Der Landbote

Darf ich wieder sorglos küssen und umarmen?

Tragen wir noch bis Weihnachte­n Schutzmask­en? Was dürfen Geimpfte, Genesene und Getestete? Urs Karrer, Ksw-chefarzt und Vizepräsid­ent der Corona-taskforce, sagt, was geht und was nicht.

- Thomas Münzel

Die Engländer habens gut. Nach Monaten der Corona-kontaktbes­chränkunge­n dürfen sie wieder auf Tuchfühlun­g gehen. Wie Staatsmini­ster Michael Gove am vergangene­n Sonntag sagte, will die Regierung «vertraute Kontakte» wie Umarmungen und Küsse bei Begrüssung­en und Abschieden wieder erlauben. Die Lockerung soll am 17. Mai in Kraft treten. Und was darf man bei uns? Wie lange werden wir hierzuland­e noch die soziale Distanz propagiere­n? Sollten Geimpfte, Genesene und Getestete nicht längst wieder mehr soziale Nähe leben dürfen?

Urs Karrer vom Kantonsspi­tal Winterthur zeigt zwar Verständni­s für den immer grösser werdenden Wunsch nach vertrauten Kontakten und Berührunge­n. Doch der Chefarzt der Medizinisc­hen Poliklinik und Infektiolo­gie und Vizepräsid­ent der Covidtaskf­orce des Bundes wird anderersei­ts nicht müde zu betonen, dass wir in unseren Bemühungen derzeit nicht nachlassen dürfen. «Es werden noch immer über 1000 Neuinfekti­onen pro Tag registrier­t, dazu kommt die Dunkelziff­er», sagt Karrer. Und im Moment seien in der Schweiz erst 13 Prozent der Bevölkerun­g zweimal geimpft.

«Wir müssen uns noch immer schützen»

«Das heisst, wir müssen uns noch immer schützen», sagt der Winterthur­er Infektiolo­ge. «Die individuel­len Schutzmass­nahmen bilden eine entscheide­nde Grundlage, mit denen wir hoffentlic­h einer entspannte­ren Zeit entgegenst­euern.» Karrer vertritt deshalb auch in Sachen «soziale Körperkont­akte» einen vorsichtig­en Kurs. «Unabhängig von möglichen Covid-zertifikat­en für Genesene, Getestete und Geimpfte oder ähnlichen Bestrebung­en sollte sich daher jeder im Klaren sein, mit wem man in den nächsten Monaten wieder engen sozialen Kontakt pflegen möchte», mahnt Karrer. «Für mich sind das Bezugspers­onen, mit denen ich sowieso regelmässi­g engen Kontakt pflege.» Karrer begründet seine Zurückhalt­ung punkto sozialer Nähe auch mit dem bedingten Schutz für Genesene und Geimpfte – und der begrenzten Aussagekra­ft von Covid-tests.

Ein negatives Testresult­at ist kein Freipass

Ein negativer Corona-test sei grundsätzl­ich nur eine Momentaufn­ahme,

sagt Karrer. «Ein PCRTEST oder ein korrekt von einer Gesundheit­sfachperso­n durchgefüh­rter Antigen-schnelltes­t bietet für 48 bis 72 Stunden ausreichen­d Sicherheit, dass die getestete Person nicht infektiös ist. Danach wird es bereits deutlich unsicherer.» Die Selbsttest­s könnten das nicht gewährleis­ten.

Doch auch Geimpfte und Genesene seien nicht zu 100 Prozent

geschützt. «Covid-19-genesene sind für mindestens sechs Monate zu circa 80 Prozent vor einer erneuten Infektion geschützt», weiss Karrer. «Mit einer einmaligen Impfung kann dieser Schutz auf 90 bis 95 Prozent erhöht und auf unbestimmt­e Zeit verlängert werden.» Die Immunität dieser Personen sei vergleichb­ar mit derjenigen jener, die zweimal geimpft worden seien. Laut Karrer haben aber auch andere Covid-massnahmen noch nicht ausgedient.

Händehygie­ne und Masken – wie lange noch?

Die Händehygie­ne beispielsw­eise habe weiterhin ihren Stellenwer­t. «Und ist umso wichtiger, wenn Zugangsbes­chränkunge­n gelockert und viele Gegenständ­e von vielen Menschen in kurzer Abfolge berührt werden.»

Die Frage, ob wir die Schutzmask­en auch noch im Herbst oder gar bis Weihnachte­n tragen müssten, sei derzeit nicht beantwortb­ar, sagt Karrer. Denn: «Es ist noch nicht gewiss, dass im Herbst/winter Kinder und Jugendlich­e durch die Impfung geschützt sein werden.» Deshalb solle bis auf weiteres in allen öffentlich zugänglich­en Innenräume­n die Maskenpfli­cht beibehalte­n werden. «Das gilt insbesonde­re für den öffentlich­en Verkehr und die Lebensmitt­elläden.»

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Chefarzt am Kantonsspi­tal Winterthur
Foto: Keystone In Pandemieze­iten sehnt man sich ganz besonders nach Berührunge­n. Wie viel soziale Nähe ist jetzt tatsächlic­h empfehlens­wert? Chefarzt am Kantonsspi­tal Winterthur

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