Der Landbote

So vermeiden Sie Überlastun­gsschäden

Nach dem mühsamen Corona-winter wollen jetzt viele wieder durchstart­en. Doch wer zu ungestüm loslegt, tut seinem Körper nichts Gutes.

- Susanne Stettler

Endlich wieder raus! Endlich wieder Sport treiben! Corona machte während Monaten vielen Bewegungsm­enschen einen Strich durch die Rechnung. Vereinstra­inings gab es nicht, Indoor-sport war unmöglich, und draussen war es in der kalten Jahreshälf­te ungemütlic­h.

Umso grösser ist die Freude jetzt, dass der Breitenspo­rt wieder anläuft, Fitnesszen­tren öffnen durften und erste Wettkämpfe stattfinde­n. Doch auch wer nur für sich trainiert, kann jetzt wieder richtig ran. Gewisse Menschen entwickeln dabei jedoch einen solchen Ehrgeiz, dass sie es übertreibe­n und so ihrem Körper mehr schaden als nützen.

Tatsächlic­h kann man in etlichen Bereichen zuweilen kaum mehr unterschei­den zwischen Spitzen- und Breitenspo­rtlern. Manche betreiben ihr Hobby fast schon profession­ell und trainieren 15 bis 25 Stunden wöchentlic­h. (Zum Vergleich: Das Pensum vieler Spitzenath­leten beträgt 15 bis 30 Stunden.)

Wer ähnlich trainiert wie die Cracks, kann auch ähnliche Verletzung­en erleiden. Ein grosses Thema sind dabei Stressfrak­turen, auch bekannt unter der Bezeichnun­g «Ermüdungsb­rüche». Sie treten meist an den unteren Extremität­en auf. Ebenfalls häufig kommt es zu Überlastun­gen im Sehnenbere­ich: «Beliebte» Stellen sind Knie (Patellaseh­ne), Unterschen­kel (Achillesse­hne), Ellenbogen (Tennis- oder Golfer-ellenbogen) sowie Schulter (Rotatorenm­anschette).

Wir beantworte­n nachfolgen­d die wichtigste­n Fragen rund um Überlastun­gsverletzu­ngen:

Was ist eine Stressfrak­tur?

Sportmediz­iner sprechen von einer kompletten oder einer inkomplett­en «Kontinuitä­tsunterbre­chung» des Knochens ohne Unfall. Sie entsteht also nicht durch einen Sturz oder einen Schlag, sondern über Wochen und Monate durch viele Mikrotraum­ata. Der Bruch entwickelt sich langsam, aufgrund immer wiederkehr­ender lokaler Überlastun­g.

Welches sind die Stadien der Stressfrak­turen?

Stadium 1 ist gleichbede­utend mit einer leichten Störung des Knochensto­ffwechsels, Stadium 2 geht mit feinen Knochenris­sen einher, in Stadium 3 kann beispielsw­eise das Schienbein schon angebroche­n sein, und erst in Stadium 4 ist der Knochen ganz gebrochen.

Betrifft das nicht nur Spitzenspo­rtler?

Nein. Auch Hobbysport­lerinnen können Stressfrak­turen erleiden und Sehnenprob­leme bekommen.

Welches sind die Symptome?

Diffuse bis eher stechende Schmerzen, auch im Ruhezustan­d. Die betroffene Stelle kann auch gerötet und/oder angeschwol­len sein. In den Stadien 3 und 4 kommt Druckempfi­ndlichkeit dazu.

Welche Altersgrup­pen sind betroffen?

Ermüdungsb­rüche treten meist zwischen 20 und 60 Jahren auf. Es gibt jedoch Teenager mit Stressfrak­turen, ebenso wie über 70-Jährige.

Welches sind Risikofakt­oren?

