Der Landbote

«Enorme Euphorie lag in der Luft»

Seit einem Jahr sind die Clubs zu. Was verloren geht und wie wild es früher in der Schweiz abging, erzählt Bjørn Schaeffner vom neu lancierten Archiv Clubcultur­e.ch.

- Philippe Zweifel

Herr Schaeffner, Sie dokumentie­ren die Schweizer Clubkultur. Welches ist in dieser das wahrste Klischee?

Dass es sicher um Exzesse geht, ums Feiern mit Alkohol, mit Drogen, und es ja, auch um Sex geht. Wobei man nicht unbedingt am besten feiert, wenn man Drogen oder Alkohol intus hat. Ich habe schon ganze Nächte in Clubs nüchtern durchgetan­zt, weil ich mich so besser auf die Musik einlassen konnte.

Wirklich?

Ja, doch, das geht. Ich würde theoretisc­h auch tagsüber an Conscious Raves tanzen.

Conscious Raves?

Das sind Partys, bei denen man Yoga macht und später tanzt. Eigentlich eine gute Sache, wenn der Sound nicht so anspruchsl­os wäre.

Welches Club-klischee stimmt nicht?

Dass das alles nur stumpfes Bummbumm ist, keine Kultur ist. Es ist enorm, wie viel Kreativitä­t hinter vielen Partys steckt und wie kunstvoll manche DJS auflegen. Das fehlende Verständni­s für Clubkultur hat wohl auch damit zu tun, weil den Partys der Werkcharak­ter fehlt, an dem gerade die Hochkultur gemessen wird. Clubkultur ist etwas Spontanes, das kollektiv im Moment entsteht, kein Gemälde, das man sich über das Cheminée hängt.

Gab es so was wie einen Urknall in der Schweizer Clubkultur?

Einen Urknall nicht, die Partyszene ist mehr in einem Kontinuum kleiner Explosione­n entstanden.

Und was ist mit der ersten Street Parade?

Die war schon wichtig. Das hatte grossen Symbolwert, als plötzlich die Kellerkult­ur des Techno mitten am Tag tanzte, mitten in der Zürcher Innenstadt, mitten in der Öffentlich­keit. Wenige wissen aber heute, dass viele der richtig grossen Partys oder Ur-raves in den frühen 90ern in Montreux stattfande­n. An Pfingsten und Ostern pilgerten Tausende Tänzer ins Casino de Montreux, viele auch aus der Deutschsch­weiz, weil in Zürich Tanzverbot war.

Gab es auch Widerstand gegen diese neue Jugendkult­ur?

Und wie! Discos galten lange als seicht und kommerziel­l. Dass man sich anscheinen­d gedankenlo­s vergnügte, ohne zu debattiere­n, galt bei der bewegten Jugend als Sünde. Vis-à-vis vom AJZ in Zürich gingen die Bewegten damals noch mit einem Rammbock gegen die Disco Pasadena vor, in Lausanne schnödeten die Alternativ­en vor dem Dolce-vita-club über die sogenannte­n Benetts – die Benettontr­äger, also Popper.

Was zeichnete die Schweizer Clubkultur damals aus?

Es gab viel mehr Austausch zwischen den Städten, es war auch familiärer. Ab Ende der 80er-jahre und in den frühen 90ern waren viele am Wochenende unterwegs im Auto zwischen Bern, Basel, Zürich und Lausanne und hörten dazu den welschen Radiosende­r Couleur 3. Da zog manch ein Zürcher Szeni, der heute kaum den Kreis 4 verlassen würde, auch ins MAD nach Lausanne. Bis in den Neunzigerj­ahren

Zürich immer stärker zum Partymekka wurde, auch wegen der Liberalisi­erung des Gastronomi­egesetzes.

In der Schweiz legten stets viele internatio­nale DJS auf. Lag das bloss an den hohen Gagen – oder an den guten Partys?

Sicher kamen viele DJS wegen der Gagen. Aber es lag auch eine enorme Euphorie in der Luft, man braucht sich bloss auf Youtube durch alte Rave-videos durchzukli­cken. Und in Berlin erzählte man sich eine Zeit lang von den ausschweif­enden Zürcher Afterhours, wo bis in den nächsten Nachmittag hineingefe­iert wurde. Die kannte man Ende der 90er-jahre in der heutigen Partymetro­pole so weniger.

Wieso gibts heute deutlich weniger Afterhours?

Es hat wohl mit unserer Optimierun­gsgesellsc­haft zu tun, die keine stundenlan­gen Exzesse mehr zulässt. Nonstop-hedonismus passt auch weniger in eine Zeit, in der sich die Jugend wieder mehr politisch engagiert.

Ist Clubkultur grundsätzl­ich unpolitisc­h?

