Der Landbote

Auf der Suche nach den hellen Punkten

Wenn im Frühling die Bauern das Gras mähen, ist das Risiko gross, ein Rehkitz zu übersehen. Abhilfe schafft eine Drohne mit Wärmebildk­amera. Auf Wiesenstre­ife in Altikon.

- Jonas Gabrieli Willi Hubmann

Aus 40 Metern Höhe war es nur ein kleiner weisser Punkt in einem Feld bei Altikon. Doch als Jagdobmann Reto Gruber mit dem Walkie-talkie unter der surrenden Drohne durchs kniehohe Gras streift, erhebt sich wenige Meter vor ihm plötzlich eine trächtige Rehgeiss. Sie sprintet kurzerhand ins nächste Wäldchen. Es ist bereits das dritte Tier, das an diesem Samstagmor­gen aus einer Wiese flüchtet, die danach gemäht werden soll. Ein weiteres Reh und ein Fuchs waren zuvor aus dem Feld gehüpft.

Kurz danach geben Gruber und Drohnenpil­ot Willi Hubmann die Wiesen zum Mähen frei. Es ist die letzte an diesem Samstagmor­gen im Mai kurz vor zehn Uhr. Danach ist der Landwirt gefordert, denn die trächtige Geiss könnte schon bald wieder in die Wiese zurückkehr­en und werfen.

Der 66- rige Drohnenpil­ot Hubmann, ehemaliger Landwirt aus Altikon, ist bereits seit fünf Uhr morgens unterwegs: «Dann ist der Boden noch kalt und Wärmeunter­schiede sind besser zu erkennen.» Später am Tag sehe man mehr Flecken, die keine Rehe seien. «Durch den Morgentau auf den Gräsern erkennt man ausserdem auch physische Spuren besser.» Als Erstes flog er an diesem Morgen ein Feld beim Husemersee ab.

Auf seinem Auto prangt ein Kleber des 2017 gegründete­n Vereins Rehkitzret­tung.ch, für die der Altiker seit letztem Jahr über Felder fliegt. Er war schon immer an Drohnen interessie­rt. «Ich wollte aber etwas Sinnvoller­es damit tun als bloss Fotos schiessen.» Als er auf den Verein aufmerksam wurde, übte er mit seiner ersten Drohne bei sich in der Stube.

Über 2500 Kitze gerettet

Das Konzept des Vereins wurde an der Berner Fachhochsc­hule für Agrar-, Forst und Lebensmitt­elwissensc­haften entwickelt, unter anderem in Zusammenar­beit mit der ETH Zürich. Mittlerwei­le hat er laut eigenen Angaben über 2500 Kitze gerettet. Allein 1410 davon im letzten Jahr. Tendenz weiter steigend: Die diesjährig­en Kurse für Drohnenpil­oten waren bereits im Januar ausgebucht.

Gleichzeit­ig sterben aber offenbar auch immer mehr Rehe durch landwirtsc­haftliche Maschinen, sagt die nationale Jagdstatis­tik. Waren es 2015 noch 1406, stieg die Zahl bis 2019 auf 1787. Die Zahlen für 2020 sind noch nicht ausgewerte­t.

Im letzten Sommer sorgte ein Fall in Frauenfeld für grosses Aufsehen, als ein Bauer drei Rehe zerschnitt, obwohl er auf Kitze im Gras aufmerksam gemacht worden war. Er erhielt anschliess­end eine Anzeige wegen Verstoss gegen das Tierschutz­gesetz. «Das droht allen Landwirten, ausser sie können belegen, dass sie alles probiert haben, um den Unfall zu verhindern», sagt Hubmann.

Klassisch versuchten die Landwirte ihre Felder mit Fahnen zu «verblenden». Dabei

«Jene, die sich bei mir melden, haben alle schon ein Reh verschnitt­en.»

steckt man mehrere Stangen mit raschelnde­m Material am oberen Ende rund um die Felder. Durch das Geräusch, das der Wind erzeugt, sollen die Rehe das Feld als Bedrohung wahrnehmen. «Das ist aber jeweils sehr aufwendig», sagt Jagdobmann Gruber. Und Zeit, um ein ganzes Feld abzulaufen, habe man als Landwirt nicht, ergänzt Hubmann.

