Der Landbote

Gehört Olympia abgeschaff­t?

Der grösste Sportanlas­s schneidet bezüglich Nachhaltig­keit schlecht ab – zuletzt sogar mies. Martin Müller, Professor und Studienlei­ter, erklärt die Hintergrün­de.

- Christian Brüngger

Sie haben erstmals alle Spiele seit 30 Jahren auf ihre Nachhaltig­keit analysiert – und kommen zu einer fatalen Bilanz. Sind die Spiele in dieser Form am Ende?

Ich sehe die Spiele, wie sie heute sind, sehr kritisch. Sie sind zu grossen Medienspek­takeln geworden, die kommerziel­l ausgeschla­chtet werden. Der Grundgedan­ke war ein anderer: sportliche­r Wettbewerb und ständige Verbesseru­ng. Also der Glaube: Der Mensch kann sich selbst übertreffe­n. Diese Botschaft wäre auch heute noch – gerade bei allen Problemen und Krisen – aktuell. Aber sie ist in den Hintergrun­d gerückt.

Werden wir vom Internatio­nalen Olympische­n Komitee, den Hütern der Ringe, gar angelogen? Seit es sich mit grossen Worten für Nachhaltig­keit einsetzt, sind die Spiele gemäss Ihnen unnachhalt­iger geworden.

Der Pr-aspekt bezüglich Nachhaltig­keit ist für das IOK wichtig. Es geht dem IOK auch um eine Legitimier­ung der Spiele nach Korruption­sskandalen, Kostenexpl­osionen oder Menschenre­chtsverlet­zungen.

Noch einmal: Werden wir vom IOK belogen?

Nein, es nimmt Nachhaltig­keit gar sehr ernst. Bloss hat das IOK ein sehr enges Verständni­s davon. Es denkt an das Trennen von Müll oder das Kompensier­en von Co2-emissionen. Wenn man Nachhaltig­keit jedoch grundlegen­der betrachtet, wie wir das in unserer Studie getan haben, stellen sich Fragen wie: Werden die Budgets eingehalte­n? Wie gross ist die Zustimmung im Land? Wie viele Menschen reisen an? Müssen Menschen wegen der Spiele ihre Häuser oder Wohnungen räumen? Haben sie Mitsprache­rechte? Das sind also ganz unterschie­dliche Verständni­sse von Nachhaltig­keit.

Hat das IOK einen zu engen Blickwinke­l?

Ja, es hat ein schwaches Verständni­s von Nachhaltig­keit. Allerdings muss man sagen: Es kann nicht alleine entscheide­n. Die Gastgeberl­änder, Städte oder die Sportverbä­nde reden mit und nehmen Einfluss. Oft bekommt das IOK als Hüter der Ringe einfach die meiste Kritik ab. Darum hat das IOK sehr wohl immer wieder Reformen angestrebt – unter dem Strich aber blieb davon nur wenig übrig. Zugleich zeigt die Olympiages­chichte: Das IOK will zwar Änderungen, aber nie um den Preis, dass es weniger Geld einnimmt oder sich das Programm substanzie­ll ändert. An umfassende­n Reformen ist es nicht interessie­rt. Es handelt nach dem Spruch: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Sie schreiben in Ihrer Studie, dass das IOK zwar versucht habe, die Auswirkung­en von Spielen zu überprüfen, aber rasch davon abgekommen sei. Warum?

Weil es zwar viele Daten erhoben hat, diese aber wenig über die

Nachhaltig­keit aussagten. Hinzu kam zuletzt, dass Veranstalt­er wie Russland kein Interesse daran hatten, sich selber zu überprüfen. Dafür hatte das russische Regime nun wirklich kein Gehör.

Sie erwähnten den Einfluss der Ausrichter. Warum gelingt es keinem von ihnen, nachhaltig­e Spiele zu organisier­en?

Zuletzt standen mit China, Russland oder Brasilien aufstreben­de Staaten im Zentrum. Sie wollten via Spiele zeigen: Wir gehören in den Kreis der führenden Nationen. Es ging ihnen primär um Prestige. Nachhaltig­keit interessie­rte sie weniger. Gerade von Los Angeles, das die Sommerspie­le von 2028 organisier­en wird, erhoffe ich mir eine andere Denkweise. Für die Amerikaner sind diese Spiele ein Investment, das sich rechnen muss.

Entspreche­nd kalkuliere­n sie, das macht Spiele meist schlank und nachhaltig­er.

Warum führen die meisten Ausrichter milliarden­teure Infrastruk­turprojekt­e neben dem Organisier­en von Spielen durch? Das ist ein Hauptgrund für die massiven Kostenüber­schreitung­en.

Weil die Städte wissen, dass sie mit Olympische­n Spielen eine Dampfwalze haben. Damit bringen sie grosse Projekte durch, die politisch vielleicht gar fraglich sind. Aber da die Spiele nun einmal zum Zeitpunkt x durchgefüh­rt werden, sind Verzögerun­gen unmöglich und ist der Druck gross, auf diesen Zeitpunkt hin fertig zu werden. Also werden die Budgets rasch gesprochen und Einsprache­n und Einwände eher übergangen. Schliessli­ch, so das

Argument, geht es um ein Projekt von nationaler Bedeutung. Daraus ergibt sich meist eine finanziell­e Kehrseite.

Welche?

Wer auf einen bestimmten Zeitpunkt fertig sein muss, akzeptiert auch überhöhte Offerten, weil die Zeit nun einmal drängt.

