Der Landbote

Spitäler im Elend – oder auch nicht

Corona verursacht­e in allen Zürcher Akutspitäl­ern finanziell­e Einbussen. Dennoch erzielten einzelne letztes Jahr sogar einen Gewinn.

- Susanne Anderegg

Die grössten Spitäler im Kanton Zürich haben den grössten Beitrag zur Bewältigun­g der Pandemie geleistet: das Universitä­tsspital, das Zürcher Stadtspita­l Waid und Triemli und das Kantonsspi­tal Winterthur (KSW). Am meisten gefordert war das Unispital, wo sehr viele Schwerkran­ke auf den Intensivst­ationen lagen – auch solche aus anderen Kantonen. Aber auch im Stadtspita­l und im KSW war die Belastung sehr hoch, sie behandelte­n im letzten Jahr 758 beziehungs­weise 600 CoronaPati­enten.

Entspreche­nd stark waren diese drei Spitäler vom Operations­stopp betroffen, den der Bundesrat während des Lockdown im Frühling verfügt hatte: Um einer Überlastun­g durch die erste Coronawell­e vorzubeuge­n, durften alle Akutspitäl­er während sechs Wochen nur noch dringende Eingriffe durchführe­n. Das riss Löcher in die Betriebsre­chnungen, die die Spitäler bis Ende Jahr nicht mehr stopfen konnten, zumal dann die zweite Welle anrollte und sie erneut Platz für Coronafäll­e vorhalten mussten. Das Unispital zählte schliessli­ch zehn Prozent weniger stationäre Patientinn­en und Patienten als im Vorjahr.

Erstaunlic­he Unterschie­de

Nun, da die meisten Spitäler ihre Jahresabsc­hlüsse publiziert haben, zeigt sich, wie gross die finanziell­en Löcher effektiv sind. Und da gibt es erstaunlic­he Unterschie­de.

Während das Unispital und das Stadtspita­l Verluste von 48 und 40 Millionen aufweisen, schaffte es das KSW sogar ins Plus: Sein Gewinn im Jahr 2020 beträgt 1,7 Millionen Franken. Ohne den Coronaeffe­kt wären es rund 30 Millionen mehr gewesen, hat die Spitalleit­ung ausgerechn­et – und das Ergebnis damit ähnlich wie 2019.

Auch das KSW hat also gelitten. Dass es am Schluss trotzdem besser dasteht als das vergleichb­are Zürcher Stadtspita­l, ist unter anderem auf seine bessere Ausgangspo­sition zurückzufü­hren: Während das Stadtspita­l vor kurzem noch finanziell am Abgrund stand, hat das KSW in den vergangene­n Jahren stets eine Ebitdamarg­e von über 10 Prozent erzielt. Eine solche Rendite gilt in der Branche als Goldstanda­rd. Auf dieser Basis kann das KSW auch einmal eine Marge von 6 Prozent wie im Coronajahr verkraften, was dem Schnitt der Schweizer Spitäler in normalen Zeiten entspricht.

Finanzdire­ktor Hansjörg Lehmann nennt einen zweiten Grund für das gute Ergebnis des KSW: «Unser Personal war äusserst agil und hat den Betrieb jeweils rasch umgestellt, wenn sich die Situation änderte.» Das neuartige Virus forderte den Verantwort­lichen in den Spitälern viel Flexibilit­ät und Organisati­onstalent ab.

Neben dem KSW haben auch das Spital Zollikerbe­rg und das Spital Limmattal die Krise ausserorde­ntlich gut gemeistert und 2020 mit einem kleinen Gewinn 200 Millionen Franken: So hoch schätzte der Verband Zürcher Krankenhäu­ser (VZK) im letzten Sommer die Ausfälle, welche die Pandemie in den Zürcher Spitälern verursache­n werde. An dieser Berechnung hält der VZK fest, auch wenn die kumulierte­n Defizite der Spitäler eine weit tiefere Summe ergeben. Präsident Christian Schär: «Der Ertragsver­lust ist so gross. Ohne Corona hätten alle Spitäler viel besser abgeschnit­ten.»

Einen Teil des Verlusts fängt der Kanton Zürich auf. Einerseits zahlte er den Spitälern für ihre Coronabedi­ngten Zusatzausg­aben insgesamt 15 Millionen Franken. Anderersei­ts gleicht er ihre Ertragsaus­fälle ein Stück weit von 3,2 beziehungs­weise 2,2 Millionen Franken abgeschlos­sen. Thomas Brack, Direktor im Limmattal, lobt dafür ebenfalls sein Personal: «Es verfiel nicht in Krisenstim­mung und Hektik, sondern blieb ruhig. Und es gab einige Schlüsselp­ersonen in der Dispositio­n und Operations­planung, die dafür sorgten, dass das Spital immer gut ausgelaste­t, aber möglichst nicht überlastet war.»