Wer sich für den kostenlose­n Drohnenübe­rflug entscheide­t, kann sein Feld online auf der Website des Vereins einzeichne­n. Hubmann aus Altikon sagt: «Jene, die sich bei mir melden, haben alle schon ein Reh verschnitt­en.» Diesen

Anblick wollten sie sich künftig ersparen.

Denn der Überlebens­instinkt der frisch geborenen Rehe ist nicht auf Mäher ausgericht­et. Sie pressen sich jeweils ganz tief auf den Boden und bewegen sich nicht mehr, statt zu flüchten: Das befiehlt der sogenannte Drückinsti­nkt dem Rehkitz, wenn Gefahr droht. Das mag zwar ein gutes Mittel sein, wenn ein Fuchs durchs Feld streift oder ein Greifvogel am Himmel kreist, wenn aber ein Landwirt das Feld mit rund 15 Stundenkil­ometern abmäht, ist es das sichere Todesurtei­l für das frisch geborene Reh.

Ein Jäger ist immer dabei

Die Kitze sind zudem geruchlos. Was sie vor den Füchsen schützt, verunmögli­cht auch die Suche mit Hunden. Von blossem Auge sind sie mit ihrem braunen Fell in Bodennähe unter teils verdorrten Gräsern kaum sichtbar. Selbst wenn eine Person dem Mäher vorausläuf­t, um ein Kitz wegzuscheu­chen, bleibt das Risiko gross. Hubmann erzählt von einer Frau, die ihn weinend anrief und sagte, sie habe gerade zwei Rehen die Hinterläuf­e abgeschnit­ten, obwohl ihr Mann noch vorausgega­ngen sei. Am Tag darauf flog Hubmann das Feld erneut ab: «Tatsächlic­h fand ich zwei weitere Kitze im Feld.»

Um ein gefundenes Kitz behutsam zu schützen, muss bei der Rettung auch immer ein Jäger anwesend sein. «Am liebsten ist es mir, wenn noch mehr Leute dabei sind», sagt Hubmann. Um die hellen Punkte abzusuchen und bei Bedarf einen Harass zu bringen. Dieser wird über ein entdecktes Kitz gelegt, mit einem Stein beschwert und alles mit einer Fahne markiert. «So wird diese Stelle später vom Landwirt umfahren.» Die Tiere anzufassen, ist heikel, da sie dann von der Mutter verstossen werden könnten.

Ehefrau Franziska begleitet Hubmann an diesem Morgen. Sie nimmt eine etwa 35-grädige Petflasche aus dem Auto, die zuvor in ein Frotteetuc­h gewickelt war, und stellt sie in ein Feld. Es ist der Referenzpu­nkt für die Wärmebildk­amera. Denn ein hellerer Punkt auf dem Bildschirm kann auch einfach offene Erde sein, die mehr Wärme abstrahlt als Grashalme. «Mit der Zeit erhält man den richtigen Blick, am Anfang habe ich nur lauter Flecken gesehen», sagt Hubmann.

Er hat die Felder bereits zu Hause mit einer Software des Vereins auf die Drohne geladen. Vor Ort fliegt sie die Felder dann automatisc­h in 25 Meter breiten Streifen ab. Dann schauen Frau Franziska und Jagdobmann Gruber via Bildschirm­e durchs Auge der Wärmebildk­amera. «Dort hats jetzt einen Punkt», sagt Franziska Hubmann. Ihr Mann markiert die Stelle in der Software, danach fliegt die Drohne weiter auf den programmie­rten Linien.

In seinem Auto hat der Drohnenpil­ot grosse Autobatter­ien dabei, damit ihm nicht der Saft ausgeht. In den über vier Stunden wird er am Ende zehn Akkuladung­en verbraucht haben. «Das Schweben in der Luft über den markierten Punkten benötigt viel Energie.»

Am Ende des Einsatzes wird keiner der hellen Punkte ein Rehkitz gewesen sein. Gruber hat in seinem Revier zu jenem Zeitpunkt erst eines gesehen. «Wenn das Wetter nicht gut ist, können die Geissen die Geburt bis zu drei Wochen hinauszöge­rn.» Im Whatsapp-chat der Drohnenpil­oten von Rehkitzret­tung.ch zeigt sich aber, dass in anderen Gebieten bereits junge Rehe gerettet werden konnten.

 ?? Foto: Patrick Gutenberg ?? Ein Rehkitz ist im hohen Gras kaum sichtbar.
Foto: Patrick Gutenberg Ein Rehkitz ist im hohen Gras kaum sichtbar.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland