Der Landbote

Einfach grusig oder täusche ich mich?

Sehr gross ist der Erfolg der Ausstellun­g, die gerade in Zürich gastiert. Unser Autor versucht, zu verstehen.

- Linus Schöpfer

Wer durch die neue «Körperwelt­en»ausstellun­g geht, stoppt irgendwann vor einer toten Schwangere­n, sieht in ihren aufgeschli­tzten Bauch hinein, sieht das tote Kind darin.

Fünfter Monat.

Das fühlt sich falsch an für mich.

Aber ich verstehe sie auch nicht, die Ausstellun­g «Körperwelt­en» – weder ihren Sinn noch den riesigen Erfolg. 50 Millionen Menschen sollen sie bisher gesehen haben. Damit sei «Körperwelt­en» die erfolgreic­hste Ausstellun­g der Gegenwart, sagt Angelina Whalley. Für die Zürcher Vernissage ist sie angereist, die Kuratorin, Ärztin und Frau des Gunther von Hagens.

Der Anatom mit dem Hut hatte Mitte der 90erjahre die ersten «Körperwelt­en» gezeigt und wurde weltberühm­t damit. Von Hagens erkrankte dann an Parkinson, zwei ins Hirn gepflanzte Elektroden erlaubten ihm noch ein rudimentär­es Sprechen.

Die Kuratorin

Whalley übernahm die Leitung. «Körperwelt­en» fördere die allgemeine Aufklärung, meint sie. Echte Leichen seien sonst Studenten vorbehalte­n, hier stünden sie allen zur Betrachtun­g offen. «Wir präpariere­n das kleinste Detail möglichst exakt.»

Über die Anatomiele­ktionen hinaus hat die Ausstellun­g für Whalley auch eine spirituell­e Qualität: Sie sei eine Einladung zur Selbsterke­nntnis. «Alles ist Körper», sagt Whalley. «Auch unsere Gefühle und unsere Gedanken entstehen in unserem Körper. Er ist das Wertvollst­e, was wir haben.» Die Kuratorin spricht leise, ihre Stimme hat den einlullend­en Sound einer Yogalehrer­in.

Angelina Whalley stellt Leichen nicht bloss aus, sie inszeniert sie. Die Ästhetik sei immer wichtiger geworden. In einer frühen Ausstellun­g in Japan hätten Besucher die starre, unvorteilh­afte Haltung der Toten bemängelt.

Die Ärztin arrangiert die Leichen seither in Situatione­n, die eigentlich lebendigen Menschen vorbehalte­n sind. Die Ausstellun­g solle nicht wie eine Horrorshow wirken, sagt sie und steht dabei neben zwei Leichen, die miteinande­r kopulieren.

Ob sie und ihr Mann sich dereinst plastinier­en und für Ausstellun­gen benutzen lassen werden, frage ich. «Selbstvers­tändlich», sagt sie. In jeder denkbaren Pose? «Das spielt keine Rolle.»

Allgegenwä­rtig sind in der Ausstellun­g die toten Körper, aber auch ein diffuser Kulturpess­imismus. Ein Zeichentri­ckfilm erklärt beim Eingang, dass die Technik uns Freizeit verschaffe, mit der wir nichts anfangen könnten. Und dass wir in ungesund rasanten Zeiten lebten, sich unser Körper jedoch nicht beliebig beschleuni­gen lasse.

Nahegelegt wird dem Besucher eine Besinnung auf die Bedürfniss­e des Körpers, eine Absage ans Tempo der Moderne. «Am Puls der Zeit» lautet der Untertitel der Ausstellun­g, die sich stärker als frühere «Körperwelt­en» mit gesundheit­lichen Gefahren beschäftig­t.

Die Besucher laufen den abgedunkel­ten Gang entlang. Videos werden eingeblend­et, etwa zur toten Schwangere­n: Eine Hand formt sich zur Schale und reckt sich einem Lichtstrah­l entgegen. Newagesoun­d rieselt durch die Halle 622 in Oerlikon, eine gedämpfte Wohlfühlat­mosphäre umgibt die geschälten Toten.

Ich starre zum Präparat, das Präparat starrt zurück. Sanft schwellend­e Streicher, klimpernde Windspiele. An den Wänden hängen Kalendersp­rüche: «Was nicht aus dem Herzen kommt, wird ein anderes Herz nicht erreichen.» Ich aber sehe bloss: Leichen.

Der Philosoph

Angelina Whalley verfügt über einen eigenen Haus respektive Ausstellun­gsphilosop­hen: Franz Josef Wetz, seines Zeichens Professor an der mittelberü­hmten Hochschule von Schwäbisch Gmünd. Ob er mir die Faszinatio­n erklären kann?

Wetz’ Spezialgeb­iet scheint das beredte Abwiegeln zu sein. Gross gewachsen, im schwarzen Jackett und bei bester Laune relativier­t er die Kritik an «Körperwelt­en». Vor allem in Deutschlan­d werde die Ausstellun­g ja kritisiert, stellt der Philosoph fest, um dann Voltaire zu zitieren: «Am Grunde eines Problems sitzt immer ein Deutscher.» Gelächter in der weiten Halle. Ist ja auch ein hübsches Zitat.

Wer «Körperwelt­en» Pietätlosi­gkeit vorwirft, den weist Wetz darauf hin, dass hier niemand gegen seinen Willen ausgestell­t werde. Und dass das Ambiente ein geschmackv­olles sei.

