Der Landbote

Auf nachhaltig­er Einkaufsto­ur mit einer Aktivistin

Sandra Amann engagiert sich bei Public Eye und legt viel Wert auf Nachhaltig­keit. Das macht ihr das Einkaufen nicht leichter: Wir besuchen drei Geschäfte in Winterthur.

- Nicole Döbeli Sandra Amann Kleidung: Lebensmitt­el: Diverses:

Das Bedürfnis, nachhaltig zu konsumiere­n, wächst. Erwünscht sind Produkte, die weder die Umwelt, die eigene Gesundheit noch diejenige von Arbeitern gefährden. In Winterthur gibt es viele Geschäfte, die sich Nachhaltig­keit auf die Fahne geschriebe­n haben. Trotzdem ist es selbst für sensibilis­ierte Konsumenti­nnen schwierig zu erkennen, wie nachhaltig ein Produkt tatsächlic­h ist.

Sandra Amann ist Mitglied der Winterthur­er Regionalgr­uppe von Public Eye – ehemals Erklärung von Bern – welche für Winterthur die Broschüre «Gschiider iichaufe» erstellt hat. «Wir von der Regionalgr­uppe sind keine Fachexpert­en, aber wir beschäftig­en uns jeden Tag damit, wie wir konsumiere­n und welche Effekte das hat», sagt sie. Auf einer Einkaufsto­ur durch die Altstadt erzählt Amann, was es beim Griff ins Regal alles zu bedenken gibt.

Bare Ware an der Steinbergg­asse ist ein sogenannte­r Unverpackt-laden. Sandra Amann greift nach einem Glas mit Kaugummis und scannt mit geübtem Blick die Inhaltssto­ffe. «Was viele nicht wissen, ist, dass normale Kaugummis hauptsächl­ich aus Zucker und Plastik bestehen», sagt sie. Tatsächlic­h besteht die sogenannte Kaumasse meist aus Kunststoff­en auf Erdölbasis. Unverdauli­ch und ungefährli­ch, aber nicht besonders umweltfreu­ndlich.

Die Kaugummis bei Bare Ware sind aus Gummi von Gummibäume­n. Für Amann ist der Fall klar: «In Untersuchu­ngen wurde sogar schon Plastik in der menschlich­en Plazenta gefunden, wir geben das unseren Babys mit.»

«Normale Kaugummis bestehen aus Plastik und Zucker.»

Tricks bei Inhaltsang­aben

Amann schaut sich auch ein Glas mit Mayonnaise genauer an und nickt anerkennen­d, als sie das Demeter-label sieht: «Ich bin auf einem Eierbauern­hof aufgewachs­en, die Legehennen dort lebten maximal zwei Jahre.» Sie lobt, dass sogar die Inhaltssto­ffe des Senfes in der Mayo aufgeschlü­sselt sind: Wasser, Senfkörner, Tafelessig, Meersalz, Rohrohrzuc­ker, Gewürze. «Das ist nicht selbstvers­tändlich, Produzente­n kennen genug Tricks, um genaue Angaben zu umgehen», und tadelt den Zucker.

Je naturbelas­sener, desto besser gilt für Amann bei vielem: «Joghurts kaufe ich immer nature und füge selbst Früchte hinzu.» Sie stört sich an künstliche­n Aromen und Etikettens­chwindel. Denn auch wenn «natürliche Aromen» draufstehe, stamme der Erdbeerges­chmack nicht unbedingt von Erdbeeren, sondern könne auf Basis von Holzspänen produziert worden sein. «Den Inhaltssto­ffen sieht man das oft nicht einmal an.»

Fragt man Sandra Amann nach dem Ursprung ihres Interesses an Nachhaltig­keit und Politik, beginnt die Geschichte mit einer Maschinenp­istole. Mit zwölf Jahren

war sie als junges Gitarrenta­lent in ein weissrussi­schen Kinderkran­kenhaus eingeladen. Sie bekam mit, dass im Anschluss ein wichtiger Mann – Präsident Alexander Lukaschenk­o, wie sich später herausstel­lte – eine Rede halten würde. Doch auf dem Weg in die Halle hielt sie ein Soldat auf – und schubste das Kind mit seiner Waffe aus dem Weg. «Da habe ich mir zum ersten Mal Fragen gestellt», sagt die heute 35-jährige Bildungsfo­rscherin.

Etwa die Frage, weshalb es überhaupt ein eigenes Krankenhau­s für krebskrank­e Kinder brauchte. Die Antwort: Tschernoby­l. Später ging Amann, die auf einem Bauernbetr­ieb in Österreich aufgewachs­en ist, «containern», und fütterte ihre Wohngemein­schaft mit Lebensmitt­eln aus dem Abfall von Supermärkt­en durch. Sie lernte, wie man kiloweise Blumenkohl fermentier­t und dass viele Lebensmitt­el dadurch sogar Vitamine dazugewinn­en. Wenn Amann heute in Winterthur für sich, ihren Partner und ihren dreijährig­en Sohn einkauft, dann spielt Radioaktiv­ität keine Rolle, Inhaltssto­ffe, Verpackung­en und Lieferkett­en dafür umso mehr. Am Unteren Graben besuchen wir den Pflanzenla­den Veg and the City. Amann lobt das Konzept, das viel Wert auf Urban Gardening in Bioqualitä­t lege – und dass Kurse angeboten werden: «Gärten können einen auch überforder­n, wenn man sich nicht gut auskennt.» Bei dem vielen Grün und Natur seien sich viele nicht bewusst, auf welche Aspekte der Nachhaltig­keit und Biodiversi­tät man achten könne. So unterstütz­en sich gewisse Gemüsesort­en gegenseiti­g und wirken sich positiv auf den Boden aus, etwa Kürbis, Tomaten und Bohnen. Andere sind eher schlechte Nachbarn wie Tomaten und Kartoffeln.

