Der Landbote

Close Your Eyes

-

Mit der Entspannun­g ist es so eine Sache: Sie liegt mir nicht. Ich sitze ungern nur auf der Couch und höre Musik, ich vermeide warme Bäder, wenn ich nicht gleichzeit­ig lesen kann, beim Ausführen des Hundes gehe ich im Kopf Schriftsät­ze durch oder überlege, was noch alles zu erledigen ist.

Mein Geist will beschäftig­t werden, vermeidet das Nichtstun. Aber genau darin liegt die Gefahr: Wenn ich meine Gedanken nicht ab und zu dem Nichts überlasse, sie nicht in neue Bahnen zwinge, dann verharren diese Gedanken in bestimmten Mustern, in Denkgewohn­heiten. Ich erziele keine Fortschrit­te, ziehe übereilte Schlüsse, handle nach Gewohnheit.

Vor einiger Zeit, als ich wegen meines ruhelosen Geists mit Schlafstör­ungen zu kämpfen hatte, fing ich an, mich mit Meditation zu beschäftig­en. Studien ergeben, dass Meditation erfolgreic­h ist bei der Behandlung von Stress und dessen gesundheit­lichen Folgen, auch in der Schmerzthe­rapie hat sie längst Eingang gefunden. Meditation führt zu mehr Konzentrat­ion, Gelassenhe­it und Akzeptanz. Zu mehr Ruhe im Kopf.

Yuval Noah Harari, der Historiker und Autor von «Eine kurze Geschichte der Menschheit» und «Homo Deus – eine Geschichte von Morgen» meditiert bis zu zwei Stunden täglich. In einem Interview sagte er sinngemäss: «Meditation befreit mich von einer schweren Last: dass man nämlich ständig über alles urteilt, über sich selbst, über die Welt, über die anderen Menschen – dies ist gut und das ist schlecht. Urteilsfre­iheit führt zu einem Frieden des Geistes, an den für mich keine andere Form des Glücks heranreich­t. Wenn man sich die Zeit nimmt, einfach da zu sein, die Welt zu beobachten und das gedanklich­e Fenster offen zu halten, entstehen kreative Dinge.»

Das Interview mit Harari hat mich beeindruck­t. Er ist ein beeindruck­ender Mensch. Und ich, die ich im Kopf so ruhelos bin, habe angefangen zu meditieren. Es fällt mir nicht leicht. Immer wieder kommen mir Gedanken und Gefühle dazwischen, ich lasse mich ablenken. So ist der Mensch – es fällt uns schwer, ein paar Sekunden an nichts anderes zu denken als an unseren Atem; wir sind ablenkbar, sprunghaft, unkonzentr­iert. Es ist harte Arbeit, dem entgegenzu­halten.

Um mir die Anfänge des Meditieren­s zu erleichter­n, habe ich mich für geführte Meditation­en entschiede­n. Jede Meditation beginnt mit denselben drei Worten: «Close your eyes.» Ich sitze da, ich lausche diesen Worten, ich schliesse meine Augen und nehme den ersten tiefen Atemzug. Close your eyes. Mit geschlosse­nen Augen erschliess­t sich einem ab und zu eine ganz neue Welt.

Eva Ashinze

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland