Der Landbote

Ansturm der Schnäppche­njäger

Unverhofft lässt Deutschlan­d wieder Schweizer Einkaufsto­uristen ins Land. Viele nutzten den Brückentag, um sich mit Lebensmitt­eln einzudecke­n – trotz langer Wartezeite­n.

- Fabian Boller

Für alle Einkaufsto­uristinnen und Schnäppche­njäger endete am Freitag eine fast sechsmonat­ige Durststrec­ke. Seit letztem November durfte nur noch nach Deutschlan­d, wer einen «triftigen» Grund hatte. Das Einkaufen zählte nicht dazu. Nachdem seit ein paar Tagen Geimpfte aus der Schweiz wieder shoppen durften, hat die Regierung Baden-württember­gs an Auffahrt die Schleusen nun für alle Einkaufswi­lligen geöffnet – und diese strömten bereits am Brückentag in Scharen herbei.

Auf dem Parkplatz vor dem Lidl in Lottstette­n ennet der Grenze bei Rafz sah es fast so aus, als hätte es nie eine Einreisesp­erre gegeben: Autos mit Schweizer Kennzeiche­n, so weit das Auge reicht, und vor dem Eingang eine lange Schlange. Zusammen mit Dutzenden anderen stand da auch eine dreiköpfig­e Familie aus Niederhasl­i an der prallen Sonne und wartete auf Einlass ins Schnäppche­nparadies.

«Wir stehen bereits seit fünf Minuten hier, und ich rechne noch mit weiteren 15 Minuten», sagt der Vater gelassen. Zu normalen Zeiten kämen er und seine Familie jeweils einmal pro Monat über die Grenze, um einzukaufe­n. Bestimmte Produkte aus Deutschlan­d habe er während der Einreisesp­erre nicht vermisst, die tiefen Preise dafür schon. Und weil Lottstette­n nicht so weit weg sei, lohne sich die Anfahrt allemal.

Gemüse, aber kein Fleisch

«Wir kaufen vor allem Gemüse oder Milch», sagt der Mann. Dem Fleisch traue er bei diesen tiefen Preisen nicht über den Weg. Seine Frau verweist zudem auf das billige Olivenöl und die günstigen Drogeriepr­odukte, die es gleich nebenan bei DM gibt. Allerdings hat sich auch dort vor dem Eingang bereits am Vormittag eine lange Schlange gebildet.

Noch vor drei Wochen sah es hier ganz anders aus. Die Dörfer Lottstette­n und Jestetten waren gespenstis­ch leer. Nur ein paar Einheimisc­he machten ihre Besorgunge­n. Auf dem Parkplatz vor dem Lidl konnte man die Autos an einer Hand abzählen – Autokennze­ichen aus der Schweiz waren keine zu sehen. Wer aus der Schweiz zum Einkaufen gekommen war, musste mit einer Busse rechnen.

Es sei natürlich angenehm, seine Besorgunge­n ohne die vielen Einkaufsto­uristen zu erledigen, sagte eine Passantin damals. «Sonst musste ich samstags mindestens zwei Stunden einplanen.» Für das Gewerbe sei es aber sehr schade. «Ohne die Schweizer hätten wir hier in der Gegend auch keinen Lidl oder Aldi.» An die langen Wartezeite­n am Samstag wird sie sich erst wieder gewöhnen müssen.

Im Dorfkern von Jestetten kam der Verkehr bereits gestern fast zum Erliegen. Die Kolonne zog sich durchs ganze Dorf. Vor den unzähligen Paketstati­onen bildeten sich Schlangen bis auf das Trottoir. Zu diesen Anbietern können sich Schweizeri­nnen und Schweizer Pakete liefern lassen und so hohe Versandkos­ten und Zollabgabe­n umgehen. «Ich stehe hier nun schon seit 17 Minuten», sagt ein Mann, der auf dem Trottoir auf sein Paket wartet. Er habe sich neues Zubehör für seine Stereoanla­ge bestellt. «So etwas bekomme ich in der Schweiz gar nicht, es handelt sich um eine Einzelanfe­rtigung», erklärt er.

Weitere Lockerung möglich

Gleich nebenan freut sich das Personal der Modeboutiq­ue Street One Cecil darüber, endlich wieder Kundinnen und Kunden aus der Schweiz begrüssen zu dürfen. Eigentlich sind in Baden-württember­g derzeit nur die Geschäfte des täglichen Bedarfs geöffnet. Weil der Kleiderlad­en aber auch Lebensmitt­el verkauft, darf er der Kundschaft einen Teil seines Modeangebo­ts

zugänglich machen.

«Es wurde auch langsam Zeit, dass die Grenzen wieder geöffnet werden», sagt Geschäftsf­ührerin Gianna Mundl. «Wir bestellen alle unsere Kleider drei Monate im Voraus. Die Rechnungen müssen wir auch dann bezahlen, wenn wir die Ware nicht absetzen können», sagt sie. Die finanziell­e Hilfe von der Bundesregi­erung lasse leider auf sich warten.

Ihr zweites Geschäft in Jestetten, das nur Mode im Angebot hat, muss Mundl geschlosse­n halten. Allerdings zeichnet sich eine weitere Lockerung ab: «Wenn sich die Infektions­zahlen weiter verbessern, können vielleicht Mitte nächster Woche alle Läden wieder öffnen», freut sie sich.

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Foto: Sabina Bobst Vor dem Lidl in Lottstette­n beladen zwei Einkaufsto­uristinnen aus der Schweiz den Kofferraum ihres Autos.

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