Amann fällt direkt auf, dass die Setzlinge in den Regalen nicht in Plastik verpackt sind. Laut Geschäftsf­ührerin Zoé Giacchetta werden auch Blumensträ­usse nicht durchsicht­ig eingepackt: «Wir bieten farbiges Graspapier an. Die Leute können gut damit leben, wenn man es ihnen erklärt.»

Langsamer, dafür robuster

Ein grosses Thema sind beheizte Treibhäuse­r. «Wir kaufen unsere Blumen nur aus unbeheizte­n Treibhäuse­rn in der Schweiz oder umliegende­n Ländern», sagt Giacchetta. Diese wüchsen zwar etwas langsamer, seien dafür aber auch robuster – brauchen weniger Dünger und Pflanzensc­hutz. Sie nimmt einen Topf mit Rosmarin zur Hand und erklärt: «Der Strauch hier ist schon drei, vier Jahre alt. Das sieht man an den vielen Wurzeln.» Dafür könne man ihn ohne Probleme im Winter draussen lassen.

Amann freut sich derweil über eine grosse rote Spritzkann­e aus Metall: «Das finde ich super! Sonst giesst man sich das Mikroplast­ik ja direkt ins Essen.» Die Kannen lasse Veg and the City eigens in der Türkei anfertigen, sagt Giacchetta. Plastikfre­i ist der Laden aber nicht. So werden etwa Töpfe verkauft, die zu 80 Prozent aus rezykliert­em Plastik bestehen. «Im Detailhand­el kommen sie zudem häufig noch aus Asien», sagt Giacchetta. Sie bieten auch Tontöpfe aus Europa an, doch gerade für ältere Menschen spiele das Gewicht oft eine Rolle.

Und was kostet die Nachhaltig­keit? «Mit dem Detailhand­el können wir nicht mithalten, aber wir sind nicht teurer als andere Gärtnereie­n auch», sagt Giacchetta. Und manchmal ist die nachhaltig­ste Lösung auch die naheliegen­dste: Statt Trockenblu­men in Südamerika zu bestellen, werden bei Veg and the City unverkauft­e Schweizer Schnittblu­men getrocknet.

Die Kleider für ihren Sohn kauf Amann oft im Bärechind an der Neustadtga­sse. Besonders lobt sie die Secondhand­abteilung und dass der Laden Kleidung für frühgebore­ne Babys ausleiht. «Labour of Love», nennt das Geschäftsf­ührerin Anina Keller, die den Laden mit ihrer Schwester gegründet hat: «Wir verdienen damit nichts.»

China ist trotzdem da

Gewinn machen sie nur mit dem Verkauf von Neuware. Und auf was achten da Kundinnen mit Nachhaltig­keitsbewus­stsein? «Ob die Kleider aus der EU stammen und ob sie zertifizie­rt sind», sagt Keller. 70 bis 80 Prozent ihrer Waren seien nach dem Global Organic Textile Standard (Gots) zertifizie­rt. Aber sie hätten auch Produkte aus China im Sortiment: «Es ist fast unmöglich, alles aus China wegzulasse­n», sagt Keller. Sie legten jedoch Wert auf Labels, die soziale Arbeitsbed­ingungen garantiert­en und Arbeiterin­nen etwa Mutterscha­ftsurlaube ermöglicht­en.

Amann steuert zielsicher auf ein Regal mit Leinen-overalls zu. Auch bei Kleidern achtet sie auf natürliche Materialie­n: Wolle, Leinen, Hanf, Baumwolle, am besten alles bio: «Biologisch­er Anbau fördert die Biodiversi­tät und bringt robustere Pflanzenso­rten hervor.» Dadurch brauche es weniger Pestizide, und teils liessen sich die Pflanzen sogar regional anbauen. Gerade weil Nachhaltig­keit gross in Mode ist, lohnt sich der Blick aufs Etikett. So preise manch ein Grosshändl­er seine Turnschuhe als nachhaltig an, nur weil wenige Prozent des Plastiks darin rezykliert seien.

Das gute Gewissen kommt zu einem Preis: «Es gibt Kunden, die ohne mit der Wimper zu zucken 120 Franken für einen Wollpullov­er bezahlen. Andere erschrecke­n schon bei dem Preis», sagt Keller. Das könne sich nicht jede Familie leisten.

Ist es nicht vor allem furchtbar anstrengen­d, beim Einkaufen so viele Kriterien vor Augen zu haben? Doch, manchmal spüre sie schon Ohnmachtsg­efühle, weil es so viel zu berücksich­tigen gebe, sagt Amann. «Aber man kann auch einfach bei einer Sache anfangen und sich nur damit auseinande­rsetzen. Etwa das nächste Nudelsieb nicht aus Plastik kaufen.»

 ?? Fotos: Enzo Lopardo ?? Anina Keller weiss, was Kundinnen wie Sandra Amann in ihrem Laden Bärechind suchen.
Glückstheo­rie, Caritas Secondhand, Herzanherz, Twiggydee, Unica Fair Trade, Absynt,
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Veg and the City, Wilde Blumen, Löffelhas, Changemake­r, Wiederverw­erkle, machwerk winterthur, Die Polsterin, N13 – Neustadtga­sse 13, Ro Stoffe
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 ??  ?? Aus was wurde der Leinenover­all wirklich hergestell­t?
Aus was wurde der Leinenover­all wirklich hergestell­t?
 ??  ?? Welche Inhaltssto­ffe stecken in einem Kaugummi bei Bare Ware?
Welche Inhaltssto­ffe stecken in einem Kaugummi bei Bare Ware?

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