Weih­nach­ten hin­ter Git­ter­stä­ben

Die Die­ti­ke­rin Ber­tha Schen­ker (82) ver­brach­te als Kind die Fest­ta­ge un­ter Sträf­lin­gen – ih­re El­tern wa­ren Ge­fäng­nis­wär­ter.

Der Landbote - - ZÜRICH - Ma­nue­la Mo­ser

«Ich bin ein Land­meit­li», sagt Ber­tha Schen­ker beim Öff­nen der Tür und lä­chelt ver­schmitzt. Man könn­te leicht ver­ges­sen, dass sie ei­ne 82-jäh­ri­ge Frau im Al­ters­heim ist. Die Se­nio­rin führt ei­nen di­rekt nach draus­sen, auf den Bal­kon, und zeigt dort auf ei­nen gros­sen Baum im In­nen­hof, im Schat­ten des Lim­mat To­wer, des Wahr­zei­chens des Die­ti­ker Lim­mat­felds: «We­gen ihm woll­te ich die­se Woh­nung un­be­dingt ha­ben.» Sei­ne Äs­te wach­sen so nah ans Ge­län­der, dass sich die Se­nio­rin nur leicht zu stre­cken braucht, um sie zu be­rüh­ren. «Das tue ich je­den Tag.»

Zu­rück in der Zwei-zim­merwoh­nung der Se­ne­vi­ta, die sie mit ih­rem de­men­ten Mann (83) teilt, er­zählt Schen­ker aus ih­rer Kind­heit im Ge­fäng­nis. Ih­re Au­gen leuch­ten. Wie­der ist sie das klei­ne Mäd­chen, das dort Jahr für Jahr Weih­nach­ten ge­fei­ert hat. Ver­bro­chen hat sie sel­ber nichts, sie war ein­fach die Toch­ter des Wär­ter­ehe­paars. Im Män­ner­ge­fäng­nis bei Luzern ist sie ge­bo­ren. Als sie zwei Jah­re alt war, zü­gel­te die Fa­mi­lie in den «Wy­ber­sä­del». Die El­tern hat­ten das Frau­en­gefäng­nis am Lu­zer­ner Rot­see über­nom­men. Ab­ge­trennt und nur durch ei­ne Fäh­re er­reich­bar, stand dort ein Bau­ern­haus und im weis­sen An­bau be­fand sich das Ge­fäng­nis.

«Mu­e­ti» mit Hams­ter­ba­cken

Die in­haf­tier­ten Frau­en hat­ten ge­mor­det, ge­stoh­len oder leb­ten auf der Stras­se. Ei­ni­ge hat­ten ab­ge­trie­ben, was da­mals ei­ne straf­ba­re Tat war. Schen­ker er­in­nert sich noch ge­nau an sie, bei­spiels­wei­se ans «Gra­ber-mu­e­ti», die ei­nen Pa­gen­schnitt trug und wie ein Hams­ter ass. «Wir Kin­der ver­steck­ten uns je­weils in der Kü­che und be­ob­ach­te­ten ih­re Ba­cken, wie sie sich füll­ten und als run­der Bal­len auf und ab gin­gen.» Oder an Frau Dur­rer, die ro­te Fin­ger­nä­gel hat­te und auf der Stras­se leb­te. «Wenn es Win­ter wur­de, stell­te sie im­mer ir­gend­et­was an, um wie­der zu uns ins Bau­ern­haus am Rot­see zu kom­men, in ein war­mes Bett.»

Wenn das Haus voll war, dann leb­ten dort 30 bis 40 Per­so­nen. «Am run­den Tisch der An­ge­stell­ten sas­sen zwei Auf­se­he­rin­nen, der Mel­der, der ‹Char­rer› mit den Och­sen und der Fäh­ri­mann, der die Leu­te über den Rot­see brach­te.» Auch sie, Ber­tha, ha­be als jun­ge Frau ger­ne als Fäh­rifrau aus­ge­hol­fen und auf die­se Wei­se 20 Rap­pen pro Fahrt da­zu­ver­dient. Jo­sy, die Auf­se­he­rin, stand mor­gens als Ers­te auf und setz­te im Wasch­haus um 3 Uhr früh den rie­si­gen Kup­fer­kes­sel aufs Feu­er. Mit dem heis­sen Was­ser konn­te spä­ter al­les ge­putzt und ge­wa­schen wer­den. «Die In­sas­sin­nen wur­den zu­dem ent­laust und auf ver­steck­te Mes­ser am Kör­per – oft im Füd­li! – un­ter­sucht. Be­son­ders Frau Dur­rer, wenn man sie wie­der mal von der Stras­se ge­holt hat­te.»

