.

Ri­si­ko Spi­tal­auf­ent­halt

Die­ses au­to­ma­ti­sche Scree­ning nach re­sis­ten­ten Kei­men ist auch im Uni­ver­si­täts­spi­tal Zü­rich Stan­dard. Bar­ba­ra Has­se, lei­ten­de Ärz­tin der In­fek­tio­lo­gie, stellt fest, dass die meis­ten An­ste­ckun­gen aus den asia­ti­schen Län­dern stam­men. Mit Indien an pro­mi­nen­ter Stel­le, sei­en doch Ndm-1car­ba­pe­ne­ma­sen 2008 in De­lhi erst­mals ent­deckt wor­den. Das sind En­zy­me, die neue­re An­ti­bio­ti­ka re­sis­tent ma­chen, dar­un­ter auch die Car­ba­pe­ne­me-re­ser­vean­ti­bio­ti­ka. Wird man in Län­dern mit ho­hem An­ti­bio­tika­re­sis­tenz­ri­si­ko in ein Spi­tal ein­ge­lie­fert, läuft man schnell in Ge­fahr, sich mit sol­chen Kei­men an­zu­ste­cken.

Nicht nur in Asi­en. «Es kann durch­aus Pa­ti­en­ten be­tref­fen, die et­wa in Eu­ro­pa nach ei­nem Au­to­un­fall hos­pi­ta­li­siert wer­den muss­ten», sagt Andrea En­di­mia­ni, lei­ten­der For­scher am In­sti­tut für In­fek­ti­ons­krank­hei­ten der Uni­ver­si­tät Bern. Dies pas­sier­te vor kur­zem ei­nem 63jäh­ri­gen Aar­gau­er, der in Brüs­sel bei ei­nem Un­fall ei­nen Wa­de­n­und Schien­bein­bruch er­litt. Vor dem Rück­flug in die Schweiz fi­xier­te man ihm in ei­nem Quar­tier­spi­tal das Wa­den­bein mit­tels Schie­ne, das Schien­bein mit ei­ner äus­se­ren Fixa­ti­on. Im Kan­tons­spi­tal Aarau wur­de ihm auch das Schien­bein mit ei­ner Plat­te fi­xiert, of­fen­bar oh­ne vor­gän­gi­gen Ab­strich nach re­sis­ten­ten Kei­men. Zwei Mo­na­te da­nach wur­de er mit of­fe­ner Wun­de er­neut hos­pi­ta­li­siert. Zwi­schen Plat­te und Kno­chen hat­ten re­sis­ten­te Darm­bak­te­ri­en und Spi­tal­kei­me ei­ne schwe­re In­fek­ti­on aus­ge­löst. Nach ei­ner An­ti­bio­ti­ka­be­hand­lung er­hielt er er­neut ei­ne Plat­te, doch der bak­te­ri­ell ver­seuch­te Kno­chen hielt der Be­las­tung nicht stand. 20 Mo­na­te nach dem Un­fall muss­te er An­fang 2018 er­neut an bei­den Kno­chen ope­riert wer­den.

«Im­plan­ta­te sind im­mer sehr schwie­rig zu be­han­deln, da sie nicht durch­blu­tet sind und da­mit we­der An­ti­bio­ti­ka noch na­tür­li­che Ab­wehr­zel­len an den Ort der In­fek­ti­on ge­lan­gen kön­nen», be­grün­det Kro­nen­berg das ho­he Kom­pli­ka­ti­ons­ri­si­ko. Zah­len von Pa­ti­en­ten, die an der In­fek­ti­on

«Al­le ein­tre­ten­den Pa­ti­en­ten wer­den heu­te au­to­ma­tisch auf re­sis­ten­te Kei­me ab­ge­stri­chen, falls sie wäh­rend der letz­ten 6 Mo­na­te ausserhalb der Schweiz ein Spi­tal oder ei­ne an­de­re Ge­sund­heits­ein­rich­tung auf­su­chen muss­ten.» Hans­ja­kob Fur­rer, Chef­arzt der In­fek­tio­lo­gie des In­sel­spi­tals

mit mul­ti­re­sis­ten­ten Kei­men in der Schweiz ster­ben, exis­tie­ren nicht. Kro­nen­berg, der am In­sti­tut für In­fek­ti­ons­krank­hei­ten das Über­wa­chungs­zen­trum für An­ti­bio­tika­re­sis­ten­zen An­re­sis auf­bau­te, geht von we­ni­gen 100 To­des­fäl­len pro Jahr aus. Be­un­ru­hi­gend sei die ex­po­nen­ti­ell an­stei­gen­de An­ste­ckungs­ra­te: «Frü­her war die An­ti­bio­tika­re­sis­tenz vor­ab ein Pro­blem äl­te­rer, schwer kran­ker Pa­ti­en­ten, heu­te be­han­deln wir auch jun­ge, an­sons­ten ge­sun­de Per­so­nen we­gen In­fek­ten mit mul­ti­re­sis­ten­ten Kei­men.»

Kei­ne neu­en An­ti­bio­ti­ka

Andrea En­di­mia­ni nennt fol­gen­de Grün­de für den ra­san­ten An­stieg: ers­tens die ex­plo­si­ve Ver­meh­rung in idea­ler Um­ge­bung. Ein Bak­te­ri­um ver­dop­pelt sich so al­le 20 Mi­nu­ten. Aus 18 Bak­te­ri­en wer­den in ei­nem hal­ben Tag 26 2144. Zwei­tens der ho­he, un­kon­trol­lier­te und un­sach­ge­mäs­se Ver­brauch von An­ti­bio­ti­ka beim Men­schen und in der Land­wirt­schaft. Drit­tens in Schwel­len­län­dern die ho­he Be­völ­ke­rungs­dich­te in na­her Ge­mein­schaft mit Tie­ren. Neue An­ti­bio­ti­ka, die drin­gend nö­tig wä­ren, ent­wi­ckeln Phar­ma­fir­men nicht, weil sie da­mit bei ei­ner Kur von zwei Wo­chen viel we­ni­ger ver­die­nen als et­wa mit ei­nem Blut­hoch­druck­sen­kungs­mit­tel, von dem ein Pa­ti­ent nicht sel­ten jahr­zehn­te­lang Ta­blet­ten schlu­cken muss.

Fo­to: San­jay Ka­no­jia (AFP)

We­gen der ho­hen Be­völ­ke­rungs­dich­te und der Nä­he zu Tie­ren ist das Ri­si­ko in Indien gross, sich mit mul­ti­re­sis­ten­ten Kei­men an­zu­ste­cken.

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