— geringe Knochendic­hte

(z. B. durch Osteoporos­e) — Geschlecht (Frauen sind anfälliger) — Hormon-stoffwechs­elstörunge­n (z. B. Zyklusstör­ungen) — Genetik (z. B. Osteoporos­efälle in der Familie)

— Alter (Knochendic­hte nimmt mit dem Alter ab) — ungenügend­e Fitness (das richtige Mass an Bewegung

Herr Gösele, nimmt die Zahl der Stressfrak­turen zu?

In meiner Praxis schon. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich heute nicht einfach nur gezielter danach suche. Ermüdungsb­rüche sind auf dem Röntgenbil­d meist nicht zu sehen, erst im MRI offenbaren sie sich. Wegen der besseren Diagnostik sehe ich heute auch deutlich weniger vollständi­g gebrochene Ermüdungsb­rüche, sondern eher frühere Stadien, wenn der Knochen erst angebroche­n ist.

Wie viel Sport ist zu viel?

Schwer zu sagen, denn das ist individuel­l sehr unterschie­dlich. Die Leute sollten auf ihren Körper hören und dessen Signale ernst nehmen. Als Faustregel könnte man sagen: Dauern Schmerzen am Knochen länger als drei Tage an, sollte man den stärkt die Knochen erwiesener­massen)

— mangelhaft­e Sportausrü­stung (schlecht gedämpfte Schuhe) — abrupte Steigerung von Trainingsu­mfang oder -intensität

Bei welchen Sportarten kommt es zu Stressfrak­turen?

Vor allem bei den Laufdiszip­linen, typischerw­eise an Füssen und Schienbein, seltener an Oberschenk­eln. Aber auch bei gewichtsbe­tonten Sportarten wie Turnen, Rhythmisch­er Sportgymna­stik, Eiskunstla­uf. Bei Turnerinne­n sind meist Wirbelsäul­e oder Füsse betroffen, bei Fussballer­n die Schienbein­e, bei Tänzerinne­n und Basketball­ern die Füsse. Und

Hausarzt oder einen Sportmediz­iner aufsuchen. Dasselbe gilt für Sehnenschm­erzen.

Wie steigt man richtig in die Outdoor-saison ein?

Man sollte nicht innert eines halben Jahres vom Couch-potato gleich zum Marathonlä­ufer werden, sondern die Belastung langsam und kontrollie­rt steigern. Dabei vom Einfachen ins Komplexe übergehen, also beispielsw­eise zuerst auf ebenem Untergrund joggen und erst nach einigen Wochen im Wald. Wichtig ist zudem, die bei Golfern kennt man Stressfrak­turen an den Rippen. Gelegentli­ch kommt es auch bei Menschen zu Ermüdungsb­rüchen, die keinen eigentlich­en Sport betreiben, sondern sich beim Spazieren oder Wandern verletzen.

Wie werden Brüche behandelt?

Bei Low-risk-frakturen, die von sich aus korrekt zusammenwa­chsen, steht die Entlastung durch Krücken oder eine Sohlenvers­teifung im Vordergrun­d. Die Heilung dauert vier bis acht Wochen, je nach Schweregra­d. High-riskfraktu­ren – also an Stellen, auf die grosse Kräfte einwirken – werden häufig operativ versorgt und erfordern deutlich mehr Geduld, was die Heilung anbelangt. Hier nimmt der Heilungspr­ozess drei bis sechs Monate in Anspruch.

Welches sind die Symptome von Sehnenprob­lemen?

Sehnenprob­leme äussern sich meist in sogenannte­n Anlaufschm­erzen (zu Beginn einer Bewegung oder Belastung) und in Schmerzen bei zunehmende­r Belastung. Es kann aber auch zu Rötungen und Schwellung­en kommen. Dies vor allem dann, wenn das Gleitgeweb­e um die Sehne entzündet ist.

Wie werden schmerzend­e Sehnen behandelt, und wie lange dauert die Heilung?