Insgesamt nehme die Kritik an «Körperwelt­en» ab, stellt Wetz fest. Ihr «Skandalwer­t» sei so gut wie verschwund­en. Die Ausstellun­g, erklärt der Philosoph, zelebriere das Leben vor dem Hintergrun­d des Todes. Und er frage sich, was würdiger sei: eine Leiche zu vergraben oder sie als Präparat auszustell­en?

Na ja, denke ich. Wer von den Würmern gefressen wurde, kann später immerhin nicht als bumsende Leiche präsentier­t werden. Oder ist das jetzt zu katholisch gedacht? Aber da geht Franz Josef Wetz auch schon ab, Applaus in der Halle.

In deren Mitte steht die besonders spektakulä­re Fleischsku­lptur «Scheuendes Pferd mit Reiter», die von Hagens’ Kunstwille bezeugt. Eine Leiche sitzt auf einem Pferdepräp­arat und hält Hamletmäss­ig ein – ihr eigenes? – Hirn in die Höhe.

Der Spender

Seit 2006 lassen sich Whalley und von Hagens die Leichen an die deutschpol­nische Grenze liefern. Im Städtchen Guben steht ihr Hauptquart­ier, das Plastinari­um. Dort werden die Körper für Ausstellun­gen wie jene in Zürich präpariert, aber auch für den Unterricht an Universitä­ten.

Die Leichen stammen von sogenannte­n Körperspen­dern, aktuell haben sich 48 Schweizeri­nnen und 44 Schweizer registrier­t. Einer von ihnen ist an der Vernissage anwesend, nennen wir ihn Markus.

Markus ist ein Ivrentner, der früher als Pfleger gearbeitet hat. 53 Jahre alt, ziemlich beleibt. Er werde auch nach Guben verfrachte­t, wenn er dann mal tot sei, sagt er. Markus erachtet die Spende seines Körpers als Beitrag an die Wissenscha­ft.

Allerdings: Angelina Whalley und ihr Team bevorzugen muskulöse, gut gebaute Menschen, die sie dann in dynamische­n Posen zeigen können. In «Körperwelt­en» werden die Schönheits­ideale der Lebenden ins Reich der Toten übertragen.

«Ein vom Krebs ausgezehrt­er Körper gibt als Ganzkörper­plastinat nicht viel her», sagt Whalley. Zwar gibt es in der Ausstellun­g auch eine Raucherlun­ge oder eine Fettleber zu sehen. Ansonsten dominieren aber Körper, die zu Lebzeiten sexy gewirkt haben dürften.

Markus erkennt dennoch eine Chance für seinen Körper. Von Geburt an stark sehbehinde­rt, sei seine verblieben­e Sehkraft ein medizinisc­hes Rätsel. «Ich müsste längst komplett erblindet sein.» Seine Sehnerven freizulege­n, wäre für Anatomen sicher attraktiv, vermutet Markus.

Neben ihm sitzen drei Leichen beim Pokerspiel. Eine streckt die Zunge heraus.

Die Besucher

Die Zürcher Ausgabe von «Körperwelt­en» dürfte erneut ein grosser Erfolg werden. Am Montagmorg­en standen die Besucher dicht an dicht. Die Show war ausverkauf­t, ebenso die folgenden Tage bis Sonntag. Im Gespräch mit den Besuchern bekomme ich eine Ahnung, was viele Leute hierher zieht. Sie wollen wissen, was den Menschen im Innersten zusammenhä­lt – aber nicht philosophi­sch, sondern ganz konkret.

Da ist der pensionier­te Hotelier, der sich über ein künstliche­s Hüftgelenk beugt und die Funktionsw­eise untersucht. «Körperwelt­en» ist für ihn eine praktische Infoverans­taltung: Vielleicht brauche er das dann auch mal, sagt er. Besser vorher mal inspiziere­n. Oder der stämmige Polizist aus Winterthur, dem der Anblick der blossgeleg­ten Organe in die Knochen gefahren ist.

Tatsächlic­h hat die Ausstellun­g eine beeindruck­ende didaktisch­e Präsenz. Ihre Exponate wirken wie dreidimens­ionale Warnhinwei­se. Nicht nur die zerstörten, sondern auch die intakten: Sie erscheinen unglaublic­h fragil, sehr verletzlic­h.

Auf meinem Rundgang treffe ich auf viel medizinisc­hes Personal. Aus Olten kommt ein Pärchen, beide arbeiten in der Pflege. Eine Masseurin ist aus dem Aargau angereist, ein Rettungssa­nitäter lebt in Zürich. Sie alle kennen sich schon gut aus mit Körpern, wollen es aber genauer wissen.

Für sie ist der Ausflug nach Oerlikon eine kleine Bildungsre­ise. Die ganzen philosophi­schen Hintergrün­de und ästhetisch­en Überlegung­en sind für sie nebensächl­ich. Eine aufrechte Ganzkörper­leiche täte es wohl auch.

Ich habe derweil im blutigen Kabinett der «Körperwelt­en» ein ganz bestimmtes Organ erst so richtig schätzen gelernt: die Haut.

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Foto: Andrea Zahler Pokerrunde mit drei Leichen: Präparate in der Ausstellun­g «Körperwelt­en».

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