Ber­tha Schen­ker muss nicht lan­ge über­le­gen: «Mei­ne Kind­heit war pa­ra­die­sisch!» Nicht nur we­gen der vor­bild­li­chen El­tern – der Va­ter ein lie­bens­wer­ter Mann, der es gut mit den Men­schen konn­te, die Mut­ter von na­tür­li­cher Au­to­ri­tät, eben­falls be­gabt im Um­gang mit den Nächs­ten, so­dass manch ei­ne In­sas­sin nach ih­rer Frei­las­sung als Freun­din zu­rück auf Be­such ge­kom­men sei. Das Wich­tigs­te für das Kind Ber­tha war, dass es um sie her­um Na­tur gab. «Ich und mei­ne drei Ge­schwis­ter ha­ben stun­den­lang Mäu­se ge­fan­gen und Gril­len aus­ge­gra­ben, auch im Stall gab es ei­ne Men­ge Tie­re. Wir hat­ten nicht viel Kon­takt mit der Aus­sen­welt, aber mit­ein­an­der.»

Et­was Schwie­ri­ges muss­te das Mäd­chen aber früh lernen, näm­lich mit ei­ner stän­di­gen Angst zu

«Mei­ne Kind­heit war pa­ra­die­sisch.» Ber­tha Schen­ker

le­ben. «Es gab ei­ne Mör­de­rin bei uns, die schlug al­les kurz und klein, wenn sie wü­tend war.» In der Nacht wur­de Klein Ber­tha durch den Lärm ge­weckt. Des­halb hat­te sie es sich an­ge­wöhnt, un­ter das Bett zu schau­en, be­vor sie schla­fen ging. Auch hör­te sie ein­mal, wie je­mand droh­te, ih­ren Va­ter um­zu­brin­gen. «Ge­spro­chen ha­be ich nie mit je­man­dem über mei­ne Ängs­te. Aber ich bau­te mir ein Schutz­heer auf. Ei­ne ei­ge­ne klei­ne Ar­mee mit win­zi­gen Leu­ten, die es nur in mei­nem Kopf gab.» Bis heu­te glaubt Ber­tha Schen­ker an En­gel und an Ge­be­te. «Die­se wer­den be­stimmt ge­hört.» Über ih­rem Tisch im Al­ters­heim hängt ein selbst ge­bas­tel­tes Bild, das fröh­lich und warm in sei­nen Far­ben ist: «La cit­tà in pace» – die Stadt in Frie­den.

Jo­sef, Ma­ria und die En­gel

Fried­lich und warm wa­ren auch die Ad­vents­ta­ge im Ge­fäng­nis – und vol­ler Ar­beit. «Bei uns wur­de den gan­zen De­zem­ber über ge­ba­cken, ge­kocht und ge­schmückt. Die Chrie­sis­tei-säck­li wärm­ten uns im Bett nach ei­nem be­trieb­sa­men Tag.» Und die Kin­der des Wär­ter­paars üb­ten je­des Jahr mit den In­sas­sin­nen des «Wy­ber­sä­del» ein Weih­nachts­spiel ein, Re­gie führ­te im­mer die äl­tes­te Schwes­ter. Die nö­ti­gen Klei­der – für die Ma­ria, den Jo­sef, die En­gel und die Kö­ni­ge – näh­ten die Kin­der sel­ber. Die Auf­füh­rung war dann der Hö­he­punkt am Weih­nachts­abend. Wär­ter und Ge­fan­ge­ne sas­sen bei­sam­men in der gros­sen Stu­be, in der Mit­te stand ein Ofen, der den Raum be­heiz­te, die Schei­ben lie­fen we­gen der Käl­te draus­sen an. «Drin­nen brei­te­te sich aber ein un­be­schreib­li­ches Ge­fühl von Ge­bor­gen­heit, Freu­de und Fröh­lich­keit aus.»

Das ist Weih­nach­ten für Ber­tha Schen­ker bis heu­te ge­blie­ben: ein Fest der Lie­be und der Fa­mi­lie. Nach Zü­rich, zum Weih­nachts­shop­ping, geht sie nie. «Das ver­tra­ge ich nicht.» Die Se­nio­rin fin­det, «wir wol­len heu­te im­mer mehr, al­les im­mer schö­ner, im­mer grösser – wir sind gren­zen­los ge­wor­den». Ei­nes Ta­ges ge­be es wohl ei­nen «Chlapf», und dann kom­me die Ver­nunft wie­der.

Fo­tos: PD

Zum Haus kam man nur mit der Fäh­re über den Rot­see (im Bild vor­ne). Hin­ten der weisse Ge­fäng­nis­an­bau.

Half als «Fäh­rifrau» aus: Ber­tha als jun­ge Frau ver­dien­te sich da­mit ein paar Rap­pen da­zu.

Ber­tha (ganz links) ist das zweit­äl­tes­te Kind. Der Va­ter, die Mut­ter und die äl­tes­te Schwes­ter sind in­zwi­schen ge­stor­ben.

Ver­klei­det für das Krip­pen­spiel: Ber­tha (l.) mit ih­ren bei­den Schwes­tern so­wie vier In­sas­sin­nen.

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