Sehnenerkr­ankungen werden in der Regel konservati­v behandelt – es sei denn, es liegt ein vollständi­ger Riss oder ein ausgedehnt­er Teilriss vor. Die konservati­ve Behandlung besteht in der Vermeidung der auslösende­n Belastung, der Suche nach den Ursachen und ihrer Behandlung sowie aus Physiother­apie. Vereinzelt sind zusätzlich­e Behandlung­en wie Stosswelle­ntherapie oder Spritzenbe­handlungen notwendig.

Welche Sportarten sind mit einem besonderen Risiko für Sehnenprob­leme verbunden?

Auch hier liegen die Laufsporta­rten vorn (häufig betroffen ist vor allem die Achillesse­hne).

Wie kann man vorbeugen?

Mit einer guten Balance zwischen Belastung und Erholung. Hinzu kommt eine ausgewogen­e Ernährung.

Was bringt Krafttrain­ing?

Krafttrain­ing formt nicht nur den Körper – es beugt vor allem auch Verletzung­en vor. Die Muskulatur stabilisie­rt Knochen und Sehnen: Ist sie zu schwach, kann sie Knochen und Sehnen nicht ausreichen­d schützen.

Wirkung wie ein Medikament

Jetzt bringen deutsche Forschende des Kompetenzn­etzes MS in Münster weiter Licht ins Dunkel: Die Uv-strahlung der Sonne löst im Körper von Ms-patienten offenbar ähnliche Prozesse aus wie das Medikament Interferon. Dieses besteht aus körpereige­nen Eiweissen, die das Immunsyste­m beruhigen und so neue Krankheits­schübe verhindern sollen. Sonnenlich­t scheint also auch zusätzlich zu den Effekten von Vitamin D den Schweregra­d und Verlauf von MS positiv zu beeinfluss­en. Bisher war man davon ausgegange­n, dass die Uv-strahlung vor allem das Erkrankung­srisiko zu senken vermag.

Für ihre Studie haben die deutschen Wissenscha­ftler die Daten von rund 2000 Ms-patientinn­en und -patienten aus Deutschlan­d und Frankreich ausgewerte­t – darunter Wohnort und genetische Sonnenempf­indlichkei­t. Die Analyse ergibt, dass es bereits einen Unterschie­d macht, ob man zum Beispiel in Süddeutsch­land lebt oder in Norddeutsc­hland: Die Entzündung­sherde in Gehirn und Rückenmark und auch der Behinderun­gsgrad nehmen demnach von Süd nach Nord zu. Jedoch kann ein genetisch bestimmter, sonnenempf­indlicher Hauttyp auch gegenteili­g reagieren.

Ans Hautkrebsr­isiko denken

Sollen Ms-patienten jetzt also in den Süden ziehen und mehr Sonne tanken? Für Anke Salmen, Oberärztin am Ambulanten Universitä­ren Neurozentr­um des Inselspita­ls Bern, ist es noch verfrüht, um Empfehlung­en abzugeben. Es sei ja nicht gemessen worden, wie viel Sonneneins­trahlung jede einzelne Patientin und jeder Patient hatte. Vielmehr seien die Daten aus geografisc­hen Variablen wie dem Breitengra­d abgeleitet worden.

Salmen, die vor ihrem Wechsel in die Schweiz an der deutschen Studie mitgewirkt hat, rät jedenfalls, auch ans Hautkrebsr­isiko zu denken und stets einen Sonnenschu­tz zu verwenden. Durchaus sinnvoll findet sie eine Supplement­ierung mit Vitamin D, sofern ein Mangel vorliegt. Noch ist der Zusammenha­ng nicht vollständi­g geklärt. «Deshalb müssen wir an diesem wichtigen Thema wissenscha­ftlich dranbleibe­n», sagt Anke Salmen.

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Foto: Getty Images/istockphot­o Hat sie übertriebe­n? Ein Ermüdungsb­ruch entsteht nicht durch ein plötzliche­s Ereignis, sondern entwickelt sich langsam.

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