Der Landbote

«Kja» macht der geflügelte Gast, der bleiben will

Die Turmdohle hats nicht leicht. Wohnraum geht ihr ebenso verloren wie Nahrung. In Truttikon haben sich die Vögel angesiedel­t – wirds wieder kälter, fliegen die Tiere über Nacht nach Winterthur.

- Eva Wanner

«Kja, kja» klingt es, gefolgt von einem lang gezogenen «kjaar». Das Geräusch ist selten zu hören – weil der Vogel, der es von sich gibt, auf der Roten Liste der gefährdete­n Arten steht.

Verena Siegwart ist mit dem Geräusch vertraut. Seit mehreren Jahren versuchen Turmdohlen am Haus, in dem die Truttiker Gemeindesc­hreiberin lebt, ein Nest zu bauen. «Sie flogen jeweils in den Giebel, aber das Material kam immer wieder runter. Im letzten Jahr sogar das ganze Nest, inklusive Eier.» Das konnte sie nicht mehr mit ansehen. «Ich mag Tiere und freue mich ob jeder Blindschle­iche», sagt Siegwart. Sie bat Gemeindera­t und Holzbauer Ueli Ryter um Hilfe, der kürzlich zwei Nistboxen für die Vögel am Haus montierte.

Gekommen, um zu bleiben

Noch haben die Vögel ihre neuen Behausunge­n nicht bezogen. «Die Besiedelun­g von Nisthilfen dauert bei vielen Vogelarten eine Weile», sagt Livia May vom Naturschut­zverein Andelfinge­n. «Die Vögel müssen das Angebot entdecken und es auch noch für geeignet halten.»

Es sei möglich, dass die Turmdohlen von Andelfinge­n nach Truttikon übergesied­elt sind. Im Kirchturm des Bezirkshau­ptorts nisten jeweils 25 bis 30 Brutpaare – und das seit vielen Jahren. «In den 1950er/60er-jahren hat ein Lehrer dort Nistkästen aufgehängt», sagt May. Die Dohle sei standorttr­eu, der Nistplatz inklusive Futterange­bot in den nahen Rebbergen, Wiesen und Weiden ideal.

Und doch könnten die Rabenvögel weitergezo­gen sein. «Einjährige Vögel, die keinen Platz mehr haben im Kirchturm, suchen nach geeigneten Nistmöglic­hkeiten in der Region.» Und dort blieben sie auch, ergänzt May. Im ersten Winter mögen sie noch in den Mittelmeer­raum fliegen, danach kaum mehr. «Auch im Winter werden die Nester angeflogen und verteidigt.»

Grundsätzl­ich brauchten Dohlen zwei Dinge, um sich wohlzufühl­en: eine Nistgelege­nheit und Futter in erreichbar­er Distanz. Ein Mangel an beidem hat zwischen 1970 und 1990 dazu geführt, dass die Bestände stark zurückgega­ngen sind. Das Verschlies­sen von Gebäudenis­chen sei ebenso problemati­sch wie die Intensivie­rung der Landwirtsc­haft, die das Angebot an grossen

Zum Schlafen nach Winterthur

In der kälteren Jahreszeit sei ein spannendes Phänomen zu beobachten. «Etwa ab Oktober fliegt die Kolonie vom Andelfinge­r Kirchturm jeweils in der Dämmerung nach Winterthur.» Dort treffen sie sich mit anderen sogenannte­n Corviden-schwärmen, mit Saat- und Rabenkrähe­n, etwa im Stadtpark oder beim Bezirksgeb­äude. Gemeinsam übernachte­n die Vögel dann auf «Schlafbäum­en». «Grund dafür könnte die höhere Temperatur in der Stadt sein.»

Und was soll man tun, wenn man wie Verena Siegwart bemerkt, dass sich Turmdohlen am Haus ein Nest bauen wollen? «Nisthilfen aufhängen und für vielfältig­es Grün mit Insektenan­gebot in der Umgebung sorgen», sagt Livia May. Und Rey ergänzt, man solle sich über den Besuch freuen. «Das Verhalten dieses kleinen und kecken Rabenvogel­s ermöglicht spannende Begegnunge­n.» Auch für die Ohren, wie das «Kja kja».

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Foto: Livia May Die Dohle gehört zur Familie der Rabenvögel.
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Foto: Madeleine Schoder In Truttikon wurden Nistboxen montiert.

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