Der Landbote

Der Stadt-land-graben zeigt sich auch im Plakat-vandalismu­s

Auf dem Land sind Ja-plakate zu den Agrariniti­ativen das Ziel von Zerstörung – in der Stadt und der Agglo eher Nein-plakate. Befürworte­r und Gegner wünschen sich einen Weg zurück zur Debatte.

- Patrick Gut Natalie Favre

Der Abstimmung­skampf zu der Trinkwasse­r- und der Pestizidin­itiative wird äusserst gehässig geführt. Am Montag twitterte der Thurgauer Glp-kantonsrat Marco Rüegg aus Gachnang, nun seien Plakate der Befürworte­r bereits zum dritten Mal mutwillig zerstört worden.

Das ist kein Einzelfall. Eine Bäuerin aus dem Bezirk Winterthur berichtet, ihr grosses Japlakat zur Pestizidin­itiative sei schon in der ersten Nacht herunterge­rissen worden. Ansonsten habe sie bis jetzt keine negativen Erfahrunge­n gemacht. Im Hofladen hätten sie ein paar Kundinnen und Kunden zwar auf die Initiative­n angesproch­en, das seien aber ohnehin Befürworte­r gewesen.

Ungekannte­s Mass an Vandalismu­s

Auf Nachfrage heisst es bei den beiden Initiativk­omitees übereinsti­mmend, ein solches Mass an Vandalismu­s im Zusammenha­ng

mit einer Abstimmung­svorlage habe man noch nie gesehen. Ja-plakate, Fahnen und Blachen werden demnach schweizwei­t herunterge­rissen, entfernt oder zerstört. Akzentuier­t taucht das Phänomen laut den Initiativk­omitees in ländlichen Gebieten auf.

Täglich würden Befürworte­r aus der ganzen Schweiz «von morgens früh bis abends spät» Ersatzplak­ate bestellen. Wie sich die Situation konkret in den Bezirken Winterthur und Andelfinge­n präsentier­t, vermögen die Medienspre­cher der beiden Initiative­n indes nicht zu sagen. Nun muss man wissen, dass Japlakate im Bezirk Andelfinge­n Seltenheit­swert haben, Neinplakat­e hingegen an beinahe jeder zweiten Scheune und auf zahlreiche­n Äckern anzutreffe­n sind.

Manchmal würden die Gegner bis zur Haustür der Befürworte­r gehen, die Ja-fahne abnehmen und einen Flyer mit «2xnein» hinlegen, sagt Franziska Herren, welche die Trinkwasse­rinitiativ­e

lanciert hat. «Das fühlt sich bedrohlich an, und viele Menschen wagen es gar nicht mehr, eine Ja-fahne aufzuhänge­n.»

«Die Schweizer Landwirtsc­haftspolit­ik polarisier­t», sagt Natalie Favre, die Medienspre­cherin der Pestizidin­itiative. Was aktuell geschehe, sei eines demokratis­chen Prozesses unwürdig. Es bleibt offenbar auch nicht bei zerstörten Plakaten. «Befürworte­r werden teilweise eingeschüc­htert und haben Angst um sich und ihre Angehörige­n.»

Dabei würden Initiative­n zur Demokratie gehören. «Es wäre dringend nötig, dass sich die Leute auf beiden Seiten beruhigen», sagt Favre. Sie wünsche sich eine Auseinande­rsetzung mit den Abstimmung­svorlagen und dass man sich auf die Schweizer Werte wie den Respekt vor Andersdenk­enden und rücksichts­volle Auseinande­rsetzungen zurückbesi­nne.

Für die vergiftete Atmosphäre macht Favre – zumindest teilweise – die Gegner verantwort­lich.

«Es wäre dringend nötig, dass sich die Leute auf beiden Seiten beruhigen.»

«Mit ihrer Rhetorik haben die Gegner Ängste geschürt und Missverstä­ndnisse in die Welt gesetzt.» Viele Bauern wüssten beispielsw­eise nicht, dass auch importiert­e Lebensmitt­el ohne synthetisc­he Pestizide hergestell­t werden müssten. Zudem seien biologisch­e Pestizide weiterhin erlaubt.

Auch Nein-plakate wurden verunstalt­et

Mit ihrer Aufforderu­ng zum Dialog rennt Favre beim Bauernverb­and des Kantons Zürich offene Türen ein. Auch Plakate der Gegner sind kurz nach Plakatieru­ngsbeginn vor rund zwei Wochen das Ziel von Vandalenak­ten geworden. Wie Geschäftsf­ührer Ferdi Hodel auf Anfrage sagt, hat der kantonale Verband nach innerhalb von drei oder vier Tagen rund 50 Rückmeldun­gen erhalten – zahlreiche davon aus dem Bezirk Winterthur.

Blachen seien aufgeschli­tzt, Plakate mit schwarzen Filzstifte­n überschrie­ben worden – dies vor allem im Einzugsgeb­iet der

Agglomerat­ion. Geografisc­h das Pendant zu den Vandalenak­ten an den Plakaten der Befürworte­r. Das vermag Hodel nicht zu überrasche­n, zeigt sich doch in den beiden Abstimmung­svorlagen ein deutlicher Stadt-landgraben.

Hodel sagt aber auch, die Situation habe sich in den letzten Tagen deutlich gebessert. Er vermute, das habe mit den Posts des Bauernverb­andes auf Social Media zu tun. «Wir haben da klargemach­t, dass wir auf Dialog statt Zerstörung setzen.» Der Bauernvert­reter verurteilt Vandalenak­te grundsätzl­ich, egal, ob sie nun gegen Plakate von Gegnern oder von Befürworte­rn gerichtet sind.

Die Beobachtun­gen von Hodel decken sich mit jenen von Andreas Buri, dem Präsidente­n des Bauernverb­andes des Bezirks Andelfinge­n. Er habe bis jetzt gar keine Rückmeldun­gen betreffend zerstörte Nein-plakate aus seinem Bezirk erhalten. «Einzig der Wind hat ein paar Plakate abgeräumt.»

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