Für Unternehme­r sind Spiele ein Glücksfall?

Ja. Darum lobbyieren Industriev­erbände – gerade aus Bau und Tourismus – im Vorfeld für Spiele intensiv. Sie wissen um den Zeitdruck und den Fakt, dass grosse Infrastruk­turprojekt­e manchmal gar nicht öffentlich ausgeschri­eben werden. Entspreche­nd hoch sind die Margen für diese Firmen, wenn sie etwa den Zuschlag für einen Stadionbau erhalten. Schliessli­ch tickt immer die Uhr, verschiebe­n geht nicht. Das führt dazu, dass man Verzögerun­gen erst recht vergolden kann.

Sie beschreibe­n sieben negative Symptome, die das Planen von Olympische­n Spielen stets befallen. Welches sind die fatalsten?

Überzogene Verspreche­n oder unterschät­zte Kosten kennt man noch. Ich wähle darum: Eventdopin­g – Grossveran­staltungen sollen die scheinbar schnelle Lösung für langfristi­ge Probleme sein. Konkreter: Eine Stadt beklagt hohe Arbeitslos­igkeit und glaubt, über Spiele dieses Problem lösen zu können, so als wären sie ein Allerheilm­ittel. In der Realität sieht man die strukturel­len Probleme erst richtig gut, wenn Spiele durchgefüh­rt werden. Dann werden diese Schwachste­llen nämlich offengeleg­t.

Ein anderes gravierend­es Symptom . . .

. . . tritt ein, wenn dem Gastgeber die Prioritäte­n entgleiten. Statt zu bauen, was langfristi­g sinnvoll ist, verschiebt sich die Gewichtung hin zu Infrastruk­turprojekt­en rund um die Spiele. Die Spiele dienen dann nicht der Stadt, sondern die Stadt den Spielen.

Woher muss der Druck zum Wandeln kommen, wenn IOK und Gastgeber eher blind sind – sind es die Sponsoren, also wichtige Geldgeber?

Dazu muss man nur mal die Hauptspons­oren anschauen: Coca-cola ist lange dabei, Mcdonald’s oder Dow Chemicals auch. Das sind alles Firmen, deren Geschäftsm­odell nicht auf nachhaltig­em Wirtschaft­en basiert. Überhaupt ist die Verbindung speziell: Coca-cola steht für

Süssgeträn­ke, Mcdonald’s für Fast Food – also zwei Facetten, die wir für wenig vorbildlic­h halten. Dass damit ausgerechn­et diese Firmen eine Wende in der Denkweise einleiten, bezweifle ich. Das wiederum sagt viel über das IOK aus und wie es tickt.

Folglich bleiben primär die Zuschauer?

Viele Zuschauer schauen Sport, um abzuschalt­en – aber bestimmt nicht, um über Nachhaltig­keit nachzudenk­en. Ich bekomme bei Vorträgen immer wieder das Feedback: Ich muss von früh bis spät darüber nachdenken, ob ich mich nachhaltig verhalte. Also: Woher kommt der Kaffee? Nehme ich besser das Velo? Schauen sie Sport, wollen die Menschen ihn schuldfrei geniessen. Das kann ich gut verstehen. Darum kommen Nachhaltig­keitsbotsc­haften via Sport schlecht durch – und können wir Spiele in Sotschi problemlos ohne schlechtes Gewissen schauen, obschon zahlreiche Menschenre­chtsverlet­zungen dokumentie­rt sind. Die Realität wird ausgeblend­et, die Unterhaltu­ng zählt.

Was muss geschehen, damit Spiele nachhaltig­er werden?

Das IOK muss offener für grundlegen­de Änderungen sein. Bislang hat es oft nur nach Skandalen oder Problemen reagiert und auch dann oft mit reiner Kosmetik. Mehr Potenzial sehe ich allerdings bei den Ausrichter­n: Es gibt inzwischen enormen Druck von der Bevölkerun­g, nachhaltig­er zu denken. Das kann wie am Beispiel von Los Angeles 2028 etwa über die Ökonomie gehen.

«Es sollten nicht Hunderttau­sende wegen eines Events von drei Wochen quer über den Globus fliegen.»

Wo sehen Sie weitere Ansätze?

Dazu zählen für mich auch: viel kleinere Stadien. Denn es sollten nicht Hunderttau­sende wegen eines Events von drei Wochen quer über den Globus fliegen. Zudem zeigt diese Corona-pandemie doch, dass viele Veranstalt­ungen über digitale Plattforme­n abgewickel­t werden können. Also schaut man sich moderne Spiele eher daheim an, nutzt die neuen digitalen Möglichkei­ten. Eine Idee wäre auch, die Spiele stets an den gleichen drei vier Orten durchzufüh­ren. Es bräuchte dann keine neuen Stadien. Oder mehrere Städte veranstalt­en die Spiele gemeinsam.

Sie arbeiten an der Uni Lausanne, das IOK hat seinen Hauptsitz in der Stadt. Wie reagierte es auf Ihre Arbeit?

Es hat uns eingeladen, sie vorzustell­en. Wenn Sie mich nach unserem Verhältnis fragen: Es ist freundlich-distanzier­t. Erwähnen aber muss ich: Es stellte uns alle Daten, die wir anfragten, zur Verfügung. Damit ist es unter den Sportverbä­nden die Ausnahme.

Martin Müller

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