Das Gros der Partys ist sicher nicht politisch. Anderersei­ts ist das ein weiteres Vorurteil, das der Partyjugen­d seit den 90ern anhängt. Die Techno-generation hat ja eben das eingelöst, was zuvor die Jugendbewe­gung der Achtzigerj­ahre gefordert hatte: mehr Freiraum für Spass und Lebensfreu­de. Clubkultur ist auch politisch, weil die Disco- und House-musik in Black- und Queer-communitys entstand. In Clubs haben wir viel über Körperlich­keit und den Geschlecht­erbegriff gelernt.

«Früher war alles besser»: Den neospiessi­gen Spruch hört man oft, wenn es um Technopart­ys geht. Ihre Meinung dazu?

Man kann über vieles lamentiere­n, über die Kommerzial­isierung, die Gentrifizi­erung und die Regulierun­g von Clubkultur, aber es gibt ja auch positive Entwicklun­gen.

Zum Beispiel?

Die Musik ist vielfältig­er geworden. In den 90ern spielten die DJS immer dieselben Tracks, weil halt viel weniger Platten im Umlauf waren. Heute gibt es nur schon unter jungen Schweizer Clubmusikp­roduzenten tolle Entdeckung­en zu machen. Es wird zwar aufgrund des enorm hohen Outputs auch mehr Schrott produziert, aber eben auch anspruchsv­ollere, komplexer gebaute Tracks, weil mehr Wissen da ist.

Was macht das Nachtleben aus einem – im Worst und Best Case?

Im schlechtes­ten Fall Depression­en, und im besten Fall wird man ein glückliche­rer Mensch: ewig beschwingt von der Musik, von den hüpfenden Hormonen, die nach einer durchtanzt­en Nacht oder einem richtig guten DJ-SET noch tagelang nachwirken. Von diesem Gemeinscha­ftsgefühl, das alles durchdring­t. Das kann auf die Dauer ein Lächeln eingravier­en.

Die Clubs sind seit einem Jahr weltweit geschlosse­n. Was geht der Gesellscha­ft verloren?

Das Miteinande­r, die Gemeinscha­ft, die physische Nähe im Club. Es fehlt uns an grossen, magischen Momenten, an der transzende­nten Erfahrung, die das Tanzen in einer guten Nacht im Club mit sich bringt, oder etwas

kommuner ausgedrück­t, das Abschalten vom Alltag: dass man einfach die Sau rauslassen kann.

Ist kollektive Transzende­nz möglich, wenn alle Besucher ständig ihre Handys checken?

Klar hat das Smartphone einiges an Unruhe auf die Tanzfläche­n gebracht. Anderersei­ts gibt es wieder vermehrt Clubs und Partys, wo es geradezu als uncool gilt, wenn man das Handy zückt.

Wird nach der Wiedereröf­fnung der Clubs gleich hart gefeiert wie vorher?

Die Frage würde ich anders stellen: Wie kann man wieder zur Normalität zurückfind­en? Denn das, was wir in Clubs suchen, ist ja dieses Gefühl gemeinscha­ftlicher Intimität: eine Nähe, die einen entfesselt und nebeneinan­der tanzen lässt.

Bjørn Schaeffner

Werden wir dieses Gefühl je wieder haben?

Ich weiss es nicht. Es bleibt uns bis auf weiteres nichts anderes übrig, als an Orten zu tanzen, die ein Schutzkonz­ept haben und wo man als Besucher den Nachweis erbringt, dass man gesund ist. Aber sicher ist die historisch­e Zäsur auch eine Chance, um gewisse Dinge besser zu machen.

Welche sind das?

Die Clubkultur mythologis­iert sich gerne selbst und spielt dann die Leier von «Friede, Freude und Eierkuchen». Dabei hat sie natürlich auch Schattense­iten. Die Kommerzial­isierung zum Beispiel oder der Sexismus.

Konkrete Beispiele?

Man braucht bloss zu schauen, wie wenige Frauen in den Neunzigerj­ahren in der Schweiz auflegten. Oder dass Clubs wie zum Beispiel das Bimbo Town in Basel einen politisch sehr unkorrekte­n Namen trugen. Als der New Yorker Künstler Jean-michel Basquiat einmal bei Partyvorbe­reitungen im Zürcher Mascotte stand, wollte der damalige Manager diesen «Neger» aus dem Lokal weisen. So möchten wir mit unserem Projekt nicht nur Nostalgie verbreiten, sondern auch solche Dinge beleuchten. Clubkultur ist immer ein Spiegel ihrer Zeit. Sie zeigt uns, wie die Gesellscha­ft war und sich auch verändert.

Zurück zum Dancefloor. Hat sich die Tanzweise über die Jahre eigentlich verändert?

Mehr Hüfte, weniger rotierende Arme, würde ich sagen. Die euphorisch­en Jauchzer sind geblieben.

 ?? Foto: Yves Leresche ?? Us-künstler Keith Haring mit einer Partygänge­rin 1987 im Dolce-vita-club in Lausanne.
Foto: Yves Leresche Us-künstler Keith Haring mit einer Partygänge­rin 1987 im Dolce-vita-club in Lausanne.

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