Der Bun­des­rat sagt we­der Ja

Der Bun­des­rat nimmt den Ent­wurf zum Rah­men­ab­kom­men mit der EU bloss «zur Kennt­nis» und lässt al­les Wei­te­re of­fen. Ei­ne Kon­sul­ta­ti­on im In­land soll zei­gen, ob und wie es wei­ter­ge­hen könn­te.

Der Landbote - - SCHWEIZ - Fa­bi­an Schäfer

Die Span­nung war grösser als vor den Bun­des­rats­wah­len die­ser Wo­che. Nach Mo­na­ten der Spe­ku­la­tio­nen soll­te end­lich der Show­down fol­gen: An ih­rer gest­ri­gen Sit­zung woll­te die Lan­des­re­gie­rung über das hart um­kämpf­te Rah­men­ab­kom­men mit der EU ent­schei­den. Al­ler­dings konn­te sie sich trotz mehr­ma­li­ger Dis­kus­si­on nicht da­zu durch­rin­gen, ei­ne Hal­tung fest­zu­le­gen. Der Bun­des­rat liess ges­tern of­fen, ob er den Ver­trag, den sei­ne Un­ter­händ­ler in den letz­ten vier­ein­halb Jah­ren aus­ge­han­delt hat­ten, gut fin­det oder nicht. Schmal­lip­pig liess er am spä­ten Nach­mit­tag ver­kün­den, er ha­be den Text zum in­sti­tu­tio­nel­len Ab­kom­men, das in­zwi­schen das net­te Kür­zel «Insta» er­hal­ten hat, «zur Kennt­nis ge­nom­men».

Al­len­falls noch nach­ver­han­deln

Gleich­zei­tig hat der Bun­des­rat be­schlos­sen, das Ab­kom­men im In­land in ei­ne Kon­sul­ta­ti­on zu schi­cken. Par­tei­en, Ar­beit­ge­ber, Ge­werk­schaf­ten und Kan­to­ne sol­len bis zum Früh­ling ih­re Hal­tung kund­tun. So will der Bun­des­rat sei­nen Spiel­raum aus­lo­ten und da­nach «al­len­falls» noch ein­mal mit der EU das «Ge­spräch su­chen». Gleich­zei­tig hielt er fest, die EU sei nicht be­reit, die Ver­hand­lun­gen fort­zu­füh­ren. Mehr Klar­heit schaff­te der Bun­des­rat, in­dem er das Ab­kom­men ver­öf­fent­licht hat.

Was die Lan­des­re­gie­rung ges­tern auf­führ­te, war ein kom­mu­ni­ka­ti­ver Hoch­seil­akt der Son­der­klas­se. Ei­ner­seits muss­te sie der EU si­gna­li­sie­ren, dass sie mit der Kon­sul­ta­ti­on nicht ein­fach auf Zeit spielt. An­de­rer­seits woll­te sie sich in­nen­po­li­tisch nicht fest­le­gen, zu­mal die ab­leh­nen­de Front, die von der SVP bis zu den Ge­werk­schaf­ten reicht, zu­letzt noch brei­ter ge­wor­den ist. Was in Brüs­sel nach ei­nem «Ja, aber» klin­gen muss­te, soll­te da­heim eher als «Nein, aber» an­kom­men.

Zwei gros­se Dif­fe­ren­zen

Ent­spre­chend ver­klau­su­liert fiel die Stel­lung­nah­me aus. Der Bun­des­rat schick­te ei­ne Drei­er­de­le­ga­ti­on vor, was sel­ten vor­kommt: Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis (FDP) wur­de be­glei­tet vom am­tie­ren­den und vom künf­ti­gen Bun­des­prä­si­den­ten, von Alain Ber­set (SP) und Ue­li Mau­rer (SVP), was par­tei­po­li­tisch ei­ne per­fek­te Ver­tre­tung er­gab. An ih­rer Sei­te sass der Ver­hand­lungs­füh­rer, Staats­se­kre­tär Ro­ber­to Bal­za­ret­ti. Ih­re Bot­schaft: In meh­re­ren, wich­ti­gen Fra­gen ha­be man Fort­schrit­te er­zielt und ei­ne Ei­ni­gung er­reicht. Das gilt aus Sicht des Bun­des­rats ins­be­son­de­re für die in­sti­tu­tio­nel­len Fra­gen von der Rechts­über­nah­me bis zur Streit­bei­le­gung. Das ist in­so­fern be­mer­kens­wert, als die­se Aspek­te lan­ge im Zen­trum der Dis­kus­si­on stan­den und für den ve­he­men­ten Wi­der­stand der SVP ver­ant­wort­lich sind.