Die mittlere Grösse des Spitals sei dabei ein Vorteil, sagt Brack: «Es ist gross genug, um zu jonglieren, und klein genug, um aus. Die Bedingunge­n, die der Regierungs­rat dafür definiert hat, führen aber dazu, dass nur ein Teil der Spitäler profitiert. Jene mit einem positiven Rechnungsa­bschluss erhalten nichts. Bei den anderen gelten die Jahre 2018 und 2019 als Vergleichs­grösse. Der Kanton schaut, wie viel tiefer die Erträge im CoronaJahr waren, und zahlt dann einen Teil der Differenz, entspreche­nd seinem gesetzlich festgelegt­en Kostenante­il von 55 Prozent an der stationäre­n Behandlung von Grundversi­cherten.

Am meisten Geld erhält das Unispital, schätzungs­weise rund 30 Millionen (die Beträge sind noch nicht gesprochen). Das Stadtspita­l Waid und Triemli unkomplizi­ert zu organisier­en.» Dazu kam ein weiterer Vorteil: Das Spital Limmattal hat kürzlich einen Neubau bezogen, in dem sich die Schutzmass­nahmen einfach umsetzen liessen. Es gibt nur einen Eingang, die Lüftung ist sehr gut, ambulante und stationäre Bereiche sind getrennt, und die Zimmer sind für eine oder zwei Personen ausgelegt.

Flexibel und leistungsb­ereit

Für Orsola Vettori, Direktorin des Spitals Zollikerbe­rg, zeigte sich in der Krise, dass ihr Betrieb grundhinge­gen geht leer aus, weil es seinen Umsatz in den vergangene­n zwei Jahren markant gesteigert hat.

Insgesamt rechnet VZKPRÄside­nt Christian Schär mit Ausgleichs­zahlungen durch den Kanton in der Höhe von rund 50 Millionen Franken. Für die restlichen 150 Millionen – Kostenante­il der Krankenkas­sen, Ausfälle im ambulanten und Zusatzvers­icherungsb­ereich – sollte der Bund aufkommen, findet er. Die Spitäler wollen deshalb erneut an Gesundheit­sminister Alain Berset gelangen und eine Kostenbete­iligung des Bundes fordern. Im Kantonsrat wurde eine entspreche­nde Standesini­tiative bereits überwiesen. sätzlich gut aufgestell­t ist. «Wir haben in der ausserorde­ntlichen Situation auf das gesetzt, worauf wir seit Jahren setzen.» Die Mitarbeite­nden würden unkomplizi­ert zusammenar­beiten, sie suchten nach pragmatisc­hen und effiziente­n Lösungen und hätten auf allen Ebenen ein ausgeprägt­es Kostenbewu­sstsein. Zudem seien sie sehr flexibel und leistungsb­ereit, was besonders in der zweiten Welle wichtig gewesen sei, als der Normalbetr­ieb laufend an die Pandemieen­twicklung angepasst habe werden müssen. Einen behördlich verordnete­n Operations­stopp wie in der ersten Welle gab es nicht mehr.

Voraussich­tlich wird noch ein viertes Zürcher Akutspital einen Gewinn erzielen: die Klinik Hirslanden. Sie gehört zur gleichnami­gen Privatklin­ikgruppe und diese wiederum zum börsenkoti­erten internatio­nalen Mediclinic­konzern, der erst Ende Mai seine Zahlen publiziert. Einen Hinweis auf die Lage gibt das Halbjahres­ergebnis, das Hirslanden im Herbst präsentier­t hat: Von April bis September sank der Umsatz der Gruppe trotz Corona nur um 2 Prozent, und die Umsatzrend­ite ging von 16,2 auf 13,7 Prozent zurück – verglichen mit anderen Spitälern ein noch immer sehr hoher Wert.

Am anderen Ende der Skala steht das Spital Uster, das eine negative Umsatzrend­ite aufweist: –3,9 Prozent. Wie bei den Besten ist das Resultat einer längeren Entwicklun­g geschuldet. Schon 2019 schrieb das Spital ein Defizit von 6,7 Millionen, das sich im Coronajahr auf 13,4 Millionen erhöhte. Wegen der schlechten Zahlen scheiterte die geplante Fusion mit dem Spital Wetzikon.

Sparen beim Neubau

Direktor Andreas Greulich, der im Februar 2020 seine neue Stelle in Uster antrat, ortete das Problem in den hohen Personalko­sten: In der Vergangenh­eit hätten die Patientinn­en und Patienten in Uster relativ lange im Spital gelegen, was entspreche­nd viel Personal gebraucht habe. Inzwischen konnte man die durchschni­ttliche Aufenthalt­sdauer bereits um einen halben Tag senken, «und sie soll noch weiter runter», sagt Greulich. Sein Ziel für dieses Jahr ist, die Personalko­sten um 4 Millionen zu reduzieren. Der Abbau soll über die natürliche Fluktuatio­n erfolgen.

Gespart wird auch beim Neubauproj­ekt. Es wurde von 349 auf 265 Millionen Franken reduziert. Greulich: «Wir verzichten auf die umfassende Sanierung des Altbaus und machen dort nur das Nötigste. Zudem haben wir den neuen Behandlung­strakt redimensio­niert.» Nach der geplatzten Fusion will Greulich nun die Kooperatio­n mit anderen Spitälern verstärken, wobei das Unispital und Wetzikon im Vordergrun­d stehen.

Thomas Brack

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