Der Landbote

Die höchste Winterthur­erin hat eine Fussball-vergangenh­eit

Am Montag wird Maria Sorgo (SP) Präsidenti­n des Grossen Gemeindera­tes. Wie ihre Südamerika­reisen sie prägten und was ihre Ziele für dieses Jahr sind.

- Fabienne Jacomet

Für den Fototermin hat sich Maria Sorgo die Libero-bar auf der Schützenwi­ese ausgesucht. Die 36-Jährige spielte selbst in ihrer Jugend zehn Jahre lang beim FC Mönchaltor­f Fussball, bis sie aufgrund ihrer Ausbildung zur Pflegefach­frau keine Zeit mehr hatte. Und auch jetzt ist die Zeit zu knapp – vor allem dieses Jahr. Ab Montag ist sie die neue Präsidenti­n des Grossen Gemeindera­tes. Sie sei zwar kein hartgesott­ener FCWFAN, aber treffe sich hier ab und zu mit Freundinne­n und Freunden. «Die Schützi repräsenti­ert Winti mit all seinen unterschie­dlichen Leuten, und wie sich der Club sozial und gesellscha­ftlich engagiert, gefällt mir.»

Von der Gewerkscha­ft zur SP

Sorgo stammt aus keiner Politikerf­amilie, aber politische Themen wie die Friedensbe­wegung oder die Anti-akw-bewegung wurden bei ihr zu Hause immer diskutiert. Ihre Eltern nahmen mit ihr an Demonstrat­ionen teil, und auch ihre Nachbarsch­aft war politisch geprägt. «So habe ich mitbekomme­n, wie vielfältig man sich engagieren kann.» Während Sorgo als Pflegefach­frau arbeitete, war sie im Gewerkscha­ftsbereich aktiv und machte sich für bessere Arbeitsbed­ingungen stark. Zu Beginn ihres Studiums trat sie dann der SP bei, wo sie bereits einige Bekannte hatte. «Eines meiner Hauptanlie­gen ist die Inklusion. Also wie wir Leute mit ganz unterschie­dlichen Bedürfniss­en am Alltag teilhaben lassen können.» In früheren parlamenta­rischen Vorstössen setzte sie sich für Lohngleich­heit und mehr Frauen im Kader der Stadtverwa­ltung ein.

Politisch geprägt wurde Maria Sorgo auch von ihren Reisen nach Kolumbien, Peru und Bolivien, wo sie als Rucksackto­uristin unterwegs war. In Kolumbien arbeitete sie zudem vier Monate lang als Menschenre­chtsbeobac­hterin in zwei Dörfern, um zu verhindern, dass dort lebende Bauernfami­lien vertrieben wurden. «Dort habe ich gemerkt, wie privilegie­rt wir hier in der Schweiz sind, weil wir die Politik mitbestimm­en können. Ich merkte, ich will mich da, wo ich wohne, selbst politisch engagieren.»

Sorgo ist in Winterthur geboren, wuchs aber im Zürcher Oberland auf. Nach ihrer Ausbildung zur Pflegefach­frau zog sie 2008 zurück nach Winterthur und arbeitete einige Jahre in der Klinik Hard in Embrach. Danach studierte sie Psychologi­e an der ZHAW. Seit fünf Jahren arbeitet sie nun als Psychologi­n im Kinder- und Jugendbere­ich am Kantonsspi­tal Winterthur. Auch dort ist Fussball ein Thema: Sie betreut mit anderen Fachperson­en eine therapeuti­sche Fussballgr­uppe für Flüchtling­skinder.

«In Kolumbien habe ich gemerkt, wie privilegie­rt wir hier in der Schweiz sind, weil wir die Politik mitbestimm­en können.»

Ihre Erfahrunge­n aus dem Berufsallt­ag könne sie teils auch auf die Politik übertragen. «Ob im Spital oder im Ratssaal, an beiden Orten sind ein bisschen Geduld und Frustratio­nstoleranz sicher nicht schlecht.» Geduld wird sie auch brauchen, bis klar ist, wann sie das erste Mal als höchste Winterthur­erin einen Anlass besucht. «Ich habe ausser den Gemeindera­tssitzunge­n noch nicht sehr viele Termine in meiner Agenda, das ist schade.» Somit geht es ihr zumindest zu Beginn ihrer Amtszeit so wie ihrem Vorgänger Daniel Oswald (SVP) das ganze Jahr. Ein wenig wie eine Schonfrist. Sie könne sich jetzt aber voll auf den Einstieg in die Ratsleitun­g konzentrie­ren.

Ihre Wünsche für dieses Jahr seien zum einen, dass der Rat mit allen wichtigen Geschäften durchkomme. Zum anderen wünsche sie sich, dass im Parlament wieder debattiert werde und man zu einer Gesprächsk­ultur zurückkehr­e. «Diese wird und darf auch hart sein.» Besonders gefehlt habe ihr das bei der Budgetdisk­ussion im Januar und Februar.

Für einige Ratsmitgli­eder finden die Debatten auch in den sozialen Medien statt: Sie kommentier­en jeweils direkt aus dem Ratssaal. Maria Sorgo, die mit ihrem Partner im Inneren Lind wohnt, ist hier zurückhalt­ender. Sie äussert sich online nicht zum Ratsgesche­hen und postet kaum Inhalte. Lediglich auf Facebook gibt sie mit den Rahmen um ihre Profilbild­er kurze politische Statements ab.

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Foto: Marc Dahinden Maria Sorgo auf der Schützenwi­ese. Sie spielte lange Fussball.

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