Dass sich der Bun­des­rat trotz­dem nicht hin­ter den Ver­trag stellt, be­grün­de­te Cas­sis mit meh­re­ren «of­fe­nen Dif­fe­ren­zen», in de­nen der Ent­wurf von den «ro­ten Li­ni­en» im Ver­hand­lungs­man­dat ab­weicht. Da­bei geht es vor al­lem um zwei The­men: um die Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie, wel­che die EU mit dem Ab­kom­men der Schweiz mög­li­cher­wei­se auf­zwin­gen könn­te. Der Text lässt da­zu aber vie­le Fra­gen of­fen.

An­ders beim zwei­ten Streit­the­ma: Bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men, mit de­nen die Schweiz die hie­si­gen Löh­ne und Ar­beits­be­din­gun­gen schützt, schafft der Text Klar­heit. Hier soll vor al­lem die Vor­an­mel­de­frist für Fir­men aus der EU ver­kürzt und die Kon­trol­len ein­ge­schränkt wer­den. Laut dem Bun­des­rat han­delt es sich da­bei um ei­nen «Vor­schlag» der EU, weil die Schwei­zer Un­ter­händ­ler auf­grund des Man­dats dar­über nicht ver­han­deln durf­ten. Die EU stellt das an­ders dar. Sie sah sich ges­tern ver­an­lasst, «klar­zu­stel­len», dass der ge­sam­te Text ge­mein­sam ver­ein­bart wor­den sei.

Wie auch im­mer: Der Bun­des­rat könn­te of­fen­bar mit dem ab­ge­speck­ten Lohn­schutz­re­gime le­ben, auch wenn er dies nicht so klar kom­mu­ni­ziert. Cas­sis je­den­falls sag­te, aus Sicht des Bun­des­rats wür­den die neu­en Re­geln den Lohn­schutz nicht abschwächen, doch dar­über ge­be es un­ter­schied­li­che Ansichten. In der Tat: Die Ge­werk­schaf­ten ha­ben ih­re Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on so­fort be­kräf­tigt. Et­was spä­ter dop­pel­te die SVP nach. Bun­des­prä­si­dent Ber­set hielt da­zu fest, es sei üb­lich, dass Po­si­tio­nen zu Be­ginn ei­ner An­hö­rung ve­he­ment ver­tre­ten wür­den. Ei­ne An­nä­he­rung sei im­mer noch mög­lich.

Mau­rer und die Schüt­zen­grä­ben

Bleibt die Fra­ge, war­um der Bun­des­rat das Ab­kom­men nicht re­fü­siert hat, zu­mal es dem Ver­hand­lungs­man­dat wi­der­spricht. Da­zu hält er vor al­lem dies fest: Es ge­be kei­ne Ga­ran­tie da­für, dass die EU spä­ter bei neu­en Ver­hand­lun­gen be­reit wä­re, auf den jetzt er­ziel­ten Fort­schrit­ten auf­zu­bau­en. Zu­dem dro­hen Re­tor­si­ons­mass­nah­men der EU.

Wie die Ver­hand­lun­gen 2019 wei­ter­ge­hen, hängt stark vom neu­en Bun­des­prä­si­den­ten Ue­li Mau­rer ab. Ges­tern ver­ström­te er Zu­ver­sicht und ge­lob­te, er wol­le ein Kli­ma schaf­fen, in dem nicht gleich al­le in den Schüt­zen­grä­ben ver­schwin­den.

Un­ter­wegs zur Me­di­en­kon­fe­renz zum Rah­men­ab­kom­men: Ue­li Mau­rer, Ro­ber­to Bal­za­ret­ti (Staats­se­kre­tär), Alain Ber­set und Igna­zio Cas­sis (v.l.).

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.