Der Landbote

Warum Bidens Regierung die Corona-vorsicht ablegt

Wer geimpft ist, muss in den USA auch drinnen keine Maske mehr tragen. Das sorgt für Euphorie – aber auch für Kritik.

- Alan Cassidy, Washington

Es war eine Nachricht, die alle überrascht­e, besonders von dieser Regierung, die bei Corona stets zur Übervorsic­ht neigte. Am Donnerstag trat Joe Biden aus dem Weissen Haus und stellte sich im Rosengarte­n hinter ein eilends aufgebaute­s Podium. Die schwarze Maske, die er sonst immer dabeihatte, fehlte. Der Präsident blinzelte in die Frühlingss­onne und gab bekannt: Die Maskenpfli­cht ist für Geimpfte nicht mehr nötig.

Genau genommen las Biden bloss die neuesten Empfehlung­en der Seuchensch­utzbehörde CDC vor: Wer vollständi­g geimpft ist, braucht in den USA keinen Gesichtssc­hutz mehr zu tragen, auch nicht drinnen, auch nicht in Restaurant­s, Bars oder Kinos, die vielerorts schon wieder offen sind. Lediglich im öffentlich­en Verkehr sowie in Arztpraxen und Spitälern soll die Pflicht nach wie vor gelten.

Doch natürlich wusste der Präsident um die Symbolik dieser Ankündigun­g, die er einen «Meilenstei­n» nannte. «Heute ist ein grosser Tag für Amerika», sagte Biden. «Auf uns warten jetzt bessere Zeiten, ich verspreche es Ihnen.»

Heftige Kulturkämp­fe

In den Medien wurde die Ankündigun­g aus dem Weissen Haus gefeiert. Linke wie rechte Kommentato­ren sprachen von einer «Befreiung». Bei CNN erklärte eine Moderatori­n mit Tränen in den Augen und zittriger Stimme: «Es fühlt sich ein bisschen an, als wäre es vorbei.»

Und selbst im Kongress, wo sich die Abgeordnet­en auch noch über die Stärke des Kaffees in der Kantine erbittert streiten können, gab es für einmal so etwas wie Einigkeit: Sowohl bei Demokraten wie Republikan­ern kamen die Masken vom Gesicht. Man beobachte gerade «die erste überpartei­liche Aktivität» der Biden-zeit, witzelte die «New York Times».

Sind diese Reaktionen übertriebe­n? Vielleicht. In einigen Bundesstaa­ten, in denen die Republikan­er regieren, ist die Maskenpfli­cht schon länger für alle aufgehoben, in Texas und Florida zum Beispiel. Es ist dort mancherort­s auch schon wieder normal, dass die Menschen in vollen Kirchen singen und sich per Handschlag begrüssen.

Doch im Grossteil des Landes bestand die Maskenpfli­cht eben auch für Geimpfte sehr wohl und wurde befolgt, trotz oder wegen der heftigen Kulturkämp­fe, die das Maskentrag­en seit Beginn der Pandemie begleiten.

Rochelle Walensky, die Direktorin der CDC, nannte für die Lockerung der Vorschrift­en drei Gründe. Da sei zuerst die Entwicklun­g der Fallzahlen: In den vergangene­n zwei Wochen gingen die Neuansteck­ungen um ein Drittel zurück. Der Sieben-tageschnit­t ist auf 35’000 Fälle gesunken, was dem tiefsten Stand entspricht, seit überall breit auf Corona getestet wird. Der nationale R-wert, der die Verbreitun­g des Virus misst, lag nach Schätzunge­n zuletzt bei 0,87.

Walensky betonte zudem die hohe Verfügbark­eit von Impfstoffe­n. Faktisch können schon seit Wochen alle Amerikaner, die das wollen, sofort eine Impfung erhalten – und vielerorts können sie dabei zwischen den drei Vakzinen von Pfizer, Moderna und Johnson & Johnson auswählen. 267 Millionen Impfdosen wurden bereits verabreich­t. 47 Prozent der Amerikaner haben eine erste Dosis erhalten, 37 Prozent sind vollständi­g geimpft.

Und dann verwies Walensky auch noch auf eine «Bündelung» von wissenscha­ftlichen Erkenntnis­sen aus der letzten Zeit, die klarmachte­n, dass vollständi­g Geimpfte fast kein Risiko hätten, ernsthaft an Corona zu erkranken – und nur ein sehr geringes Risiko, das Virus an ungeimpfte Personen zu übertragen.

Strenge Regeln für Kinder

All dies entspricht einer abrupten Kehrtwende für die von Biden eingesetzt­e Walensky und die Behörde, die sie leitet. Erst vor sechs Wochen hatte die Cdcdirekto­rin in einem emotionale­n Auftritt vor einer vierten Welle und einem «bevorstehe­nden Untergang» gewarnt. Erst vor zwei Wochen hob die CDC die Empfehlung zur Maskenpfli­cht für Geimpfte im Freien auf.

Und nach wie vor besteht die CDC auf strengen Vorsichtsm­assnahmen für Kinder und Jugendlich­e. Zuletzt stieg jedoch der politische Druck auf die Behörde, die Regeln für Geimpfte zu lockern. In der Fachwelt fielen die Reaktionen auf die Entscheidu­ng gemischt aus.

Es sei richtig, die Empfehlung­en für Geimpfte zu lockern, aber nicht so plötzlich und ohne Kontrollen. «Wir fallen von einem Extrem ins andere», schrieb Leana Wen, Ärztin und frühere Gesundheit­sbeauftrag­te der Stadt Baltimore, in der «Washington Post».

Die Sorge von Experten geht dahin, dass eine Herdenimmu­nität selbst angesichts des rasanten Impftempos noch weit entfernt ist – und dass es keine Kontrollen darüber gibt, wer geimpft ist und wer nicht.

Das Ende der Maskenpfli­cht soll auch dazu führen, die beträchtli­che Zahl von Impfskepti­kern in den USA zu überzeugen.

Belohnung für Geimpfte

Anders als in Europa gibt es in den USA auch keine ernsthafte­n Pläne für einen Impfpass. Die Empfehlung der CDC, die Pflicht für Geimpfte aufzuheben, ist nur das: eine Empfehlung. Mindestens sieben Bundesstaa­ten hoben die Maskenpfli­cht allerdings bereits am Donnerstag auf. Andere wollen sich erst noch Zeit lassen, dürften aber folgen.

Das Ende der Maskenpfli­cht soll auch dazu führen, die beträchtli­che Zahl von Impfskepti­kern zu überzeugen. Sie werden schon so heftig umworben: In Washington gibt es nach der Impfung ein Freibier. In New York wirbt Bürgermeis­ter Bill de Blasio in einem etwas peinlichen Video für die kostenlose­n Burger und Pommes Frittes einer Fastfood-kette. In West Virginia erhalten jüngere Geimpfte 100 Dollar. Und in Ohio verteilt der Gouverneur sogar jede Woche eine Million Dollar an einen Geimpften – per Lottoziehu­ng.

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Foto: Brendan Smialowski (AFP) «Auf uns warten jetzt bessere Zeiten, ich verspreche es Ihnen»: Präsident Joe Biden, ab sofort ohne Maske.

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